Daß Du nie hier gewesen

Warum ist mein Leben soviel leerer ohne dich?
Du warst niemals hier, bei mir. Du hast nie diese Wohnung gesehen. Niemals hast du auf diesem verdammten Sofa neben mir gesessen oder dich an mich gekuschelt. Niemals hast du deinen Nachtgeruch auf meinen Kissen hinterlassen. Noch im Februar und im März waren wir uns völlig im Klaren darüber, daß es nur eine Frage der Zeit sein würde. Selbst da habe ich noch fest daran geglaubt, obwohl du mich immer mehr auf die lange Bank geschoben hast. Ich war bereit zu warten. Ich war bereit, weil ich glaubte, der Traum würde sich erfüllen. Jeder Tag ohne dich war erträglich, denn er brachte mich den Tagen näher, die wir gemeinsam verbringen würden.

Und dann würdest Du wirklich hier auf meinem Boden sitzen, in diesem Wohnzimmer, und die Bücher in meinen Regalen studieren. Das meiste ist nicht deine Literaturgattung, aber ich hätte dir zu jedem dieser Bücher eine Geschichte erzählen können. Dich mit einer Inhaltsangabe zulabern, während du schon weiter mit den Augen über die Buchrücken gleitest und meiner Stimme zuhörst. Und dabei lächelst du dieses kleine, abwesend leise Lächeln, das mich immer so irre glücklich gemacht hat.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis du hier wärst, morgens auf dem Boden des Wohnzimmers sitzend, in meinen Bademantel gehüllt, der dir viel zu groß ist, und meine alte Sammlung aus Vinylscheiben unter der Anlage hervorkramst. Neben dir eine dampfende Tasse Tee, das Sonnenlicht in deinen Haaren. In welcher Farbe du sie auch immer gerade getragen hättest. Nur eine Frage der Zeit, bis ich diesen wunderbaren Anblick in mich hineingetrunken hätte mit all meinen Sinnen.

Nur eine Frage der Zeit, bis ich hinter dich trete und du zu mir aufblickst, grinsend und mit diesem speziellen Blitzen in deinen Augen, während die von dir ausgewählte Band vom Plattenspieler aus ihre Musik in den Raum spielt. Nur eine Frage der Zeit, bis ich hinter dir in die Knie gehe, meine Arme um dich lege, deine Wärme spüre, die durch den Stoff meines Bademantels gesickert ist. Wie ich dir den Kopf nach hinten drücke und dich auf deine Stirn küsse. Wie die Gewissheit deiner Nähe mich vervollständigt.

Nur eine Frage der Zeit, bis ich dich nach oben ziehe, den Stoff des Bademantels zur Seite schlage, dich auswickle wie das wundervolle, strahlende Geschenk, das du bist.
Dich nach vorne drücke, über die Lehne des Sofas lege, so daß nur deine Zehenspitzen noch den Boden berühren. Gespannte Muskulatur unter eierschalenweißer Haut. So wie du es gerne haben willst. Wie meine Hände über deinen Rücken gleiten, über deinen Bauch, deine Brüste, deinen Hals.
Nur Sekunden, bis ich dir mit dem Knie die Beine auseinanderdrücke, mich zu dir hinunterbeuge, um dich in deinen Nacken zu küssen, meine Finger in deinen Hintern vergraben. Bis ich dein Fleisch auseinanderziehe und in dich eindringe, jeden Zentimeter in dich hinein meine Zähne zusammenbeißen muß in deiner nassen Hitze, bis du auf dem Leder festgenagelt wirst von meinem Gewicht. Bis meine Hände deine Hüften halten und meine Finger in deine Leiste drücken, hart, fest und fordernd, dich auf mich ziehen, so tief wie möglich. Wie ich dich ficke, in die Schultern beiße, in den Hals. Wie du deine Unterlippe zwischen die Zähne nimmst, um keinen Ton von dir zu geben. Wie du trotzdem zu stöhnen beginnst, während hinter uns der Tee langsam kalt wird.

Ich sitze vor dem beschissenen, seelenlosen Computer. Ich kann noch immer nicht weinen und weiß nicht, warum.
Wie ist es möglich, daß diese ganze Wohnung irgendwo voll ist mit dir, obwohl du niemals hier gewesen bist?
Wie kann ich dich hier in dieser Luft riechen, obwohl wie immer alle Türen und Fenster offen stehen und du niemals hier gewesen bist?
Es ist ein so schöner Tag. Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Angenehm lauer Wind trägt den Duft des Sommers herein von draußen. Das Licht der Mittagssonne bleicht die Farben aus, überall lauert Pastell. Und nichts davon berührt mich so freudig, sanft oder beruhigend, wie es das im letzten Jahr noch getan hat.

Noch im Januar sagte ich dir, daß ich dich immer lieben würde, egal, was Du tust. Da ging es um einen anderen Mann in deinem Leben. Oder besser, einen der anderen Männer. Der Screenshot deines Smartphones enthält den Satz an ihn: „Ich will nur dich.“
Wie sehr mich das verwundet in dem Moment. Wie tief ich gehofft hatte, dieses Herz im Schnee am Strand sei für mich gewesen, als du mir das Bild schicktest. Wie beiläufig egal es dir ist, wenn du mich wieder einmal völlig zerstörst.
Aber ich versuche, es tapfer wegzureden. Alles nicht so schlimm. Ich liebe dich trotzdem. Egal, ob du das glaubst oder nicht. Oder wahrhaben willst. Ich sage: „Es wäre eben alles nur noch viel schwerer zu ertragen als früher, denn jetzt weiß ich ja, daß es dich gibt.“
Dabei läßt der Gedanke, du könntest einem anderen gehören, mein Inneres aufkreischen. Dieses schrille, schneidende Geräusch von Zugrädern auf Schienenstahl. Dein ganzes Verhalten quietscht über meine Seele wie Kreide auf einer alten Schultafel. Wie sehr ich mich selbst belüge in diesem Moment.

Wie mich meine eigenen Worte jetzt verfolgen. Ich lebe seit zwölf Jahren ohne eine Partnerin. Ich hatte Einsamkeit akzeptiert, hatte meine Mauern und Gräben in Schuß gehalten. Niemanden zu nahe an mich heranlassen. Schadensvermeidung durch Distanz. Du warst ein letzter, ein verzweifelter Versuch. Du schienst es wert zu sein. Nein, Du warst es wert.

Ich konnte schon immer gut einsam sein. Ich hatte mich eingerichtet in meiner inneren Burg. Warum nur ertrage ich es jetzt nicht mehr, seitdem du fort bist?
Wie kannst du überhaupt weg sein, ohne je da gewesen zu sein?
Erstmals realisiere ich, daß „ertragen“ etwas mit einer Last zu tun hat. Aber wovon werde ich erdrückt, wenn du doch soviel aus mir mitgenommen hast, daß ich mir jetzt so völlig leer vorkomme? Wie konnte das nur passieren? Was ist eigentlich genau passiert?

Soviel bedeutungsloser. Soviel sinnloser. Wie kann es sein, daß du soviel Raum eingenommen hast, obwohl du doch nichts weiter warst als ein paar Nachrichten im Messenger, ein paar Telefongespräche, ein Bündel aus Bildern deiner Smartphonekamera? Nicht mehr als diese zwei seltsamen Nächte?

Mein Kopf fällt in meine Hände, schwer wie Blei, wie so oft in letzter Zeit. Ich höre jemanden aufstöhnen. Ein verzweifeltes Geräusch. Ein beängstigendes Geräusch. Es kommt von tief innen und ich kann es nicht verhindern. Der Klang eines verwundeten, sterbenden Tiers. Er kommt aus mir. Hinter meinen Lidern laufen wieder diese Bilder ab, die niemals wahr geworden sind. Ich weiß nicht, wieviel davon ich noch ertragen kann. Du bist alles wert, noch immer. Ich bin es nicht mehr.

Mein Tee wird kalt.

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8 Gedanken zu “Daß Du nie hier gewesen

  1. ja
    ich zitiere Dich “ Wie kann es sein, daß du soviel Raum eingenommen hast, obwohl du doch nichts weiter warst als ein paar Nachrichten im Messenger “

    so war das bei mir auch

    Gefällt 1 Person

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