Nightfall

Ich sitze am Ufer und sehe auf den Fluß hinaus. An diesem prächtigen Sommertag glitzert das Sonnenlicht auf dem Wasser. Die Strömung formt daraus eine Oberfläche aus flüssigem Glas und zerbricht das Leuchten in ein Universum aus unzähligen Billionen Sonnen.
Ich atme tief, trinke die Luft in mich hinein, spüre den Molekülen des Sauerstoffs nach, der sich in meinem Blut verteilt. Wie so oft in letzter Zeit versuche ich, die Dunkelheit in meinem Innern zu beruhigen. Dieses dunkle Meer voller seltsamer, abstoßender Dinge, das sich in meinen persönlichen Tiefen befindet.
Dieses wunderbare, kalte, schwarze Glühen in mir, angefüllt mit faszinierenden Versprechen, das sich immer wieder einen Weg nach oben bahnen möchte. Es brodelt und schäumt so dicht unter meiner offiziellen Oberfläche wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.

Es fesselt mich ebensosehr wie mich das Glitzern auf dem Wasser fokussiert.
Ich sehe weiße Rosenblätter hinter meinen geschlossenen Augen, die sich rot färben von aufgesaugtem Blut. Ich kann ihren Duft riechen. Ich spüre den Geschmack des Blutes auf meiner Zunge. Heißes, rostiges Metall.
Ich sehe dein Gesicht überall. Im Glitzern auf dem Wasser. In den Wolken, die sich am Himmel über mir bewegen. In der Form der Blütenblätter, die leise raschelnd durch meinen Geist wehen, langsam vertrocknend. Ich stehe am Rand eines gigantischen Abgrunds in meiner Seele und sehe das Glühen der Dunkelheit tief unter mir. Ich kann sie rufen hören. Kriegslärm ertönt in meinem Geist. Getrampel von Hufen hinter meiner Stirn. Das Klirren von Waffen.

Es ist der Riß, den deine Abwesenheit hinterläßt. Eine unglaubliche Menge an Sehnsucht bildet in mir eine kritische Masse, während mein rationaler Teil auf den Fluß starrt und sich fragt, wie all das überhaupt möglich sein soll.
Wie kann ich dich so unfaßbar schwer vermissen, obwohl du doch niemals Teil meines Lebens warst? Oder Teil von mir? Aber das ist gelogen. Wir waren verschmolzen auf einer Ebene, die keine physische Präsenz erfordert.

Ich war Du. Immer wieder. Ich kann sehen, wie du auf deinem Sofa sitzt. Auf deinem Bett liegst und liest. Wie du einen Film ansiehst, die Beine angezogen unter deiner Decke, neben dir eine Tafel Schokolade, von der du ab und zu ein Stück abbrichst. Widerwillig und knurrig. Denn natürlich glaubst du, daß du damit gegen deine Nahrungsdisziplin verstößt und sofort zehn Kilo zunehmen wirst, wenn du solche Dinge ißt. Du ißt sie trotzdem. Manchmal jedenfalls. Wie Chips beim Fernsehen.
Ich kann sehen, wie du Tränen in den Augen hast, weil irgendeine Filmszene dich besonders mitnimmt. Wie du es ableugnest und dir mit Selbstverachtung die Tränen abwischst. Denn du weinst niemals. Du kriegst virtuell allergische Niesanfälle, wenn ich dir einen Hang zu Romantik unterstelle. Aber Beziehungsdramen mit viel Schmerz, Leiden, Verzweiflung, Tod und unglücklicher Liebe sind genau dein Ding. Du bist wie ich es früher war. Versuchst immer wieder, deine Gefühlswelt hinter starrer Gleichgültigkeit zu verbergen. Erfolglos. Jedenfalls was mich angeht.

Ich kann noch immer hören, wie du manchmal lachst, wenn du selber wieder einmal nicht auf dich aufpaßt. Lachen ist für dich ja eine Art Kontrollverlust. Ich vermisse dieses freie, echte Lachen von dir. Dieses Geräusch von Glücklichsein. Du hast dich damit immer sehr schwer getan. Ich stelle mir immer vor, wie du dabei aussiehst. Denn ich habe dich nur einmal wirklich lächeln sehen in meinem Leben.
Ich höre, wie du leise atmest, wenn du manchmal zwischendurch einschläfst. Auf dem Balkon oder dem Sofa oder eingerollt auf dem Bett, weil du in der Nacht zuvor wieder nicht genug geschlafen hast. Oder nicht tief genug. Du schläfst nie tief genug, denn deine Träume jagen dich jede Nacht. Du sagst noch immer, du schläfst ganz gut. Aber das ist nicht die Wahrheit.

Ich spüre dieses Band zu dir hinter meiner Stirn. Es liegt um meine Gedanken wie eine Dornenranke, es hat Wurzeln in meinem Herz geschlagen und würgt meine emotionale Kontrolle immer wieder fast zu Tode. Dann wird es schwarz in meinem Innern. Ich spüre den Drang, zu brüllen. Auf etwas einzuschlagen, das mit einem möglichst befriedigendem Geräusch zersplittert. Dein Bild drängt sich in meinen Kopf. Wie du in seinem Flur kniest, wenn er nach Hause kommt. Nackt. Den Blick gesenkt. Dunkle Dinge kochen in mir hoch. Ich schlage auf das Bild ein, bis es zersplittert. In meiner Vorstellung staue ich den verdammten Drecksfluß vor mir auf mit einer Mauer aus bitterem Zorn, bis er die ganze Welt überschwemmt. Ich will diese Szenen in mir ertränken. Aber du bist hinterher immer noch da.

Vielleicht vermisse ich gar nicht dich. Ich vermisse vielleicht den Teil von mir, den du mitgenommen hast. Diesen Teil, den ich dir bereitwillig gezeigt und geopfert habe. Diesen Teil, den ich dir ausgeliefert habe. Denn nichts anderes beinhaltet ein Wort wie „Liebe“. Sich jemand anderem auszuliefern und sich so verwundbar zu machen durch ihn.
Eine einzige Geste, ein Wort, das Fehlen eines Wortes. All das kann den Unterschied ausmachen zwischen dem Glitzern von Licht auf dem Wasser und dem Geräusch von Peitschen, Ketten und Schreien in den Katakomben meines Geistes. Frieden und vernichtende Wut.

Vermissen ist ein Wort, das einfach nicht groß und schmerzhaft genug ist für mein Empfinden. Wo du nicht mehr bist, bin ich unvollständig. Du warst auch Ich. Und jetzt bin ich amputiert. Ich bin zerbrochen und nichts wird mich jemals wieder zusammenfügen. Ich hebe meinen Kopf. Wende das Gesicht dem dunkelnden Himmel zu.

Wieder einmal wünsche ich mir die Nacht herbei. Wünsche mir, daß die Sterne erscheinen, diese unzähligen Billionen Lichter im wirklichen Universum. Dieses Licht, das so kalt erscheint und doch von gigantischen Sonnen stammt, gegen die unsere aussieht wie ein Streichholz neben einer Schweißflamme.
Ich stelle mir vor, daß die Sterne Tränen des Himmels sind, geweint von allen Göttern aller Lebewesen dort draußen, um die endlose Leere der Schöpfung zu füllen. Ich kann sie weinen hören.

Für einen großartigen, unbeschreiblichen Augenblick habe ich das Leuchten um dich herum gesehen und habe dich berührt, so wie du mich.
Für einen Moment habe ich deine Seele gesehen. Sie ist so absolut wunderschön in ihrem Klang und ihrem Potential, daß mir noch jetzt der Atem stockt.
Doch am Ende bleibe ich blind zurück, mit nichts als einer Erinnerung an diesen Augenblick und einer hoffnungslosen Vision von dem, was wir hätten werden können. Was du hättest werden sollen. Wenn ich nur Tränen hätte, um diese Leere in mir zu füllen. Aber ich bin so weit jenseits von traurig, daß ich nicht weinen kann.

Die Nacht fällt. Sternschnuppen regnen über den Himmel. Verbrennende, abstürzende Wünsche.

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3 Gedanken zu “Nightfall

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