Klagegesang

Wer es noch nicht gemerkt haben sollte – dieses Blog ist chronologisch wirr angeordnet. Wobei sich die Frage stellt, wie Verwirrung geordnet sein kann. Aber das ist eine philosophische Frage, die ich mal mit dem Einhorn beim Tee diskutieren muß. Dem irren Einhorn. Womit alles gesagt sein sollte.
Das folgende Stück bezieht sich daher auf den vorherigen Blogeintrag. Um genau zu sein, auf diese Stelle: „Ich schicke dir ein Stück, das ich geschrieben habe, als ich so alt war wie du es jetzt bist. Es ist ein Stück voller Trostlosigkeit.“

Der Vollständigkeit halber haben das Einhorn und ich beschlossen, das angesprochene Werk der digitalen Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten. Und weil wir es können, natürlich. Was ein Mann und ein Einhorn so mit einer Borderlinerin besprechen, die sie erst vor ein paar Stunden kennengelernt hatten. Ist schon irre. Wobei es der Mann war, der das verschickt hat. Das Einhorn existierte damals noch gar nicht. Wobei manche die Existenz dieser Wesen ja generell in Zweifel ziehen.

Es ist das erste – und vermutlich  einzige – Mal, daß ich etwas in dieser Art veröffentliche. Der Text ist ziemlich genau vor 26 Jahren entstanden. Ich finde ihn noch immer gut gelungen, bedenke ich mein damaliges Alter. Das nicht vorhanden war.

So weit hat also mit rauher und ungelenker Feder der Autor dieses hier geschrieben.
Ich bitte euch, nachdem ihr den Prolog gehört, seid uns geneigt mit Wohlwollen! Beurteilt gütig unser Stück und richtet unser Spiel mit Huld und mit Geduld!“
Danke, Shakespeare.

Klagegesang

Langsam fließt Leben
gleichförmig
stetiger Strom
hinunter graue Wände
der Langeweile
zwischen denen du sitzt
gefangen
Tropfen für Tropfen
sammelt sich
in Pfützen
knietief
aufspülend den ganzen Bodensatz
der Vergangenheit
verdunstend
läßt zurück gehärtete Kruste
Essenz deines Lebens
und die Uhr
an der grauen Wand
an der hinabfließt
Tropfen für Tropfen
dein Leben
tickt
erbarmungslos
wertvolle Sekunden
die fallen
stürzen
einschlagen
im Tümpel
aus Zeit
zersplittern
irgendwo in dir
Kreise hinterlassen
aufwühlen
Hoffnung nehmen

Und blasse Sonne
blinkt schläfrig
durch Fensterscheiben
zerbrochen
erblindet
durch Spinnweben
beleuchtet
grauen Schimmel
an grauer Wand
hebt hervor
Leiden
zerschmettert
deinen Schutz
Vernichtet
glüht aus
dein Selbst.

Und dunkle Nacht
schickt Schwärze
überdeckt
begräbt
erstickt dich
mit dem Rücken
an grauer Wand
die hinunterrinnt
trauervoll
dein Leben

Und das Pendel
vertickt weiter
den Countdown
unüberhörbar
gnadenlos
ohne Mitleid
ohne Licht

und deine Tränen
fließen
strömen
unabänderlich
über dein graues Gesicht
Klagegesang

im grauen Staub knien
bei Nacht
keine Hoffnung

(June 27th , 1990)

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2 Gedanken zu “Klagegesang

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