Grauzone

Es ist ein grauer Tag, der mich diesmal weckt. Wieder früher als gestern. Schon gestern war es früher als vorgestern. Jeden Tag ein bißchen früher. Dabei war ich sogar länger wach als sonst.
Mit jedem Tag erodiert mein Schlaf um ein paar Minuten dahin. Ganz langsam, wie das Tröpfeln des Wassers von einer sonnenbeschienenen Gletscherkante. Tropfen für Tropfen. Aber addiert ergeben sich Bäche, Flüsse, Ozeane. Endlosigkeiten aus Wasser.

Ich bin so dankbar für Schlaf. Mein verdammtes, ruheloses Gehirn legt eine Pause ein. Oder zumindest muß ich ihm eine Weile nicht mehr zuhören. Es wird wieder schlimmer in letzter Zeit. Die Bücher, die ich lese, die wissenschaftlichen papers, die ganzen Artikel, die Nachrichten. Alles, was ich auf mein Denken ablade, um dein Scheißbild in meinem Kopf zuzuschütten.
Alles sammelt sich an, wird in meinem Kopf hin und her geworfen. Die Daten. Die Zahlen. Kurven und Grafiken. Alles zusammengerührt, durcheinandergewürfelt, wiedergekäut, in Beziehung gesetzt, zu Puzzlestücken gestanzt und wieder zusammenmontiert.
Ich kann ums Verrecken nicht aufhören zu denken und der Ton meiner Gedanken ist soviel lauter geworden, seitdem du nicht mehr bist. Ich sage extra nicht „da bist“, denn das warst du ja eigentlich nie. Monatelang hast du mich in einer Illusion von Nähe gehalten wie in einer Nährlösung.

Kaum habe ich die Augen aufgeschlagen, steht dieses Bild von dir wieder vor meinen Augen, von meinem rastlosen Kopf in den Sehnerv geknallt wie eine Faust ins Gesicht.

Dieser eine, wunderschöne Moment, in dem du dich morgens an mich kuschelst.
Dich zu mir drehst und deinen Kopf auf meine Brust legst. Dieses kleine, leise Lächeln deiner Lippen. Ich kann nicht ausdrücken, wie unglaublich glücklich mich das macht. Wie ich deinen Arm um mich lege, weil du nicht so recht zu wissen scheinst, was du mit ihm anfangen sollst. Überhaupt scheinst du sehr oft nicht zu wissen, was du mit manchen Dingen anfangen sollst. Soviel habe ich in dem Moment zumindest schon herausgefunden.

Ich bin selber etwas verwirrt in diesem Augenblick. Ich bin so lange nicht mehr neben einer Frau wach geworden. Ich hatte das alles längst vergessen. Ich verliere mich im Anblick deines Gesichts, mit meiner Hand in deinem wuscheligen Haar. In deinem Geruch an meinen Händen. Das Gefühl deines Atems, der mir über die Brust kitzelt. Die Wärme deine Wange. Das Licht auf dem Bogen deiner Hüfte. Die Sonne geht auf.

Es regnet. Vom mittelgrauen Himmel fällt ein Wasserschleier und besprenkelt die Landschaft. Ich ergehe mich in meiner üblichen Routine. Aber es fällt mir zunehmend schwerer, mich dazu aufzuraffen, überhaupt das Bett zu verlassen. Wie Atlas meine ich, das Gewicht der Welt auf mir zu spüren. Ich kann die Erde fühlen unter meinen Füßen, durch Teppich und Beton hindurch, spüre ihre Bewegung durch das All.
Ich starre nach draußen in den Regen, straffe meine Schultern. Ich denke, das Geniesel sieht aus wie fein zerstäubtes Wasser aus einem Duschkopf. Ich gehe duschen. Wieder wirft mein beschissenes Gehirn mir eine Erinnerung zu, kaum daß ich meine Augen unter dem Wasserstrahl geschlossen habe.

Wie ich dir scherzhaft am Telefon androhe, daß wir gemeinsam duschen werden, wenn du mir deinen Gegenbesuch abstattest. Du findest das gruselig, die Vorstellung ist dir unangenehm. Denn du magst die Dinge gar nicht besonders, die ich mir vorstelle. Alles, was mit Zärtlichkeiten zu tun hat, ist dir suspekt. Da ist dieser Teil von dir, der das haben will. Der danach giert. Da ist dieser andere, der sich vor so etwas geradezu zu Tode fürchtet. Dieser Teil, der fest davon überzeugt ist, daß du dir solche Dinge irgendwie erst verdienen müßtest. Weil du es nicht wert bist, von anderen Menschen zärtlich oder mit Liebe behandelt zu werden. Liebe. Was für ein beschissenes Wort für dich.

Mein Denken rauscht in meinem Kopf wie der Regen. Wie das Wasser aus dem Duschkopf. Aber alles weiße Rauschen kann dich nicht auslöschen. Wie ich mir vorstelle, daß meine schaumigen Hände über deinen Körper gleiten. Wie ich jede einzelne Zelle streichle, bis du anfängst zu glühen.
Ich wäre so gerne ein Sandstrand. Wie die Brandung über den Sand spült. So unermüdlich. So gleichmäßig. Wie sie unerbittlich alles auslöscht. Fußabdrücke. Kinderburgen. Ich kann das Salz fast riechen.

Ich war so lange nicht mehr am Meer. Wie unfaßbar ich manchmal dieses Geräusch der Wellen vermisse, das einen erst nicht schlafen läßt und ohne das man dann nicht mehr schlafen kann, ist man erst wieder zu Hause. Du bist meine Brandung.
,,Duncan mordet den Schlaf“, sagt Shakespeare in meinem Kopf. Das hätte dir gefallen. Du bist eine Literatin. Wer Poe mag und Dostojewski im Original liest, muß Shakespeare eigentlich lieben. Wir haben nie über Shakespeare gesprochen. Oder über Lovecraft.

Das war auch einer der Gründe, warum ich zu dir gefahren bin damals. Das Meer.
Aber wir waren nie da. Ich hätte einfach hinfahren sollen, mich an die Küste stellen, all diese Bilder nehmen, die mir mein Hirn jetzt ständig hochholt, und sie in die verdammte Ostsee-Brandung werfen. Hätte mich umdrehen und gehen sollen, ohne einen weiteren Gedanken an dich zu verschwenden, kopfschüttelnd über meine eigene Dummheit. Aber zu spät dafür. Wir waren längst verbunden in dem Moment. Zwei Kristalle, die in derselben Frequenz schwingen.

Noch immer falle ich in meinen Facebook-Account in der Hoffnung, daß du irgend etwas gesagt hast zu mir. Etwas, mit dem ich wieder hoffen kann. Hoffen, das zu bekommen, das du mir all die Wochen vorgehalten hast. Dich zu bekommen.
Und natürlich weiß ich, daß das idiotisch ist. Sinnlos. Du bist fort. Ich muß fort. Du hättest auch keine Hoffnung für mich. Nur einen Anschein von Hoffnung. Der, mit dem du mich gelockt hast, dir meine Gefühle zu geben. Alles hast du aufgesaugt und mich zurückgelassen ohne jedes positive Empfinden. Du hast nicht einmal genug Hoffnung für dich selbst gehabt. Nie.

Du hast nichts, was ich zu dir sagte, je wirklich verstanden. Oder du hast gelogen. Ich vermag es nicht mehr zu sagen. Ich weiß nicht einmal mehr, ob du es warst, der ich das alles gesagt und geschrieben habe. Vielleicht war es die andere, die du bist. Aber das meiste hast du ignoriert. Ich liege nur da, stöhnend vor Schmerz, mit meinem Blick in den Wolken. Aber ich sterbe einfach nicht. Ich fange immer wieder an zu zittern beim Gedanken an dich. Ich kenne diese Symptome. Ich bin auf Entzug.

Ich vermisse dich derartig, daß ich permanent weinen möchte. Ich schaffe es nicht. Nur diese tiefe, endlose Erschöpfung, die jeden Tag zerdehnt. Wie in jeder Sekunde Berge in meinem Kopf entstehen und sich in jeder Zehntelsekunde Kontinente verschieben. Mir fehlt deine Stimme. Deine Bilder. Alles von dir. Ich höre etwas, sehe eine Geste. Ich bleibe stehen, verstumme mitten im eigenen Satz, fange an zu zittern. Wieder taucht aus meinen düsteren, grauen Tiefen eine Erinnerung an dich auf. Ein Dutzend mal am Tag zerreißt du mich in kleine Stücke und ich taste blind umher, um mich wieder zusammenzusetzen.

Ich breche in die Knie, das Wasser prasselt auf mich. Kralle meine Hände in meinen Kopf. Ich will diesen Schädel aufbrechen. An dieses verfluchte Hirn herankommen, das einfach nicht aufhören kann, an dich zu denken. Selbst das Meer wäre mir jetzt keine Rettung. Auch dieser Gedanke ist verseucht von dir. Wenn ich schlafen könnte, für immer schlafen. Vielleicht würde das Rauschen in meinem Kopf dann aufhören.

Beitragsbild: „Watery“ von Leila Amat Photography
Model: Aída López – Distraida Photography
zu finden via Dark Beauty Magazine
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2 Gedanken zu “Grauzone

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