Fluchtbewegung

Ich muß hier raus.

Ich habe in aller Ruhe gefrühstückt, nachdem mich die Sonne so gegen neun Uhr geweckt hat an diesem Sonntag.Vorgestern hat es bei dem verdammten Gewitter nachts meinen Verstärker zerlegt, den ich nicht ausgeschaltet hatte.  Einmal in mehr als zehn Jahren habe ich die übliche Routine nicht beachtet. Ich war eingeschlafen in der schwülen Hitze der zwei Sommertage vorher. Das war gut, denn ich habe endlich mal nicht von dir geträumt.
Bis mich das tiefe dröhnende Brummen weckte, das jetzt nicht mehr weggehen will. Was immer es sein mag, dieses technische Gerät hat wohl eindeutig einen endgültigen Schaden erlitten. Schade. Dieser Verstärker ist satte 38 Jahre alt und hat mir gute Dienste geleistet.

Jetzt habe ich keine Musik in meiner Wohnung. Denn die kommt vom PC und der hängt am Verstärker und der…nun ja, keine Musik. Aber ich brauche irgendwas, um diese beschissene Stille in mir zu übertönen. Ich muß diese leeren Hallen, die sich in meinem Inneren befinden, mit etwas ausfüllen.
Ich habe bereits die Hütte aufgeräumt, habe den Staub bekämpft, der sich auf, unter und zwischen den antiken Videocassetten angesammelt hatte. Denn beim Frühstücken konnte ich ja nicht wie üblich vor dem PC hocken. Kein Ton beim Dokus gucken.

Also mußte der Fernseher herhalten. Der steht ja ohnehin nur deshalb rum, weil er noch Videos anzeigen kann. Fernsehanschluß habe ich gar keinen. Wer braucht das schon?
Zum ersten Mal seit zwei Jahren sitze ich also beim Frühstück nicht vor dem PC, sondern vorm Fernseher. Oder sind es drei Jahre? Ich weiß es nicht genau. Also mußte ich natürlich auch ein Band einlegen. Dafür mußte ich eins aussuchen. Da war dann die Sache mit dem Staub. Eine prima Gelegenheit zur Ablenkung. Alles ist gut, solange es ablenkt. Anschließend mußte ich wie immer das Gekrümel zusammenfegen, das ich jedesmal anrichte. Da überkam mich der Drang, das mit dem Staubsauger zu erledigen. Alles ist gut, solange es ablenkt.

Aber jetzt ist es gerade mal eins, die Sonne scheint, die schwüle Hitze ist weg. Und dieser verdammte Drang ist wieder da, im verdammten Internet das verdammte Facebook zu öffnen, um zu sehen, ob du dich gemeldet hast. Völliger Blödsinn. Hast du natürlich nicht. Warum auch? Warum sollte ich das vor allem wollen?
Es gibt nichts, was ich dir noch sagen kann. Ich habe dir alles über mich gesagt und du hast es für deine Zwecke benutzt. Du hast mich für deine Zwecke benutzt. Ich fühle mich ausgetrocknet im Innern. Wie ein Schwamm in der Wüste. Fehlplaziert. Wie ein Pinguin in zehntausend Metern Höhe.

Nach sechs Monaten, in denen ich mir etwas eingebildet habe, das niemals existierte, bin ich bemüht, meine Gedanken wieder unter die Kontrolle analytischer Rationalität zu zwingen. So wie es sein sollte. So wie es war, bevor ich über dich gestolpert bin. Du hast mich in eine Art Wahn versetzt, der wie ein Schleier über meinem Denken lag.
Hätte ich einfach mal nur nichts gesagt an dem Tag. Meine vorlaute Klappe gehalten. Oder zumindest meinen Verstand eingeschaltet gelassen, um höflich, humorvoll, aber reserviert zu bleiben, wie es so oft meine Art ist. Vor wenigen Tagen bin ich aufgewacht aus einem emotionalen Albtraum, an dem ich selber schuld bin. Zumindest auch. Was für ein unfaßbar naiver Vollidiot ich gewesen bin. Es ist mir im Nachhinein unbegreiflich, wie ich zulassen konnte, daß du mir derartig nahe kommst.
Wie konnte ich alle Sicherheitsregeln derartig mißachten? Wie konnte ich meine Routine der Verteidigung so nachlässig behandeln?

Ich muß hier raus. Das Fahrrad wartet. Ich trete in die Pedale, gleichmäßig, kräftig. Spüre die Sonne. Es ist ein ruhiger Sonntag. Die Innenstadt lockt mit einem Eis. Ich bezahle einen Euro pro Kugel und möchte mich schon fast wieder aufregen. Dann denke ich: „Meine Fresse, war ich so lange nicht mehr Eis essen?“
War ich tatsächlich nicht. Letztes Jahr war ich kein einziges Mal hier. Ich glaube, im vorletzten auch nicht. Allein Eis essen ist irgendwie doof und ich bin schon so lange allein. Wenigstens die Qualität ist immer noch dieselbe. Das Zitroneneis beißt in mein Zahnfleisch, bis sich meine Ohrläppchen kräuseln. Großartig!

Ich bewundere die blasse Haut und die wunderbaren, kupferroten Haare einer Passantin. Sie lächelt. Es erinnert mich an dieses Foto von dir in deiner Küche. Eines der wenigen, auf denen du dein echtes Ich zeigst. Ich sitze in der Sonne, das Kaffee-Eis schmilzt auf meiner Zunge, ich schließe genießerisch die Augen, und zum ersten Mal seit drei Tagen sehe ich wieder dein Gesicht in meinem Kopf und höre deine Stimme.
Ich mache die Augen angewidert wieder auf. Ich stelle mir eine Sekunde vor, mit dir am Tisch unter einem dieser Schirme zu sitzen, jeder mit einem Eisbecher vor sich und du mit diesem Lächeln, das mich immer so irre glücklich gemacht hat.

Es ist zum Kotzen mit dir. Ich fahre durch den Park zurück nach Hause, die grüne Strecke. Es ist noch immer ein sonniger Tag. Fußgänger. Jogger. Kinderwagen.
Mein innerer Vulkanier spricht zu mir und macht mir klar, daß ich dich im Moment überall hin mitnehme, weil du in mir steckst. Ich sage dem Klugscheißer, daß ich so schlau auch schon vorher war. Ich sage es laut, beim Radfahren. Keiner kümmert sich drum. Menschen sind unachtsam und außerdem quatschen heutzutage alle in die leere Luft. Vielleicht telefoniere ich ja gerade.

Ich trete weiter in die Pedale, fahre ausnahmsweise diesen verdammten Hügel rauf, den ich sonst immer laufe. Mein Herz schlägt viel zu schnell. Ich sollte das nicht tun. Es ist gefährlich für jemanden wie mich. Aber scheiß drauf. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, fokussiere meine Gedanken auf den Asphalt. Gleichmäßiges Treten, nicht aus dem Sattel rausgehen.

Du brummst in mir wie der Ton meines kaputten Verstärkers und ich kann es genauso nicht abschalten. Ich habe einen neuen bestellt. Ich wollte, ich könnte mir ein neues Herz bestellen. Einen neuen Kopf. Vielleicht einen, in den ich nicht alle vorhandenen Daten einspielen muß. Ich werde dich da rausbekommen, wo ich dich niemals hätte hineinlassen sollen. Ob ich dafür eine Kettensäge brauche oder ein Messer oder einfach nur eine Pistole. Irgendwas. Irgendwie. Oder ich werde einfach durchdrehen.

Du mußt aus mir raus.

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