Schmetterlinge im Nieselregen

Der Duft von Flieder weht über meinen Balkon. Ich erinnere mich daran, wie ich dir einmal geschrieben habe, wie sehr ich diesen Duft mag. Ich denke dabei immer an den Flieder, der in unserem Garten stand, als ich ein Kind war. Jeden Sommer waren die großen, violetten Blütendolden voll mit Schmetterlingen. Kaum etwas verkörpert so sehr den Begriff des Sommers für mich wie dieser Geruch. Ich erinnere mich auch noch daran, wie du gerochen hast. In dieser Nacht bei dir, als du versucht hast, meinen Händen und Fingern zu entkommen.

Wie du hinterher auf deiner Seite liegst, dabei deine Kissen umarmst und ganz süß vor dich hin schnaufst, deine Lippen eine Kleinigkeit geöffnet. Du atmest schnell und träumst intensiv und häufig. Soviel stelle ich in dieser Nacht fest.
Du lächelst, wenn ich dich auf die Wange küsse. Dieser unbeschreiblich weiche Geruch deiner Haut. Ich würde mich gerne richtig hinlegen, aber das kann ich nicht. Dazu müßte ich meinen Arm unter dir wegziehen, aber das geht nicht, denn damit würde ich dich sicher wecken. Dieser endlose, schwebende Moment darf nicht gestört werden. Ich versinke in deinem Anblick. Wie du da neben mir liegst und ich auf dich hinuntersehe. Du wirkst so unschuldig und siehst ein bißchen aus wie Porzellan. Ich traue mich kaum zu atmen. In stillem Staunen starre ich dich an, während mir langsam der Arm abstirbt.

Bald werde ich erneut beginnen, dich zu streicheln. Ich kann nicht anders. Wie magisch angezogen wandert meine Hand zu dir und über dich. Ganz sanft und leise fange ich an, dich noch einmal neu zu erkunden. Du reagierst, aber du öffnest die Augen nicht. Überhaupt ist Augenkontakt nicht wirklich dein Ding, wie ich schon bemerkt habe. Aber das hindert mich nicht daran, in sehr nasse und sehr heiße Zonen deines Körpers vorzudringen. Fordernd und gierig.
Wir werden die ganze Nacht so verbringen, du und ich. Irgendwie werden wir keinen Sex haben. Oder vielleicht doch, das kommt auf die Definition von Sex an. Auf jeden Fall befummeln wir uns weiter, bis der Morgen graut. Es ist das erste Mal in knapp zwölf Jahren, daß ich eine schlaflose Nacht dieser Art verbringe und morgens nicht alleine in meinem Bett aufwache. Du wirst wach, als das Morgenlicht in dein Gesicht fällt und dein Haar leuchten läßt. Ich küsse dich auf deine Stirn. Ich kann noch immer nicht fassen, daß es dich überhaupt gibt. Aber Du bist so real, daß ich weinen könnte vor Glück.

Schon in der ersten Stunde unseres ersten Telefongesprächs hatten wir beschlossen, daß es nicht dabei bleiben würde. Du an einem Ende des Landes und ich am anderen. Ich war es, der sagte: „Wir reden hier über hemmungslosen Sex, oder?“
Du warst es, die sofort zugestimmt hat. Mit diesem Lachen dabei, an das ich mich heute noch erinnere, als hätte ich es gerade neben meinem Ohr gehört. Manchmal höre ich es in meinen Träumen.

Das Frühstück ist seltsam. Du bist seltsam. Du sagst fast nichts. Ich weiß in dem Moment noch nicht, wie unangenehm es für dich ist, mit jemandem zu essen. Du magst die Gegenwart anderer Menschen in solchen Momenten nicht. Ich merke nur, wie sehr du bemüht bist, mir nicht zu nahe zu kommen.
Wir haben nicht zusammen geduscht. Aber du ärgerst mich, indem du das heiße Wasser aufdrehst am Waschbecken, worauf mein Duschwasser eiskalt wird. Mehrfach. Ich kriege fast einen Herzinfarkt beim ersten Mal. Aber ich liebe dich in diesem Augenblick trotzdem sehr.

Während wir abräumen und abspülen, wirst du immer seltsamer, du scheinst dich vor meinen Augen in jemand anders zu verwandeln. Was auch so ist, aber das wird mir erst später klar. Schließlich verschwindest du im Bad und als du wieder herauskommst, versuchst du, deinen linken Arm vor mir zu verstecken.
Aber ich habe das Rot sofort gesehen. Ich drücke dich an deine Küchentür in meinem Zorn, in meiner hilflosen Wut, daß ich das nicht verhindern konnte.
Als es vorbei ist, lasse ich dich allein auf deinem Küchenstuhl. Zusammengerollt sitzt du in deiner Welt aus Nicht-Gefühl und hast Angst vor mir. Ich fühle mich so grauenvoll wie noch niemals zuvor in meinem Leben. Aber ich gehe weg, ins Wohnzimmer, auf dein Sofa. Abstand halten. Dir Platz lassen. Oh Gott, was habe ich da gerade getan?

Schließlich erholst du dich. Ziehst dich an. Gehst fort. An die Uni. Ich sitze den ganzen Tag auf diesem verdammten Sofa, die Schlaflosigkeit macht sich bemerkbar. Mein Kreislauf fühlt sich scheiße an. Ich schlafe irgendwann ein und frage mich einen Moment lang, ob du zurückkommen wirst. Als du es tust, kochst du etwas. Aber beim Essen sitzt du auf der Sofalehne, möglichst weit entfernt.
Dann unterhalten wir uns darüber, wann ich wieder fahre. Eigentlich schmeißt du mich raus. Ich versuche, darüber sauer zu sein. Denn ich bin ja gerade erst da. Andererseits war ich nicht eingeladen. Und du sagst offen, daß meine Nähe dir unangenehm ist, daß du jemand bist, der nicht lange Zeit mit anderen Menschen verbringen kann. Du verbindest dir dabei die frischen Schnitte am Unterarm, sehr professionell. Ich hasse es sehr. Aber wir suchen einen Zug für den nächsten Morgen für mich raus.

Trotz allem ist die zweite Nacht wie die erste. Sogar schöner. Vertrauter. Ich kann meine Finger nicht von dir lassen. Du versuchst, vor mir wegzulaufen im Bett. Du hast nicht gelogen, als du mir sagtest, dich müsse man festbinden. Das muß man wirklich. Immer wieder bewegst du dein Becken von meinen Fingern und meiner Zunge weg, anstatt mir entgegenzukommen. Einen Moment kniest du vor mir, streckst mir diesen wunderbaren Arsch entgegen und kurz, ganz kurz, stecke ich tatsächlich in dir. Du schläfst in meinen Armen ein, als wir uns müde gefummelt haben. Ich schlafe diesmal auch. Als am Morgen der Wecker klingelt, legst du deine Arme um mich, deinen Kopf auf meiner Brust, und lächelst dieses wunderbare, kleine Lächeln, das mich so irre glücklich macht.

Ich hasse frühes Aufstehen. Mein Kreislauf haßt frühes Aufstehen. Aber irgendwie komme ich deine Treppen runter und mit dem Bus bis zum Bahnhof, obwohl ich es kaum noch schaffe, keine Panik zu kriegen. Der Bus fährt über den Ernst-Thälmann-Ring. Tolstoistraße. „Meine Fresse, ich bin im Osten“, sage ich zu dir und du lachst. Dann der Bahnhof, ich bin schon schweißnass. Das Duschen hätte ich mir schenken können.

Der Wind tut mir gut, ich atme erleichtert auf. Wir haben uns die ganze Zeit nicht berührt. Kein Händchen halten. Kein Küssen. Dir sind solche Dinge in der Öffentlichkeit zuwider. Ich respektiere das, aber eigentlich möchte ich dich die ganze Zeit in meinen Armen halten. Dein Haar riechen. Dich spüren. Ich wollte es gestern schon den ganzen Tag. Ich verstehe nicht, wie ich es jemals ohne dieses Gefühl aushalten konnte.

Als der Zug einfährt, der mich erst einmal nach Berlin bringen wird, ziehe ich dich trotzdem an mich. Du schaust nicht auf mich. Du schaust, ob jemand uns beobachtet. Ich küsse dich. Ein richtiger Kuß. So, wie einer sein sollte. Ich genieße jede Nanosekunde davon.
Als ich einsteige, bin ich davon überzeugt, daß wir uns wiedersehen werden. Das ich dich irgendwann noch einmal fühlen werde. Noch viele Male. Nach Weihnachten vielleicht schon. Ich will nicht weg von dir. Niemals.

Für einen winzigen Moment lächelst du mir zu vom Bahnhof. Dann ist da nur noch der Nieselregen und das Geräusch der Schiene. Ich nehme deinen Geschmack mit auf meinen Lippen und deinen Geruch an meinen Fingern. Neun Stunden zurück zu mir. Ich fühle mich nicht mehr vollständig ohne dich. Ich fühle, wie das Band zwischen uns sich immer weiter dehnt, über die endlosen Kilometer zwischen uns leuchtet, dünner wird, aber nie zerreißt.

Jedes Mal, wenn ich Flieder rieche, denke ich an den Sommer. Wenn ich sehe, wie Menschen sich küssen, wie sie an Bahnhöfen stehen, denke ich immer an dich. An diesen einen, wunderwarmen Kuß mit dir, mit deiner Hand unter meiner Jacke, auf meiner Brust. Und jedes Mal zerreißt es mich in kleine Fetzen. Noch immer denke ich an dein Gesicht hinter der Scheibe, dieses klitzekleine Lächeln zu mir im Nieselregen. Nichts erinnert mich so sehr an die Tiefe meines Verlustes wie dieses Geräusch leise fallenden Regens auf Sommerblüten. Wie Schmetterlingsflügel.

Ich habe dich nie wiedergesehen nach diesem Tag.

 

 

 

Beitragsbild von Antonio Grambone

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