Einkaufen mit Hulk

Einkaufen.
Eine ganz banale Alltagstätigkeit. Macht jeder.
Ich muß wieder mal raus. Gerade eben fällt mir die Decke auf den Kopf und es ist ein schöner Tag. Eigentlich ist es ein schöner Tag. Wenn ich nicht immer wieder diese schwarzen Wellen hätte, die da auf mich zurollen. Wie ein Meer aus Öl und Teer bewegt sich die Dunkelheit in meinem Inneren. Zäh lecken diese trägen Wogen aus Emotion an einen düsteren Strand aus grauem Fels. Ich kann es hören.

Also raus. Fahrrad schnappen. Die Wochenzeitung aus dem Briefkasten holen. Ich bleibe in der Einfahrt stehen, die Sonne scheint mir genau ins Gesicht auf dem Weg zurück zur Haustür. Ich trinke das Licht und atme die Wärme ein. Die Sonne brennt hinter meinen geschlossenen Lidern dein Bild weg. Das ist gut. Atmen. Tief. Gleichmäßig. Ich erzeuge einen ruhigen Punkt in mir, an dem ich stehen kann, ohne zu schwanken.

Übers Feld, dann die Straße. Wind im Gesicht. Draußen ist gut.
Aber es hat einen Nachteil: Menschen. Hier gibt es welche. Supermärkte und ihre Parkplätze haben die dumme Angewohnheit, auch andere Menschen zu beherbergen. Gott, wie ich Menschen manchmal hasse! In Gruppen besonders. Je älter ich werde, desto mehr sind mir Menschenmengen zuwider. Mehr als ein Jahrzehnt gelebter Einsamkeit tut da ihr übriges.
Ich überprüfe den Sitz meines offiziellen Ausgeh-Gesichts. Scheint alles in Ordnung zu sein. Die Einkaufsroutine kann beginnen. Ich muß was kochen, habe ich beschlossen. Ich kann Tiefkühlfutter grad nicht mehr sehen. Ich brauche Ablenkung. Gemüse zum Töten. Außerdem ist der neue Verstärker da. Funktioniert einwandfrei. Beschickt meine Boxen wesentlich besser als mein altes Gerät, das Digitale ist manchmal nicht unvorteilhaft. Ich wollte immer noch, ich könnte mein Herz genauso schnell austauschen. Meinen Kopf.

Ich lasse die Dame am Band hinter mir vor. Mit ihrem Plastikbeutel voller Salat und dem Dressing dazu ist sie schneller abkassiert, als ich meinen Kram auflegen kann. Eine kühle, rationale Entscheidung, eine Abwägung von zeitlichen Parametern. Unemotional.
Sie bedankt sich erfreut, lächelt. Etwa Mitte vierzig, schätze ich. Zu sonnenverbrannt. Solariumshaut mit schwarz gefärbtem Haar. Eindeutig exakt nicht mein Typ. Ich lächle zurück, die Programmschleife fürs Einkaufen funktioniert. Aber nur bedingt.

In mir drin schreit es. Irgendwas möchte dieser Frau ihren bescheuerten Plastiksalat um die Ohren hauen. Wie man so abgrundtief blöde sein kann, diesen Müll zu kaufen. Zeitgleich flötet die Marktwerbung mir ins Ohr. Die tolle Supermarktkette benutzt jetzt keine Plastiktüten mehr, stattdessen Taschen aus Baumwolle oder Jute. Super. Mache ich erst seit etwa 20 Jahren, aber immerhin. Die Werbestimme sagt: „Natürlich mehrfach verwendbar“.
Ja. Natürlich. Ich lebe in der Gesellschaft von Steinzeitproleten, denen man erklären muß, daß Stofftaschen ja mehrfach verwendbar sind. Und früher habe ich diese Sprüche von zunehmender Degeneration im Bildungswesen für übertrieben gehalten.

Rückweg. Zu Fuß. Mehr Licht. Ich lasse mir den Wind bewußt ins Gesicht wehen. In mir steigert sich das Donnern der ölschwarzen See wieder. Ich möchte mich vergessen. Brüllen. Auf etwas einschlagen. Haltlos schluchzend in mich zusammenbrechen und nie wieder aufstehen. Alles gleichzeitig. Ich fokussiere mich auf den warmen Wind, die vorbeifahrenden Autos.

Du hättest jetzt wieder in deinem Badezimmer gestanden. Mit deiner beschissenen Rasierklinge am Arm hättest du wieder ein Dutzend Schnitte gesetzt. Weil du dich wieder wie tot fühlst. Gefühllos. Unverbunden. Ohne Empfindung. Der Schmerz verschafft dir einen Kontakt zur Welt.
Bei mir ist es andersrum. Du steckst wie ein Splitter tief in mir und der Schmerz glüht derartig, daß die See in mir hochbrodelt.
Immer wieder. Unkontrolliert. Ungezähmt. Ich habe meine Barrieren für dich gesenkt und das ist jetzt die Folge davon. Ich schwimme verzweifelt in diesem kochenden Ozean und versuche, nicht zu ertrinken. Wäre ich ein Schiff, man könnte das Knirschen der Takelage hören, mit Energie gefüllt und kurz vorm Zerbersten.

Dieser Tag taucht wieder auf in meinem Kopf. Vor knapp sieben Monaten. Wie du aus dem Bad kommst und deinen linken Arm vor mir versteckst. Aber ich sehe dir an, was passiert ist. Fünf Minuten, nachdem du mir versprochen hattest, so was nie wieder zu tun. Nachdem ich dich gebeten hatte, das nicht mehr zu tun.

Ich greife den Arm, greife dich, schiebe dich mit meiner Masse an die Küchentür, meine Hände streichen über deinen Hals, umfassen dein Kinn, dein Gesicht, drücken deinen Kopf nach oben, Füße vom Boden. Du siehst mich nicht an. Ich zittere vor unterdrückter Wut. Und vor Erregung. Eine Stimme in mir schreit mich an.
Ich soll sie schlagen, die verlogene, wertlose Schlampe, die ich da gerade im Griff habe. Ihr das geben, was sie so gerne hat. Unterdrückung und Schmerz. Du siehst noch immer zur Seite, scheinst nur auf den ersten Schlag zu warten. Wie ich diese widerwärtige Unterwürfigkeit an dir hasse in diesem Moment. Du bist so viel größer als das. Ich spüre Furcht unter meinen Fingerspitzen.

Mein Herz rast. Noch niemals in meinem Leben habe ich irgendwem etwas getan. Aber der Impuls hat mich überrascht.

Ein anderer Teil von mir möchte diesen Arm nehmen, das Blut schmecken, das aus den Schnittwunden quillt. Dich mit diesen blutigen Lippen küssen. Dir dabei in die Augen sehen. Und dann weinen, weil du das getan hast, was du getan hast. Dich umarmen, ganz fest. Dich trösten. Für immer festhalten.
Ich tue nichts davon. Vor Zittern gelähmt kann ich dich nur anstarren. Eine Sekunde. Fünf. Dreißig Milliarden. Eine Ewigkeit. Ich setze dich wieder ab, ganz sanft. Noch niemals habe ich jemandem etwas getan und das tue ich auch weiterhin nicht. Aber noch niemals hat jemand mich so nahe an diesen Abgrund gebracht, vor dem ich gerade entsetzt zurückgeschreckt bin.

Ich habe Angst vor dir.
Während du auf den Küchenstuhl flüchtest, dich zusammenrollst, stehe ich wie vom Donner gerührt da und fahre meinen Puls wieder nach unten. Beruhige mein irre schlagendes Herz. Wenn ich jetzt aus dem Rhythmus gerate, werde ich auf deinem beknackten Küchenboden sterben.

Ich kehre zurück in den Wind. Der Feldweg. Gras raschelt. Du schneidest dich immer wieder, weil du nichts spürst. Weil das Gewicht deiner beschissenen Vergangenheit deine Seele zerquetscht. Aber das weiß ich in dem Moment noch gar nicht. Ich mußte immer wieder dieses dunkle Etwas in mir zurückpfeifen in meinem Leben, weil ich zuviel spüre. Jahrelanges Ringen mit mir selbst hat zu einem Ergebnis geführt. Einer Festigung meines Inneren. Einer stabilen Mitte.
„Sie sind halt ein Sensibelchen“, sagte mal ein Psychologe zu mir. Im Alltagsgespräch, nicht einer Praxis. Danke, das wußte ich schon.

Über all diese Jahre hatte ich die Dunkelheit in mir sehr gut im Griff. Fusioniert mit meiner rationalen, kühlen, logischen Seite. Meinem analytischen Verstand. Meinem Beobachter. Dann bist du mir zugestoßen. Ich möchte dich so gern vergessen und kann nicht. Weil ich es nicht will. Du steckst zersplittert in mir und läßt den Schmerz weiter glühen.

Meine Mitte ist zerstört durch dich.

Advertisements

2 Gedanken zu “Einkaufen mit Hulk

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s