Schlußakkord

Sonnenaufgang. Die verdammte Scheißtaube im Garten des Nachbarn gurrt mit Industrielautstärke in ihrem Baum rum. Das Licht des heller werdenden Horizonts sickert durch die Scheibe meiner Balkontür ins Schlafzimmer, jedes Photon genau auf meine geschlossenen Augen gezielt.
Seit einer Stunde oder so drehe ich mich von links nach recht und zurück. Gefühlt die ganze Nacht. Ich habe geschlafen. Glaube ich jedenfalls.

Aber hinter meinen Augen, in diesem irren, ruhelosen Gehirn von mir, laufen immer wieder dieselben Bilder ab. Immer neue Sequenzen an Sätzen tauchen in meinem Kopf auf. Ich kann nicht aufhören zu denken über das, was passiert ist. Es ist fast so, als hätte mich etwas emotional erschüttert. Ich lache kurz auf, als mein Gehirn mit diesen Satz in die Stirn ballert. Es ist ein kurzes Lachen. Zynisch und bitter. Aber macht nichts, es hört ja niemand außer mir.

Ich verfluche die Taube, stelle mir ein letztes Mal vor, wie ein klitzekleines Geschoß aus der Luftpistole das Drecksvieh in einen Ball blutiger Federn explodieren läßt. Sehr befriedigender Gedanke.
Im Wohnzimmer malt der aufgehende Zentralstern dunkleoranges Licht an die Wände. Scheint ein schöner Tag zu werden. Tag Null. Oder Tag Eins, wie man es nimmt.
Heute ist der Tag, an dem ich endgültig beginne, dich aus meinem Inneren zu streichen. Ich impfe mich mit Haß, um jede verdammte Zelle in mir zu erwischen, in der du gespeichert bist. Eine Art emotionaler Chemotherapie. Allerdings sind es ziemlich viele Zellen. Der Krebs ist weit fortgeschritten.

Der weitere Text enthält durchaus heftige Worte und ist für Personen unter 18 nicht geeignet. Es wird keine weitere Warnung geben.

Wie du mir von deiner Panik erzählt hast. Deiner Angst davor, deinen Dom zur Rede zu stellen. Allein diese Vorstellung läßt mich wieder aufbellen in dieser Karikatur eines Lachens. Diese Liste mit Frauenprofilen in seinem Computer. Obwohl du ja immer gesagt hast, andere Frauen für ihn sind nicht Teil des Spiels.
Wie konntest du erwarten, daß sich ein Sadist an irgendwelche Regeln hält auf Dauer? „Womöglich bin ich ja nachher wieder Single“, schreibst du mir.
Deine typische Angst vor dem Verlassenwerden. Da ist sie wieder. Ich hoffe bei mir, daß genau das einmal passierte. Denn es wäre genau das Richtige für dich.

Doch alles kommt anders. Während ich mir Sorgen machte, wie euer Gespräch ausgegangen ist, gibt es gar keins. „War nur oberflächlich. Machen wir dann nachher“, sagst du mir am nächsten Tag. Und dann noch, daß du dich eben nackt aufs Bett gelegt hättest, um nicht reden zu müssen. Ficken war besser, als mal was Wichtiges zu besprechen. Allerdings finden echte Gespräche auch nur zwischen Menschen auf Augenhöhe statt.

Mir wird alleine bei der Vorstellung schlecht.
Ich werfe dir an den Kopf, daß du dieses Arschloch niemals verlassen kannst. Und du stimmst mir zu. Vor ein paar Tagen war das noch der Unterschied zwischen Arschloch und deinem Ex-„Freund“. Aber es war gelogen. Es war alles gelogen, so wie dein ganzes Selbstbild eine einzige beschissene Lüge ist.
Ich sage dir auf den Kopf zu, daß er dich eines Tages in einen Käfig sperren wird. Einen echten, nicht den in deinem Kopf. Und dann wird er eben doch mit einer Frau ficken, während du zusiehst. Und hinterher wird er dich dazu bringen, dich dafür zu entschuldigen, daß es dir nicht gefallen hat. Du sagst, daß es wohl darauf hinausläuft, ja.

Es ist nicht so, daß ich einen gewohnheitsmäßigen Sadisten nicht verstehe. Oder keine Möglichkeiten ersinnen könnte, wie man dir die Demütigung verschafft, die du ja immer so gerne haben willst. Ich kann mich da sehr gut hineinversetzen. Es ist eben nur nicht mein Ding. Um nicht zu sagen, es kotzt mich an.
Du erzählst mir davon, daß ihr dann ja heute darüber reden werdet, was vorgefallen ist. Im nächsten Atemzug erzählst du mir von der Planung der nächsten Tage. Der nächsten Woche. Für den heutigen Abend. Alles mit ihm. Kein einziges Wort über etwas anderes. Wie so oft versuchst du hektisch und panisch, vom Kernthema abzulenken.

Das ist es dann für mich. Du wirst dieses Gespräch entweder niemals mit ihm führen. Oder aber so, daß auf keinen Fall etwas für dich Negatives herauskommt. Also der Fall, daß er dir den Laufpaß gibt. In deinem Denken ist überhaupt keine Sekunde Platz für diese Annahme. Du hast dich den ganzen gestrigen Tag nicht mehr gemeldet und ich hatte mir wie immer Sorgen gemacht. Du hast dich währenddessen vögeln lassen. War halt einfacher.

Jetzt sitzt du da und dein Videobild erzählt mir, daß du niemals etwas tun wirst, was das Verhältnis zu deinem Dom gefährden könnte. Du hast gar nicht vor, es kritisch werden zu lassen. Der logische Schluß ist, daß dieser Typ alles mit dir tun kann, was er will. Und das wird er, denn es liegt in seiner Natur. Schließlich ist der Kerl ein Sadist. Deine eigenen Worte über ihn.

Mir wird das ganze Ausmaß deiner Versklavung bewußt in dieser Sekunde. Ich sage dir ins Gesicht, daß all dieses Zeug auf die Auslöschung deiner Persönlichkeit hinausläuft. Du bestätigst auch das. Ich habe es dir schon mehr als einmal gesagt. Ich habe es aufgeschrieben. Ich habe es aufgenommen und dir als Audiofile geschickt. Ich habe dir genau vorhergesagt, wohin sich das entwickeln wird, weil es sich dahin entwickeln muß. Es sei denn, du tust was dagegen.

Du willst gar nicht. Du fürchtest dich in deinem Kontrollwahn derartig davor, alleine zu sein, daß du nicht willst. Denn dann wärst du ja allein und für dich verantwortlich und nach deiner Auffassung geht das nicht. Du mußt in deinem Hirn die Kontrolle an jemanden abgeben.
Du lebst seit Wochen in seiner Wohnung und nennst das „zu Hause“. Du fragst ihn um Erlaubnis, bevor du eine gute Freundin besuchst. Nicht einmal diesen rebellischen Akt hast du hinbekommen am gestrigen Tag. Ich stelle mir vor, wie er gelächelt hat, als die Nachricht von dir auf seinem Display erschienen ist, im sicheren Bewußtsein seines endgültigen Sieges.

Du glaubst tatsächlich, daß es in deinem Leben niemals unangenehme Dinge geben wird, niemals etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn du nur jeden Aspekt deines Lebens an einen sadistischen, narzißtischen Kontrollfreak abgibst. Oder an irgendwen. Hauptsache, nicht du selbst. Du hast einmal zu mir gesagt, du hättest Angst vor mir. Weil du mich nicht einschätzen kannst. Ich habe scherzhaft gekontert, ich sei eben mehr der Joker und nicht Batman. Selbst meine Wohnung ist eine Mischung aus Ordnung und Chaos. Wie das echte Universum eben auch.

Ich sitze da und frage dich wieder einmal, was ich dann eigentlich noch in deinem Leben soll. Ich spüre, wie sich Zorn in meinen Verstand ätzt und man hört es mir an. Ich benutze diesen kurzen Kommandoton dir gegenüber, von dem ich weiß, daß du darauf reagierst. Wieder einmal antwortest du mit deiner Kleinmädchen-Stimme: „Ich weiß nicht.“
Wie ich diesen Satz hasse in der Sekunde.

Ich möchte dir in dein verdammtes Puppengesicht schreien, dir die Sonnenbrille runterreißen und deinen Kopf in meinen Händen umklammern. Dich zwingen, mir mit diesen Augen einen Blick zu geben. Diese Augen mit den beschissenen Kontaktlinsen, die deinen Kleinmädchen-Charme noch unterstreichen sollen. So mag er es. Dabei entstellen sie einfach nur, wie schön deine Augen in natura sind. Selbst deine Blicke sind maskiert.
Ich verliere dich in dieser Sekunde. Endgültig. Schlimmer noch. Mich trifft die Erkenntnis, daß ich dich gar nicht verlieren kann. Denn dazu hätte ich dich erst einmal gewinnen müssen. Doch die Möglichkeit bestand niemals. Du bist so weit weg von mir. Es ist nicht einmal die gleiche Galaxie.

Die kleine, gestylte Aufziehpuppe auf meinem Monitor widert mich an in diesem Moment. Du willst unbedingt ein Möbelstück sein. Ein Dingsbums. Etwas, das benutzt wird und dann zur Seite gelegt und wieder benutzt. Du bist nichts weiter als eine beschissene Plastikfotze, die kochen und putzen kann.
Ich sage den Satz „Wenn du dich unbedingt dazu entschließen willst, weniger als ein Mensch zu sein, habe ich verloren.“
Und das habe ich auch. Das Ausmaß meiner Niederlage und auch meines eigenen Selbstbetrugs wird mir gallenbitter bewußt in diesem Moment. Ich hatte wirklich geglaubt, dir etwas zu bedeuten. Dabei bin ich die Taube im Baum für dich. Ein lustiges Geräusch in deinem Smartphone, wenn ich mal wieder besorgt frage, ob du was gefrühstückt hast. Oder genug gegessen, während du mit deinem Dom sieben Stunden auf einem verkackten Golfplatz verbringst.

Du siehst mich nicht an über die Kamera. Wie so oft schaust du weg. Ich schließe einen Moment die Augen und sage nichts mehr. Ich sehe noch, wie du zu weinen beginnst, als du die Verbindung unterbrichst. In diesem letzen Moment zeigst du mir einmal echtes Gefühl. In mir brodelt dunkler Faulschlamm nach oben, aus widerwärtigen Tiefen. Diesmal wehre ich mich nicht dagegen.

Möge die Dunkelheit dich und mich verschlingen.

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