Flußvampir

Gleichmäßiges Treten, die Straße, Blick links, Blick rechts, rüber.
Der Kies knirscht unter den Reifen. Links und rechts Gärten und Schrebergärten, die mich von der Straße trennen. Endlich.
Grün um mich herum. Schatten der Bäume. Tiefhängende Zweige. Ein Flieder. Ich werde langsamer, das satte Violett sticht mir von Weitem ins Auge. Ich schnuppere in den Wind. Fliederduft. Ich liebe Fliederduft. Kaum ein besseres Symbol für den Sommer, was mich betrifft.

Wieder die Straße, rüber, Radweg auf der anderen Seite. Links Felder. Rechts Bundesstraße. Ich hasse jedes einzelne verdammte Auto mit seinem beschissenen Lärm. Treten. Gleichmäßig. Tiefes Atmen. Die Überführung hoch. Ich schalte nicht, bleibe im hohen Gang. Es knirscht in meinen Knien, in meinem Herzschlag. Ich sollte das nicht tun. Ich tue es trotzdem. Worauf kommt es jetzt noch an?

Den Hügel runter, schneller, treten, raufschalten, den Schwung durch die Kurve mitnehmen, treten, höherer Gang. Ich nehme Fahrt auf, der Wind rauscht an mir vorbei. Kurzes Gleiten aus der Kurve. Nochmal raufschalten,den Kopf hoch, den Blick auf den Horizont. Windrad und Kirchturm mitten im Wingert.
Die Sonne treibt mich vor sich her. Nächster Ortseingang. Bremsen an der Schule, Kreisel, den Hügel runter, Bahnhofunterführung, wieder rauf. Diesmal schalte ich. Schweiß auf meiner Stirn, den Armen, am Rücken. Ich kann es spüren.
Runter von der Straße, in die Felder, endlich. Keine Autos. Weniger Menschen. Ich hasse Menschen. Mittelmäßig, meistens. Heute ganz besonders.

Langsamer treten. Aufrichten. Der Wind läßt die Weizenfelder wogen, in endlosen Wellen beugt sich das Korn des Sommers unter dem Streicheln der Atmosphäre. Die Weizengrannen haben genau die Farbe deiner Haare. Jedenfalls genau die Farbe deiner gebleichten Haare, bevor du sie wieder einmal färbst.
Rote Mohnblumen, blaue Kornblumen, grünes Gras am Feldrand. Auch alles Farben deiner Haare in den paar Monaten, in denen ich dich kannte. Ich stelle mir vor, hier durchzulaufen und nicht zu fahren. Mit dir an meiner Seite. Deine Hand in meiner. Romantischer Kitsch, wie du es genannt hättest. Und du hättest natürlich recht. Die Vorstellung löst wieder eine schrille Dissonanz in mir aus. Schneller treten. Runterbeugen. Ich versuche wieder, dich zurückzulassen auf der Straße zwischen den Feldern.

Nächster Ortsteil, abwärts, zum Ufer. Endlich echte Ruhe. Keine Autos hier. Das leise Zischen meiner Reifen auf dem Asphalt. Den Fluß entlang, wieder Richtung Innenstadt. Trügerisch glitzernd wirkt das Band aus Wasser träge in seiner Breite. Aber der Fluß ist gut gefüllt. Nach einem ungewöhnlich trockenen Jahr gab es reichlich Regen die letzten Monate. Heute ist gefühlt der 93. April. An den Uferbändern ist das Wasser glattgebügelt. Die Strömung ist stark. Wer im Hafen ins Wasser fiele, würde etwa hier wieder ans Ufer kommen können. Wenn er nicht vorher ertrinkt.

Der Fluß ist wie du. Harmlos wirkend. Glitzernd. Vertrauenerweckend. Lockend liegt das Wasser in der Bruthitze des Tages und verspricht wonnige Kühlung. Aber er ist voller Tücken und Unterströmungen. Jederzeit bereit, den unachtsamen Schwimmer mitzureißen und zu töten in diesen kühlen, grünen Tiefen. Der Sirenengesang des Wassers ist wie deine Stimme. Immer wieder diese Versprechungen. Immer wieder beiläufige, achselzuckende Enttäuschung. All diese Dinge, die wir uns gegenseitg gesagt haben. Die du mir immer wieder gesagt hast.
Und immer wieder hast du gelacht darüber, daß mir das weh tut, was du da als Nebensächlichkeit wieder einmal in den Papierkorb wirfst. In deiner Gefühlsblindheit bist du nicht in der Lage zu erkennen, was du mir immer wieder antust. Wie ein Vampir saugst du Gefühl aus anderen Menschen, um nicht selber in deiner inneren Kälte zu erfrieren oder dir ständig abhanden zu kommen.

Du bist ein einziges gebrochenes Versprechen. Mir ist noch immer nicht klar, ob du nicht bemerkst, wenn du lügst oder Dinge sagst, die nicht zusammen passen. Oder ob es dir gar nicht auffällt, weil du so schnell zwischen deinen beiden Persönlichkeiten hin- und hergleitest. Ich fange die Klingen ab, die du immer wieder auf mich zielst. Aber jedes Mal zerschneide ich mir dabei die Hände.

Schon mehrfach hast du gesagt, du brauchst mich. Aber nie konntest du die Frage beantworten, wofür eigentlich.
Du wirst die Frage niemals beantworten, aber das weiß ich in dem Moment noch nicht. In dem Moment habe ich noch immer Hoffnung. In dem Moment bin ich noch immer wieder bereit, deinen Worten zu glauben. Dir Vertrauen zu schenken. Noch immer hoffe ich darauf, daß mein Traum auch dein Traum ist. Wenigstens teilweise. Noch immer will ich glauben, jemanden gefunden zu haben, der mit mir kompatibel ist.

Durch die Flutwiesen, links und rechts grün, das Dröhnen der verdammten Bundesstraße gedämpft. Für einen Moment gelingt es mir fast, dir zu entwischen.
Aber nur fast. Die dunkle, zähe Welle spült hinter mir über die Straße. Sie ist nie weit entfernt. Sie löscht das Wasser aus, die Wärme, das Grün am Ufer. Sie frißt alle Geräusche. Sie eliminiert jegliche Spuren. Läßt nichts zurück außer gleichförmiger Entropie.
Ich zwinge mich zu gleichmäßigem Atmen. Diese Stimme in mir schreit wieder lauter. Nennt mich einen Idioten, der es besser hätte wissen müssen. Allein durch meinen Vorsprung an Erfahrung hätte ich verhindern müssen, daß du derartig viel Schaden anrichtest in mir. Aber ich habe es nicht.

Ich wollte nicht auf diese Stimme hören. Ich wollte, daß es diesmal anders ist. Deinetwegen. Ich wollte die Zugbrücken senken, die Wachen von den Mauern rufen. Nach all diesen Jahren der endlosen Wachsamkeit, des paranoiden Mißtrauens, war ich des Wartens auf Wunder so unendlich müde. Also beschloß ich, dir zu vertrauen. Dir, in deiner ganzen Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit.
Eine deiner „Beziehungen“ hatte dir noch vorgeworfen, du würdest immer nur an dich denken. Deinen Vorteil suchen. Deinen Egotrip befriedigen. Ich habe ihn dafür ausgelacht. Glatte Fehleinschätzung, dachte ich. Aber er hatte recht. Wobei ich nicht weiß, ob du ein Ego hast. Es ist vielmehr die Abwesenheit eines Egos, was du als Normalzustand definierst.

Du bist tatsächlich unfähig, Dinge wirklich zu fühlen. Ihnen einen Status an Wichtigkeit beizumessen, der sie real werden läßt. Alles, was anderer Menschen Gefühle betrifft, ist für dich surreal. Farben für eine Blinde. Du hast es nie gelernt. Du weigerst dich auch, es zu lernen. Denn das würde bedeuten, jemanden vertrauen zu müssen. Aber du vertraust niemandem. Deswegen mußt du dir diese Dinge von außen besorgen, sie importieren. Deswegen habe ich kaum ein Echo von dir bekommen, wenn ich dich mit Gefühlen beworfen habe, bis ich nicht mehr konnte.
Du vertraust nur, wenn du dich vorher unterwirfst. Ziehst deine Aufregung daraus, wo dein neuer Herr Grenzen ziehen wird. Verläßt dich darauf, daß du aufgefangen wirst beim Abstürzen. Vertrauen als Dienstleistung.

Echtes Gefühl versetzt dich in Angst und Schrecken. Denn du kannst es nicht einschätzen. Es zertrümmert deine Annahme eigener Wertlosigkeit und stellt dein Weltbild in Frage, das du aus Sklavenstahl gegossen hast.
Du hast niemals verstanden, warum du es wert sein solltest, geliebt zu werden. Ich bin so unsäglich traurig um dich, daß mir die Tränen einen Moment die Sicht nehmen.

Der Fahrtwind. Es ist nur der Fahrtwind.

 

 

 

Das Beitragsbild trägt den Titel „Dead Blood Consuming“, ist von Anna Jonczyk (Pipistrellestudio) und findet sich zum Beispiel hier auf Facebook.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s