Die tiefe See

Ich war bereit, von dir zu lernen. Alles hätte ich lernen wollen. Alleine der Gedanke, daß ich, ein nicht ganz unerfahrener Mann unterwegs Richtung fünfzig, von dir etwas lernen kann, faszinierte mich. Mir was beibringen. Eine im großen und ganzen sexuell unausgereifte Neunzehnjährige. Oder sollte ich sagen, sexuell verwüstet? Verbogen?
Aber das war es immer für mich. Sex bedeutet immer, zu lernen. Was mag der andere, was nicht. Wie reagiert er auf bestimmte Dinge? Dieses Spiel des Ausprobierens und Weiterentwickelns war es, das ich gerne mit dir gespielt hätte. Und du mit mir. Es gab einige Momente, in denen du nicht gelogen hast bei dem, was du zu mir sagtest. Ich hätte so gerne alles an Liebe in dich hineingestreichelt, was ich nur da habe. Oder hatte, zumindest.

Wenn ich Bilder aus deinem Kopf haben will, muß ich sie dir immer stundenlang aus der Nase ziehen. Meistens habe ich dabei wenig Erfolg.  Aber manchmal, manchmal bekomme ich dich dazu, ungeschminkt und ungefiltert das zu sagen, was an Vorstellungen und Farben in deinem Kopf herumfällt. Ich reite Überraschungsangriffe und habe daran sogar Spaß. Es sind letztlich Worte. Mit Worten bin ich manchmal ganz gut. Immer wieder finde ich Zugang zu den Türen in deinem Geist. Aber oft hast du gar nicht mit mir geredet in solchen Momenten. Du bleibst oberflächlich. Ohne Tiefe und ohne Kontur.

Du nimmst meine Gefühle, die in all diesen Bildern liegen. Dann saugst du sie auf. Du frißt sie, um dir selber nicht so gefühlstot vorzukommen. Du bist wie ein verfluchter See, in den ich Steine hineinwerfe und dessen Oberfläche dann keine Wellen schlägt. Stumm und schwarz liegt er da und spottet mit seiner Unbewegtheit all meinen Bemühungen.

Doch da ist oft nichts. Von dir kommen immer nur Anforderungen nach den Bildern in meinem Kopf. Ich gebe sie dir bereitwillig, zumindest zu diesem Zeitpunkt noch.
Wobei auch ich da erst reinfinden muß. Dirty talk am Telefon läuft irgendwie auf eine sexuelle Tätigkeit hinaus. Wenn ich überhaupt etwas von dir hören will, muß ich direkt sein. Das habe ich bereits zu Anfang begriffen. Ich lerne schnell.
Diese Art Sprache erschreckt dich, aber sie macht dich auch an. Kaninchen und Schlange. Sehr schnell stelle ich fest, daß du dich hier auf einem schmalen Grat zwischen Faszination und panikartigem Entsetzen bewegst.

Mir wird klar, warum du fast nie redest über das, was Du willst. Du bist der Meinung, daß du gar nichts wollen darfst. Kurz bevor ich endgültig vor dir flüchte, weil ich alleine den Gedanken an dich nicht mehr ertragen kann, schreibst du in einem BDSM-Forum: „Für meinen Herrn halte ich alles aus, denn er weiß, wo meine Grenzen liegen. Und sollte er sie überschreiten, halte ich auch das aus, denn sonst bin ich es nicht wert gewesen.“

Ich habe Angst um dich. Tiefe, bittere Angst, die mir Tränen ins Gesicht treibt.
Denn da ist es wieder. Dieses Hemmungslose, Grenzenlose an dir. Diese rohe Gier, die keinerlei Maß kennt. Keinerlei Erfahrung, die als Dämpfung dient. Dutzende Male habe ich es dir gesagt. Du kannst nicht alles ausprobieren wollen bis zum Exzess und dabei aber vor lauter Unterwerfung nicht die Klappe aufkriegen.
Wie soll ein Mann, mehrere Männer, wie hätte ich jemals wissen sollen, wie weit ich gehen kann und darf, wenn du niemandem eine Rückmeldung gibst?
Wie willst du jemals deine Grenzen erlernen, wenn du selber sagst, daß Du gar keine hast? Keine haben darfst? Wenn Du selber von dir behauptest, gar keine zu haben?
Wenn Du selbst behauptest, man könne mit dir alles tun?

Aber du kannst dir selbst nicht extrem genug sein. Ohne zu zögern würdest du aus dem Flugzeug springen. Ohne Fallschirm. Weil es dir jemand befiehlt. Oder weil dir jemand gesagt hat, wie geil das Fallen ist. Das irgendwann auch ein Aufprall erfolgen muß, wäre dir in diesem Moment vollkommen egal. Du würdest es nicht einmal registrieren, wenn du die Wolken durchschlügest. Du würdest den heranrasenden Boden verdrängen.

Während ich vor lauter Furcht um dich hysterisch weinen möchte, sagst du mir klipp und klar, daß dein neuer Herr das nicht wissen und lesen darf. Das ich nichts davon weitererzählen darf. Du sagst, daß du mir Dinge erzählst, die du keinem anderen erzählst. Auch das wird sich später als Lüge erweisen. So etwas wie Privatsphäre existiert in deinem Sklavenleben überhaupt nicht.

Drei Sätze später behauptest du, du hättest Angst vor mir und wolltest mich deswegen jetzt nicht mehr besuchen. Vorher wäre das ja anders gewesen.
Wieder einmal bemerkst du nicht, was du mir da eigentlich an den Kopf geknallt hast, wenn man beide Puzzleteile zusammensetzt. Vor ein paar Tagen noch hast du dich wieder von mir trösten lassen. Morgens um eins, als du irgendwelche Gestalten vor deinem Fenster gesehen hast im Haus deiner Eltern. Natürlich war da nichts, nur deine üblichen Projektionen. Dissoziation nennt man das wohl bei Borderlinern.
Du liegst dermaßen im Kampf mit dir selbst, daß du dich nicht nur losgelöst fühlst von deinem Körper. Nein, das wäre ja auch nicht extrem genug. Du siehst jemandem hinter dir stehen im Spiegel. Oder auf dem Rand der Wanne sitzen. Irgendwann wird mir bei meinen Grübeleien klar, daß du dich da selbst siehst. Du schiebst Facetten deiner zerbrochenen Persönlichkeit so weit von dir weg, daß sie buchstäblich außerhalb deines Körpers wieder auftauchen.

Zwei Abende hintereinander habe ich dich am Telefon in den Schlaf gequatscht. Ein Ritual, das ich sehr lange vermißt hatte. Ich habe deine Stimme immer geliebt, auch wenn du oft nicht viel gesagt hast. Erst gestern noch, bevor du nach Berlin gefahren bist, um deinen neuen Herrn zu besuchen. Und jetzt spuckst du mir geradezu ins Gesicht, Du hättest Angst vor mir.
Rein logisch hast du gerade gesagt: „Wir sehen uns nie wieder.“

Du hast Angst vor mir. Dem Kerl, der seit Monaten deine Ängste aufnimmt. Als hätte ich nicht selbst genug davon. Ich bin noch niemals in meinem Leben derartig gedemütigt und verachtet worden. Von niemanden, den ich je geliebt habe. Überhaupt von niemandem. Du verletzt mich zutiefst in diesem Moment.
Vor zwei Wochen noch hattest du mich zu dir eingeladen, in deine neue Wohnung. Ich frage zurück, ob du noch ganz bei Trost bist. Als würde ich wieder durch das ganze Land fahren,  nur um mir deine neue Studentenbude anzusehen und danach auf deinem Sofa zu schlafen und nicht mit dir. Ich bin ein Mann. Heiliger bin ich keiner. Außerdem war völlig klar, was passieren würde, wenn wir uns noch einmal sehen. Zumindest bis zu dem Moment, in dem du das kategorisch ausgeschlossen hast. Denn du wärst ja nun vergeben, so deine Begründung.

Immer wieder lügst du mich an, überflutest mich mit widersprüchlichem Mist. Nichts von dem, was du sagst, paßt zu Dingen, die du nur zwei Wochen früher gesagt hast. Zwei Tage früher. Zwei Stunden. Du verdrängst Dinge, die mich emotional in Trümmer legen, von einem Tag auf den nächsten. Danach bist du wieder die Unschuld selbst. Du legst dir eine Version der Welt zurecht, die so nicht stattgefunden hat.

Ich spüre, wie diese dunkle, brodelnde Wut wieder in mir hochsteigt, die nur du derartig reizen kannst. Es ist ein Moment, in dem ich realisiere, wie sehr du Gift für mich bist. Ich muß die Brücken verbrennen, die Taue kappen. Seit einem halben Jahr benutzt du mich als wilde Müllkippe für den verseuchten Dreck in deiner Seele, damit du für ein Arschloch eine bessere Sklavin sein kannst.

Ich muß weg, bevor mich die tiefe See endgültig ins Dunkle zieht. Ich muß atmen.

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4 Gedanken zu “Die tiefe See

  1. Puh, bin durch die blogwork orange Gruppe auf deine Texte gestoßen, hab mich nun eine ganze Weile durch die Beiträge gelesen, genickt, den Kopf geschüttelt und hab jetzt zum ersten Mal wieder ausgeatmet. Verdammt tiefe, schmerzhafte Geschichte. Gut, dass du es so in Worte gießen kannst. Macht hoffentlich mit jedem Buchstaben ein paar Gramm leichter ums Herz.

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    • Danke.
      Aber nicht zu lange die Luft anhalten. Sonst kriege ich da noch Ärger.

      Ich muß das rausschreiben, sonst platze ich. Das hatte ich IHR am Anfang auch gesagt. Aber sie tut es nicht wirklich. Das wird ihren Zustand nicht verbessern, nehme ich an.
      Und im Moment muß ich erstmal weniger zornig werden. Und wenn es mal aufhörte zu bluten, wäre das auch sehr vorteilhaft.

      Ich arbeite dran.

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      • Nein, nein, keine Sorge, Atem fließt wieder 🙂 Dass du dir Gedanken über ihre Ventile machst, ehrt dich, zeigt aber auch, wie sehr du noch um sie kreist. Ja, das blutet vermutlich immer, wenn etwas so tief unter die Haut geht, das liegt in der Natur der Sache. Vielleicht ist Zorn nicht die schlechteste Unterstützung bei der Wundheilung…

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      • Permanent kreise ich da. Wie Luna um Erde. Hatte ich einen Post „Schwerkrafttrichter“ genannt? Ähmm…ja. Hatte ich. Sehr prophetisch. Ich habe auch nichts anderes mehr da außer Zorn. Auf sie. Auf mich. Ach, es ist kompliziert.

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