Ferngespräche mit Drachen

Eine Forscherin läuft durch Schmelzwassertümpel in der kanadischen Arktis. Sie erklärt, daß es sich hier um aufgetauten Permafrost handelt, daß die kleinen Teiche voll sind mit Mikroorganismen, die wiederum jede Menge Methan freisetzen. Ein weiteres Klimagas, das wesentlich potenter ist als das gute alte Kohlendioxid, das immer solche Schlagzeilen macht.
Es schüttelt mich wieder einmal. Alleine der Gedanke, daß Permafrost einfach großflächig taut, läßt meinen Kopf nach unten sinken, lädt eine Last auf meine Schultern, die mich zu erdrücken droht, mir Angst ins Gesicht schreibt. Es ist einer dieser Momente, in denen ich den Schmerz der Welt spüren kann, die wir gerade vernichten.

Es ist derselbe Zustand, in dem ich auf deinem Sofa gesessen habe, damals, vor gut sieben Monaten. Vor ein paar Tagen erst waren wir übereinander gestolpert. Du bloggst. Ich schreibe einen Kommentar. Du antwortest. Wir tauschen Anfragen aus, um die beginnende Unterhaltung hinter den Kulissen weiterzuführen.
Ich bin erstaunt, daß Du überhaupt antwortest. Meinem Profil läßt sich deutlich entnehmen, welcher Altersklasse ich angehöre. Du antwortest mir, weil ich ,,junge Frau“ zu dir gesagt habe. Oder besser, geschrieben. Du schlußfolgerst mein Alter allerdings aus dem, was ich bisher von mir gegeben habe, statt es einfach mal nachzuschlagen.

Sehr schnell driftet unsere Unterhaltung in den persönlichen Bereich. Ich erzähle dir in groben Zügen meine Geschichte. Zumindest die der letzten zehn Jahre. Eigentlich schreiben wir über das Schreiben. Du willst es benutzen, um Dinge über dich herauszufinden. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. In Wirklichkeit willst du schreiben, weil dich etwas quält. In deinem Inneren befinden sich viele dunkle Gänge und verschlossene Türen, wie ich sehr bald feststelle. Hinter diesen Türen wohnt etwas.
Ich werde leidenschaftlich, denn ich habe eine leidenschaftliche Meinung zu Büchern. Zum Schreiben an sich. Zu Worten und ihrer Bedeutung. Ich habe eine deutliche Meinung zu dem, was du tun solltest. Ich weiß nicht, warum ich dir das alles erzähle. Weil ich es will? Weil ich es muß? Weil du es bist?
Aus völlig unerklärlichen Gründen habe ich innerhalb von Minuten beschlossen, dir zu vertrauen. Es wird sich als folgenschwerer Fehler erweisen.

Ich rate dir, offener und lauter über die Baustellen zu schreiben, wie du das nennst. Du sagst, daß du dich etwas zurückhalten willst. Die Rede ist von einer überaus häßlichen Beziehung, die du die letzten drei Jahre geführt hast.
Ich sage, daß das Unsinn ist. Das man gerade beim Schreiben alles rauslassen sollte. Nichts unterdrücken. Nicht flüstern. Schreien!
Ich schicke dir ein Stück, das ich geschrieben habe, als ich so alt war wie du es jetzt bist. Es ist ein Stück voller Trostlosigkeit. Du findest es großartig.
Aber dieses Unterdrücken ist ein fester Teil von dir, wie ich etwas später feststellen werde. In dieser einen, dieser ersten Nacht. Nachdem du mich von deinem Sofa ins Schlafzimmer gelotst hast. Haben wirst. Als wir übereinander stolpern, ist das noch Zukunft.

Wer sich öffnet, kann verletzt werden, versteht sich. Auch schwer verletzt. Das Risiko besteht“, schreibe ich zurück.

Dieser Satz hallt heute wie ein endloses Echo in meinem Kopf. Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen ich leise vor mich hin blute und diesen Riß in meiner Seele einfach nicht stopfen kann. Die Unendlichkeit deines Fehlens erschüttert mich heute wieder jede Sekunde lang.
Ich erinnere mich, wie du von Mißhandlung schreibst, von Vertrauensbruch, von Demütigung. Wie du schreibst, daß du aber eher der devote Typ bist. Wie ein guter Freund zu dir gesagt hätte, du dürftest dich nicht noch einmal vollkommen und bedingungslos aufgeben für einen Mann. So war es wohl vorher der Fall.
Du sprichst von Bedingungslosigkeit als Voraussetzung einer Beziehung. Ich halte absolute Bedingungslosigkeit für lebensgefährlichen Wahnsinn.

Du bist vom ersten Moment, der ersten Sekunde an die faszinierendste Frau, die ich jemals zu treffen die Ehre hatte. Deine Anziehungskraft ist unbeschreiblich.
Wir unterhalten uns über die Bedeutung von ,,Liebe“, diesem wohl anstrengendsten Spiel, das unsere Spezies so betreibt. Ich definiere dieses Gefühl als rücksichtslose Hingabe. Aber dazu muß man eben auch sicher sein können, daß der andere einen damit hinterher nicht tötet. Weil man sich ja völlig in seine Hand begibt. Auch dieser Satz wird mich später verfolgen.
Ich behaupte, Frauen gehörten gestreichelt. Du antwortest mit einem ,,Nicht immer“. Du schickst mir ein recht eindeutiges Bild dazu. Es sind keine Blumen darauf, aber ein Gürtel und ein Spielzeug. Erstmals erhalte ich einen Einblick in diesen Teil deiner Welt, deines Kopfes. Ich sage, das sei alles Neuland für mich.

Du erzählst von deinem Bekannten, der mit dir bestimmte Dinge ausprobiert, nach der Trennung von deinem Ex. Du findest Unterwürfigkeit und Demut in Ordnung, blaue Flecken und Schmerzen nicht. Wenig später schickst du mir Bilder, mit Striemen an deinem Hals. Spuren eines Seils. Mit Striemen über deinem Hintern. Spuren einer Gerte, wie ich richtig annehme. Der ,,gute Freund“ benutzt dich als Experimentierfeld. Wenige Tage danach wirst du mir Bilder von deinem Hintern schicken, nach einem Clubbesuch. So weit dann zu blauen Flecken. Du bist förmlich übersät damit. Ich finde das völlig gruselig. Du sagst, daß deine bisherigen Erfahrungen allesamt negativ, erzwungen und schmerzhaft gewesen sind. Ich bedaure das, denn solche Dinge sollten schön sein. Nicht schmerzhaft. Schon gar nicht erzwungen.

All das tauschen wir aus, als wären wir alte Freunde, die bei einem Glas Wein am Lagerfeuer über das Wesen der Welt meditieren.
Du sagst, daß du keine echten oder falschen Freunde hast. ,,Ich dümpel so vor mich hin und warte darauf, daß sich jemand bereit erklärt, mich zu mögen“, sind deine Worte.
,,Ich würde zu gerne mal am Telefon mit dir reden. Das wäre bestimmt was“, sagst du noch.
Dann tust du etwas, das ich in den nächsten Wochen lieb gewinnen werde. Du schläfst ein. Von einem Moment auf den anderen bist du weg.

Ich bin verwirrt an diesem Tag Anfang Dezember. Ich habe gerade einer Wildfremden Dinge erzählt und von ihr Dinge erzählt bekommen, die man nicht einfach so austauscht. Wir mögen beide andere Menschen nicht gerade im Übermaß. Was immer hier gerade geschieht, es ist ungewöhnlich für mich. Wir haben uns zwei Stunden lang mit Nachrichten beworfen. Am nächsten Tag werden wir Telefonnummern austauschen und uns erstmals hören.
Ich werde den Satz an dich sagen und schreiben, der dich am meisten erschrecken wird bisher. Er lautet: ,,Ich mag dich mögen.“
Es ist der Moment, in dem ich realisiere, daß ich rettungslos verliebt bin. Ich kann es selber nicht glauben. Wie kann ich derartig leichtsinnig sein?

Ich drifte wieder zurück ins Jetzt.
Während ich dies schreibe, bist du längst weg. Du hast dich bedingungslos und vollkommen in eine Beziehung gestürzt und dich einem Mann hingegeben, den ich im besten Falle für gefährlich halte für jemanden wie dich. Wieder einmal hast du alle Warnungen in den Wind geschlagen. Nicht nur meine.
Wieder mal hast du deine devote Seite siegen lassen, denn das, was ihr da tut, gibt dir immer wieder Sicherheit. Der Schmerz berechtigt dich zu Zärtlichkeiten und das wiederum entspannt dich, dämpft deine Angst und deine Panik. Du sprichst von Liebe und von deiner Seite aus stimmt das vermutlich auch. Du gibst dich bis zum Exzess auf und darüber hinaus.

Wenn dieser Mann dich eines Tages so zurückstößt wie du mich, dich so behandelt wie du mich, wird das verheerenden Schaden in dir anrichten. Aber auch wenn diese Illusion dauert, der du dich hingibst, wird das deiner Seele schaden. Sehr. Was du brauchst, ist Heilung. Nicht noch mehr von der Droge, die zwar wirkt, aber auf Dauer keine Lösung ist. Erst läßt die Wirkung nach. Dann erhöht man die Dosis. Dann läßt wieder die Wirkung nach. Ich kenne mich aus mit Drogen. Im Gegensatz zu dir.

Du brauchst Stabilisierung. Statt dessen hast du Exzess bis Armageddon gewählt.
So viele gefährliche Trümmer und Blindgänger lauern in deinem Geist. Du tust so, als wäre das alles kein Thema. Die Weltmeisterin der Verdrängung gewinnt eine Goldmedaille gegen sich selbst. Ich kenne alle diese Symptome. Sie sind mir durchaus vertraut.

Du glaubst, du hast die Drachen in dir getötet. Ich weiß, daß sie nur schlafen. Sie warten auf ihre Chance. Drachen können sehr geduldig sein.

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2 Gedanken zu “Ferngespräche mit Drachen

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