Kokon aus Dunkelheit

Du ziehst zu ihm. In dem Moment, in dem Du sagst, er würde sich bei diesen Dingen ja nicht einmischen, ist mir völlig klar, daß du zu ihm ziehen wirst. Nachdem du ja gerade erst in deiner Stadt in eine neue Wohnung gezogen bist. Mein erster Gedanke ist Furcht. Panische Angst. Nicht für mich. Um dich.
Dieser andere Kerl wird dich endgültig und vollständig von sich abhängig machen. Er wird dich an andere Männer „verleihen“, denn er sieht gerne zu. Du wirst all das mit dir machen lassen. „Für meinen Herrn tue ich alles“. So hast du es ja einmal formuliert. Ich phantasiere das nicht. Du selbst hast mir beschrieben, wie das so abläuft. Mehr als einmal. Es gibt sogar verschiedene Codes für diesen Scheiß in einschlägigen Foren.

Die Frau, die ich einmal geliebt habe, existiert nicht länger. Sie ist ausgelöscht worden in einem Akt der Selbstauflösung, des geistigen Vampirismus, den du mit Liebe und Hingabe verwechselst.
Ich fühle, wie mein Inneres zerbricht, während ich das schreibe. Erstaunlich, wie sehr ich gehofft hatte, irgendwann doch noch mal etwas von dir zu hören. Etwas Positives, aus dem ich entnehmen kann, daß es dir besser geht. Das deine beiden Seiten jetzt besser miteinander klarkommen. Aber eingeschlossen in diesen hermetischen Kokon aus Unterwerfung, in den du dich begibst, wird das nicht passieren.

Eines meiner Gedankenbilder, das ich dir mehr als einmal gezeigt habe, war es, wie du auf diesem verdammten flauschigen Riesenhund liegst, den ich dir geschenkt hatte. Bäuchlings und nackt. Wie das Bild deine Beine zeigt, diesen prachtvollen Arsch und alles andere auch. Wenn ich mir vorstelle, daß dieses Bild womöglich für diesen anderen Kerl wahr wird oder einen, der dir gerade „zugewiesen“ ist, möchte ich kotzen. Du sagtest mir einmal, daß er dich auch mit Zärtlichkeit dominiert. Ein Gedanke, den ich dir überhaupt erst beigebracht habe. Aber ich traue diesem Mann nicht. Ich hasse ihn. Ich hasse dich, weil du ihm die Belohnung für meine Anstrengungen bist.

Es ist irrelevant, ob du all diese Dinge auch freiwllig tust, wie du immer sagtest. Was Du erlebt hast, hat dich auf eine Art der Sexualität geprägt, die deinem Geist nicht gut tut.
In deiner Neurobiologie ist es so, daß Schmerz das Gefühl von Streß und Angst dämpft, das dich oft überkommt. Das Problem ist, das weder BDSM noch D/S-Beziehungen deine Belastungsstörung verbessern werden. Sie werden sie verschlimmern. Was zu mehr Angst führt. Mehr Streß. Mehr notwendigem Schmerz. Mehr Extrem.
Du hast dich in eine exzessive Form deiner selbst hineingesteigert und zelebrierst sie jetzt als ultimativen Liebesbeweis. In meinen Augen ist es Selbstzerstörung.

Nur zwei Tage, bevor du deinen neuen Besitzer aufsuchst, hattest du noch eine Scherbe in deiner Hand. In deiner neuen Wohnung. Du hast mir ein Bild geschickt. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht wie ein leidendes Tier. Schon wieder. Kurz vorher war Herr R. bei dir und hat dir noch bei den letzten Umzugsdingen geholfen. Dein vorheriger Herr, könnte man sagen.
Ich lernte ihn kennen als den Pranger-Typen. Denn das erste, was du mir erzählt hast, war die Tatsache, daß er schon einmal mit einem Pranger durchs ganze Haus gelaufen ist. Zu dir. Fünfter Stock. In deine alte Wohnung. Die, aus der du gerade ausziehst.
Ein Anblick, den ich sicher nicht vergessen hätte, wäre ich dem Mann im Hausflur begegnet. Zuerst konnte ich ihn nicht leiden, den Pranger-Typen. Denn ich habe Bilder gesehen von den Spuren seiner Behandlung.

Doch dann war er am Telefon. Der Kerl mit dem Pranger lauert in whatsApp, als ich dich besuche. Damit er sofort was tun kann, sollte ich mich als psychopathischer Irrer entpuppen. Denn du läßt ja einen völlig Unbekannten in deine Wohnung. So einen Internet-Typen. Als ich bei dir auf dem Sofa sitze und du das erzählst, bekommt Pranger-Typ erstmals Punkte auf meiner Sympathieskala. Ich muß sogar darüber lachen. Völlig absurde Situation.
Nach allem, was ich inzwischen weiß, war er mehr jemand, der dich an das heranführen wollte, was du vielleicht möchtest. Und vielleicht eben auch nicht. Er wollte experimentieren mit dir. Und noch weit mehr. Herr R. hat dich ebenfalls geliebt. Auch wenn er das nie offen zugegeben hat. Auf eine andere Art als ich. Aber geliebt. Jedenfalls hätte er dir nie wirklich etwas getan.

Dein neuer Besitzer kennt da keine Rücksicht. Er wird dich vollständig vereinnahmen. Er betrachtet dich als sein persönliches Werk und er wird dich formen wie Wachs. Herr R. wollte dich entwickeln. Dieser andere Mann will dich brechen und wird dich brechen. Wachs bricht leicht.
Er benutzt dich, berauscht sich am Gefühl der Macht über deinen Geist und deinen Körper. Drogen neigen dazu, in immer höheren Dosen konsumiert werden zu müssen. Seine ist Sadismus. Deine Angst und Unterwerfung. Ich habe so unglaublich viel Angst um dich, daß mir schlecht wird. Aber nichts davon geht mich noch etwas an. Zumindest sagt mir das eine Stimme in meinem Kopf.
Bereitwillig spinnst du dich ein in diesen Kokon aus Dunkelheit, der doch eines Tages zerbrechen wird, dich ausspucken und dann wird es für dich vorbei sein. Für immer. Von diesem Schaden wirst du dich nie mehr erholen.

Dir ist klar, daß du irgendwann draufgehen wirst bei dem, was du so tust. So hast du es beschrieben, nur ein paar Tage, bevor ich dich verlasse. Was für ein unzureichendes Wort. Du warst ja nie physisch da. Trotzdem fühle ich den Verlust wie glühenden Draht unter den Fingernägeln.
Es fehlt an besseren Worten in unserer Sprache. „Aufgeben“ stimmt auch nicht. Denn eigentlich hatte ich das nicht getan. Bis heute. Heute sitze ich da und fühle nichts als stumme Hoffnungslosigkeit. Du bist von mir subtrahiert worden. Das trifft es ungefähr.

„Du bist zerbrechlich wie eine Schneeflocke und schön wie ein Kristall“, hatte ich dir geschrieben. In einem meiner gefühligen Texte, die du nie so beachtet hast. Oder über die du dann nie etwas gesagt hast, denn das wäre ja gefühlig gewesen. Oder romantisch. Diese kühle Gleichgültigkeit von dir war immer etwas, das meine Seele millimeterweise abgeschürft hat.
Es ist unvorteilhaft für jemanden, der unter einer massiven PTBS leidet, sich in eine Situation zu begeben, in der extremer Sex als Ausgleich für Autoaggression dient. Exakt das ist bei dir der Fall, sagt die Stimme des Logikers n meinem Kopf.
„Zerbrich mir nicht“, hatte ich geschrieben. Eigentlich habe ich es geschrien.

Ich fürchte um dich. Ich zittere beim Schreiben. Mein eigenes Versagen lastet auf mir.

„Wenn du irgendwo in deinem kleinen Herz und in deinem Kopf einen Ort hast, an dem ich mich befinde, dann such ihn auf, wenn es dir zu dunkel wird. Ich werde da sein und auf dich warten. Mit Tee, Schnapspralinen und genug Kerzen für einen ganzen Winter.

Auch das habe ich dir einmal gesagt. Eigentlich fast unmittelbar, bevor alles zu Ende ging. Und es war ernst gemeint in diesem Moment. Aber da ist nichts mehr. Niemand, dem ich das gesagt haben könnte. Kein Herz, in dem ein Platz für mich wäre. Vor mir liegt nichts mehr, das mir wirklich Freude bereiten könnte, denn du bist fort.

Es ist ein so schöner Tag und er ist so voller Kälte und Dunkelheit wie noch nichts zuvor in meinem Leben. Für diesen Winter wird es niemals genug Kerzen geben.

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