Schwerkrafttrichter

Ich weiß nicht, ob du dich noch an diesen Tag erinnerst. Ich erinnere mich genau daran.

Am Abend vorher hatte ich meine Reisetasche gepackt. Für eine Zugfahrt zu dir. Neun verdammte Stunden auf der Schiene, eine echte Odyssee. Die junge Frau, über die ich da vor ein paar Tagen gestolpert war, mußte ja unbedingt am anderen Ende des Landes wohnen. Gerade eben hatten wir unser Gespräch beendet. Es war ein langes Gespräch. Den Klang deiner Stimme noch im Ohr, gehe ich ins Schlafzimmer und fange an, Dinge in die Tasche zu packen. Alle unsere Gespräche waren lang in den letzten paar Tagen. Wir reden miteinander, als hätten wir uns immer gekannt.

Ich hasse verreisen. Seit Jahren werde ich immer unruhiger, immer zappeliger und nervöser, sobald ich meinen Wirkungskreis verlasse. Also den unmittelbaren Bereich, den ich so „zu Hause“ nenne. Mein Home ist in dem Fall wirklich mein Castle. Und mein Gefängnis. Ich habe es schon geschafft, meine Mutter nicht zu besuchen, weil sich meine Panik schon Tage vorher derartig gesteigert hat, daß ich am Reisetag nicht mit dem Fahrrad zum Bahnhof fahren konnte. Du bist doppelt so weit weg.
Ich besuche schon Freunde nicht mehr, weil ich ansonsten bei ihnen übernachten müßte und ich will nicht woanders schlafen müssen.
Die Stimme in mir schreit, daß ich das nicht tun sollte. Das das eine unvernünftige Entscheidung ist. Irrational. Meine Kehle wird trocken, mein Herzschlag zieht an, die Atmung auch. Streßsymptome. Sie werden nicht besser durch die Erkenntnis, daß die Stimme völlig recht hat. Ich muß den Verstand verloren haben. Jedenfalls den Rest Verstand, den ich noch hatte bis dahin.

Ich fahre trotzdem. Ich überrede den Typen im Radhaus am Bahnhof, meinen Drahtesel unterzustellen und buche den Stellplatz für eine Woche. Ich kaufe das verdammte Ticket und lasse mir gleich noch eine Bahncard aufschwätzen. Denn ich bin fest davon überzeugt, daß ich sie im Laufe der nächsten Monate noch brauchen kann. Ich kaufe nur ein einfaches Ticket. Ich habe keine Ahnung, wann ich zurückkomme. Ich weiß eigentlich nicht einmal, ob ich es bis zu dir schaffen werde.

Bis Fulda habe ich mich so weit beruhigt, daß ich das Handy benutzen kann. Ich rufe dich an. Sage dir, daß ich im Zug sitze. Du glaubst mir erst nicht. Dann lachst du und sagst: „Warum tust du so was?“. Wie sehr dieses Lachen meine Sehnsucht nach dir erhöht.
Ich antworte, daß ich herausfinden muß, ob du tatsächlich existierst oder nur eine Einbildung bist. Ich sage, daß ich auch in Fulda aussteigen und wieder zurückfahren kann. Immerhin überfalle ich dich einfach. Vielleicht willst du den bekloppten alten Sack gar nicht in deiner Nähe haben. Ich habe furchtbare Angst. Davor, dich zu sehen. Davor, dich nicht zu sehen. Aber das sage ich dir nicht. Du sagst, ich soll ruhig vorbeikommen.

Am Bahnhof holst du mich ab. Der Busbahnhof dieser kleinen Stadt an der Ostsee sieht so aus wie der in der Stadt in Rheinhessen, die ich vor ein paar Stunden verlassen habe. Früher hätte ich geraucht, während ich auf dich warte. Jetzt rauche ich nicht mehr und warte so. Bis du schließlich aus dem Dunklen der anderen Straßenseite auf mich zukommst. Wir umarmen uns. Ich nehme dich unter meine Jacke, denn dir ist kalt.

Es ist das erste Mal, daß ich dich berühre. Du verwandelst dich von einer Illusion, einer Hoffnung, in etwas Reales in dieser Sekunde. Es ist das erste Mal in mehr als einem Jahrzehnt, daß ich jemanden berühre, für den ich so etwas empfinde wie für dich. Du bist so unfaßbar schön mit deinen riesigen Augen unter deiner Wollmütze. Ich kann dein Haar riechen. Du existierst tatsächlich. Ein Taxi fährt uns zu dir, denn ich habe keinen Bock, eine halbe Stunde auf den nächsten Bus zu warten. Treppen in den fünften Stock. Deine Wohnung. Ich bin tatsächlich bei dir.

Ich folge dir in deine Küche. Ich stehe am Kühlschrank hinter dir und kann dich riechen. Ein Duft, den ich ebenfalls sehr lange nicht mehr gerochen habe. Ich küsse dich in den Nacken. Du senkst den Kopf, schnurrst leise und läßt mich küssen. Als du dich runterbeugst, um den Wein aus dem Kühlschrank zu nehmen, legt es deinen Rücken frei. Ich küsse dich wieder, diesmal auf den Rücken. Weiter nach unten. Zum Bund deiner Jeans. Der Geruch deiner Geilheit ist unfassbar intensiv. Denn genau das steigt mir schon die ganze Zeit in die Nase.

Wir belassen es für den Moment dabei. Ich sitze auf deinem Sofa, du auf dem Boden. Wir erzählen uns Geschichten. Wie vorher auch schon. Du bist nicht die schüchterne, devote, zurückhaltende, die Augen nach unten schlagende Frau, von der du immer gesagt hast, sie zu sein.
Du bist in dem Moment die andere. Die freche, vorlaute, selbstbewußte, ja – auch manipulative. Die Gierige. Die nymphomanisch veranlagte. Die Hemmungslose. Die Frau ohne Grenzen. Die Unerschütterbare. Die was-kostet-die-Welt-Frau. Du bist mindestens zwei, aber das weiß ich in dem Moment bereits von dir. Das ändert nichts an deiner Großartigkeit.

Ich erzähle dir von allen möglichen Dingen. Auch von der Zukunft. Das es nicht nur normales Schreiben ist, was ich so mache. Das ich über Dinge schreibe, die ich vor meinem geistigen Auge sehen kann. Das Bild der Zukunft. über das ich schreibe, ist für mich keine Abstraktion. Es ist Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, die uns umgibt, das was alle anderen Alltag nennen. Das ist die Abstraktion. Das Unwirkliche. Ich erzähle dir, wie sehr mich diese Dinge manchmal belasten. Ich halte mich nicht zurück. Ich bin erschüttert, wie sehr ich mich vor dir gehen lasse, wie wahnsinnig weit ich mich aus dem Fenster lehne.
Später wirst du sagen, ich hätte das toughe Miststück, daß du in diesem Moment bist, beinahe zum Weinen gebracht. Du sagst, das wäre der Moment gewesen, in dem du dich verliebt hast. Wäre es doch nur wahr gewesen.

Ich hatte mein rasendes Herz die ganze Zeit mit einem einfachen Trick beruhigt. Ich hatte mir eingeredet, daß ich zu dir hinfahre und nicht etwa von daheim weg.
Du stehst auf, setzt dich auf mich. Ich vergrabe meine Hände in deinem Haar, ziehe deinen Kopf zu mir und küsse dich. Meine Lippen erinnern sich. Mehr. Ich schiebe dein Shirt hoch, du ziehst es aus. Mehr Haut. Mehr Wärme. Meine Hände auf deinen Brüsten. Zufassen. Hart. Du bewegst dich auf mir. Mir entgegen. Es ist so lange her, aber ein animalischer Teil von mir erinnert sich offensichtlich. Dein Geruch. Dieser unglaubliche Geruch. Du ziehst mich ins Schlafzimmer.

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