Die Sache mit Hund

Du bist so fürchterlich traurig. Ich kenne dich erst seit fünf Tagen, aber das Bild ist für mich nicht zu ertragen. Du umklammerst einen riesigen Bären. Ein Kuscheltier. Ein Geschenk von deinem Ex. Du wartest in diesem Moment darauf, daß die Frau ihn abholt, die das plüschige Monster von dir gekauft hat.
Du hast mir inzwischen erzählt, was dieser „Freund“ dir angetan hat. Drei Jahre lang. Immer wieder. Bei späteren Überlegungen wird mir klar werden, das dich das auf einen Kurs geschickt hat, den du noch heute verfolgst.

Aber im Moment schaue ich nur auf dieses Bild. Diese riesigen, traurigen Augen von dir. Und ich höre deine Stimme, denn wir telefonieren. Wir haben in diesen ersten paar Tagen bereits einen riesigen Haufen an Telefonkosten produziert.
Besonders ich, denn normalerweise rufe ich fast niemanden an. In meinem Leben ist sonst niemand, den ich anrufen würde. Schon gar nicht täglich. Ständig. Immer.
Ich habe in den letzten paar Tagen öfter eine Telefonnummer getippt als in den letzten zwei Jahren zusammen, schätze ich. Es war immer deine.
Jedesmal, wenn es klingelt und du dran bist und jedesmal, wenn ich dich anrufe, wird mir mit unglaublicher Klarheit bewußt, in was für einer Einöde aus Einsamkeit ich eigentlich feststecke. Seit damals. Seit meiner Ex. Seit diesem Jahr, in dem mein Leben irgendwie einen Riß bekommen hat, in den ich hineingefallen bin.

Dieses Bild von dir, auf dem du den Stoffbären umarmst und Tränen in den Augen hast, läßt zum ersten Mal glasklar den Gedanken durch meinen Kopf zucken, daß ich dich besuchen muß. Wir hatten das schon am zweiten Tag beschlossen. Zumindest so etwas Ähnliches. Noch während wir übereinander stolpern und die Treppe hinunterstürzen, sind wir uns beide einig darin, daß Telefongespräche nicht genug sein werden für uns. Am Abend dieses Tages werde ich Klamotten in meine Reisetasche werfen und die Reise zu dir antreten. Diese eine echte Reise, die ich zu dir machen werde. Gemacht habe.

Du verbindest schlechte Erinnerungen mit dem Bären, wie du mir sagst. Kein Wunder. In meinem Kopf taucht dein Bild auf. Blut tropft von dir auf den Boden, während du durchs Wohnzimmer kriechst. Die Worte „widerwärtiges Arschloch“ beschreiben deinen Ex nicht annähernd, aber es geht in die korrekte Richtung. Ich habe ich noch nie einem Menschen etwas getan. Doch in seinem Fall wäre ich bereit, eine Ausnahme zu machen.

Den Bären magst du trotzdem. Ich erkläre dir, daß das unlogisch ist. Das die Idee, ihn zu verkaufen, nicht einfach irgendwoher kommt. Es ist symbolisch. Du weißt das, aber es hindert dich nicht daran, in Tränen auszubrechen. Dieses verdammte Plüschtier erinnert dich an einen Moment, in dem jemand, der dir systematische Gewalt angetan hat, etwas Gutes zukommen ließ. Eine Geste, die man „liebevoll“ nennen könnte, wäre sie nicht aus dieser verzerrten Perversion hervorgegangen, die dieses Arschloch vermutlich für Liebe gehalten hat.

Die Frau kommt zu spät. Du haßt es, wenn Menschen nicht pünktlich sind. Denn das bedeutet, sie könnten dich unvorbereitet erwischen. Aber du mußt ja offiziell sein. Das richtige Gesicht aufsetzen. Dich in eine Stellvertreterversion deiner selbst verwandeln, die öffentlich vorzeigbar ist.
Und je länger diese Situation anhält, desto weniger bist du dazu in der Lage, deine Gefühle zu unterdrücken. Dann klingelt es doch noch an deiner Tür.

Während du ein ganzes Land von mir entfernt diesen riesigen Kuschelbären verkaufst, besorge ich dir Ersatz. Am späten Abend habe ich nichts Besseres zu tun, als mit Hochdruck den möglichst größten und flauschigsten Stoffhund aufzutreiben, den ich im Internet so finden kann. Du magst deine Katze, aber du magst auch Hunde sehr. Du willst unbedingt einen haben. Also suche ich einen Hund.
Erwachsener Mann auf der größeren Seite der Vierziger sucht Stofftier für Kinder. Schöne Grüße an die Spionageprogramme aller Sorten im Internet. Nimm dies, NSA. Zum Glück habe ich nicht auch noch das Zugticket am nächsten Tag mit einer Karte bezahlt.
Der verdammte Hund muß erst zu mir geschickt werden, denn ansonsten müßte ich deine Adresse als Lieferadresse eintragen im Netz. Aber das will ich nicht. Also kriege ich eine Kiste mit einem riesigen Hund geliefert. Doch das wird erst passieren, nachdem ich dich besucht habe. Hatte. Haben werde. Wie auch immer.

„Das Vieh ist wirklich riesig“, denke ich mir, als ich das Paket wieder verschließe. Ich hoffe so sehr, daß dir der Inhalt gefallen wird. Ich bin aufgeregt wie ein Sechsjähriger, der den Weihnachtsbaum schmückt.
Ich lege einen Umschlag dazu, denn der Karton ist so groß, daß du ihn unmöglich auf dem Fahrrad transportieren kannst. Und genau wie ich hast du kein Auto. Also Taxi.
Ich erinnere mich in dem Moment daran, wie du mir von der Frau erzählt hast, die den Bären gekauft hat. Offensichtlich war sie kleiner als du. Und auch sie kam mit dem Fahhrad. Der Kuschelbär muß größer gewesen sein als sie selbst. Ein Bild für die Götter auf dem Rad. Du lachst, als du mir die Szene beschreibst. Ich hoffe so sehr für dich, daß mit dem Bären auch ein Teil der Dunkelheit aus deinem Leben verschwindet.

Hund ist nicht ganz so groß. Aber er wird in deinem Bett einiges an Platz wegnehmen. Ich lege noch einen Brief in den Karton. Handgeschrieben und versiegelt. Ich habe lange nicht mehr mit der Hand geschrieben. Schon gar nicht solche Dinge, wie sie da drin stehen. Das Analoge ist ja nicht mehr in Mode.
Du hast das Buch „Liebesbriefe großer Männer“ gelesen, als ich bei dir war. Nun, ich bin mit mehr als einsneunzig ein großer Mann. Also lege ich einen Liebesbrief zum Riesenhund dazu. Aber ich schreibe „Liebeszettel“ drauf, denn Liebesbriefe wären ja romantisch und offiziell bist du gegen Romantik allergisch.
Eine furchtbar gefühllose Stimme in meinem Kopf weist mich deutlich darauf hin, daß ich gerade massiv dabei bin, mich zum Affen zu machen. Erst dieser überfallartige Besuch. Diese zwei seltsamen Nächte bei dir. Jetzt diese Aktion. Mit meiner ansonsten eher unterkühlten Logik hat das nichts zu tun. Gar nichts. Am nächsten Tag bringe ich das riesige Paket zur Post. Mit dem Fahrrad.

Als du das Paket schließlich abholst, bist du völlig perplex. Du warst schon erstaunt, als ich dir die Lieferung angekündigt habe. Du hältst dich nicht für wert, von irgendwem etwas geschenkt zu bekommen.
Das Bild, das du mir schickst, ist das erste mit diesem kleinen, leisen Lächeln auf deinen Lippen, das ich so sehr liebe. Immer lieben werde. Deine Augen leuchten auf dem Foto. Du strahlst Freude aus und Überraschung. Du auf deinem Bett, die Arme um das Kuscheltier geschlungen. Es macht mich über alle Maßen glücklich, denn du siehst darauf glücklich aus. Ich hatte dieses warme Gefühl so lange nicht mehr, daß ich es im ersten Moment gar nicht erkenne.
Das elende Plüschtier war für meine bescheidenen finanziellen Verhältnisse relativ teuer. Aber es ist jeden Aufwand wert, dich so zu sehen.
Ich will den Schmusehund als neues Symbol für dich haben. Ich will, daß er für dich mit neuen Erinnerungen angefüllt wird. Mit guten Erinnerungen.
An mich, natürlich, so bescheiden bin ich dann doch nicht. Ich weiß in diesem Moment, daß ich nicht der einzige Mann in deinem Bett oder deinem Leben bin. Aber ich will es werden. Wenn nicht der einzige, dann der wichtigste.

Du wolltest einen Hund. Jetzt hast du einen, wenn auch einen pflegeleichten. Der Stoffhund ist angewandte Psychologie. Sagt die eine Stimme in meinem Kopf.
Der Stoffhund bedeutet „Ich werde alles tun, damit du glücklich bist. Was immer es sein mag. Denn ich liebe dich wie niemand anderen auf diesem Planeten.“
Das sagt die andere Stimme in mir. Diejenige, die Kontrolle über mich übernommen hat vor einigen Tagen. Meine echte Stimme sagt am Telefon zu dir: „Hund soll deine Träume bewachen. Er soll auf dich aufpassen.“
Es klingt so lächerlich und ich meine jedes Wort völlig ernst.

Heute liegt Hund einsam und unbeachtet in einer Wohnung herum, in der du nie bist. Er ist tatsächlich ein Symbol geworden. Zumindest das hat wirklich funktioniert. Manchmal frage ich mich, an wen du ihn verkaufen wirst.

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