Im Weltraum hört dich niemand weinen

Normale Menschen haben die Absicht, jemand zu sein. Zumindest tun die meisten so, als wären sie jemand. Einige Menschen haben die Absicht, jemand zu werden. Noch weniger erkennen, daß man es nur wert ist, sich selbst zu werden. Du willst nichts von alledem. Du willst im Grunde gar nichts. Deine Absicht ist es, nicht zu sein und auch nicht zu werden. Du bist genauso leer und bedauernswert wie dein Vater. Von dem hast du mir am Abend vorher das erste Mal erzählt. Überhaupt hast du mir endlich mal ein paar Dinge erzählt, die wirklich von dir kamen.

Sie kamen direkt von dir, waren authentisch. Nicht immer dieses durch deine Maske gefilterte Zeug, das du mir all die Monate angereicht hast. Wie oft haben wir uns nur ein paar Minuten in wirklicher Tiefe unterhalten bei all unseren Telefongesprächen. Wie oft habe ich dich in den Schlaf gequatscht, dir meine ganze verkorkste Seele ausgeschüttet? Und wie oft hast du das völlig ignoriert und bist dabei eingeschlafen. Ich habe für diese Momente gelebt. Wenn du tatsächlich eine Person warst. Dieses Gespräch dauerte fast fünf Stunden. Es war mit großem Abstand das beste, was du mir jemals gesagt hast oder geschrieben. Bedauerlicherweise war es auch das letztemal, daß wir überhaupt Gedanken ausgetauscht haben.

Endlich, nach all diesen endlosen Wochen, einmal so etwas wie ein Sieg für mich. Eine Brechstange in der Tresortür zu deinem Innersten. Ein Blick auf diese brandige Quelle des Schmerzes in deiner Seele. Endlich einmal habe ich es geschafft, die Schale um dein verficktes Panzerherz aufzubrechen und du hast alles heraussströmen lassen, was sich an bitterem Gift in dir befindet.

Am nächsten Tag sagst du mir, mein Universum habe ja nur fünf Farben, mehr würde ich nicht zulassen. Es ist einer dieser Momente, die mich zutiefst verzweifeln lassen. Mein Universum hat Hunderte von Farben. Aber einige von ihnen sind eben scheiße. Das hindert mich nicht daran, ihre Existenz zuzugeben. Es ändert allerdings auch nichts an der Tatsache, daß ich sie scheiße finde. Doch das begreifst du nicht.

Eine Kontrollfreak-Person wie du, gefangen in einer Art Stockholm-Syndrom zu ihrem Sklavenhalter, wirft mir vor, mein Universum sei nicht bunt genug?
In deinem Universum haben Farben eine Seriennummer auf die Stirn tätowiert und müssen sich ausweisen, bevor du sie reinläßt.
Mein Universum hat Hunderte von Farben. Aber du kannst einen Großteil von ihnen einfach nicht erkennen. Ich senke meinen Kopf, als mir das klar wird. Ich bin die ganze Zeit einer Illusion nachgelaufen. Du warst gar nicht die Person, die ich liebe. Es ist das, was du sein könntest, das ich liebe. Aber nichts davon willst du sein. Niemals. Du kannst es gar nicht.

Ich soll manche Dinge hinnehmen, auch wenn sie mir nicht gefallen, sagst du. Aber warum sollte ich das tun in Bezug auf dich?
Zwei Wochen vorher gebe ich dir die Aufgabe, mir einen Grund zu nennen, warum ich dir nicht einfach die Brocken für die Füße werfen sollte und aus deinem Leben verschwinden. So plötzlich, wie wir auch übereinander gestolpert sind. Du kannst es nicht. Du bringst eine Handvoll Sätze, die schön klingen, die Aufrichtigkeit simulieren. Die möglicherweise auch wirklich so gemeint sind. Und die am Kern der Sache vorbeigehen. Ich falle wieder darauf herein und übernehme das Reden. Bis gestern.

Menschen nehmen Dinge hin, weil sie mit einer Zielsetzung verbunden sind. Man schließt einen Kompromiß, weil man etwas erreichen will. Weil man davon überzeugt ist, etwas erreichen zu können. Das war ich bei dir auch. Immer wieder, entgegen aller Hoffnung und Anzeichen. Ich kann nichts erreichen bei dir, denn da gibt es nichts. Nur Leere. Diese wunderbaren Augen.
Diese Augen, die du neuerdings noch mit Kontaktlinsen maskierst. Deine Ausstrahlung der zerbrechlichen kleinen Lolita wird dadurch ins geradezu Surreale gesteigert. Wie die widerwärtige Süße von tausend Feigen siehst du mich an aus diesen Fenstern, die ja in die Seele führen sollen, wie man sagt.
Aber da ist gar keine Seele. Hinter diesem hochintelligenten Gehirn, daß dir den Anschein einer Persönlichkeit verleihen kann, ist nichts weiter als düstere, graue Leere. Geistige Gestaltlosigkeit. Ein Nebel aus Furcht und Trauma.

Du fürchtest dich vor Männern in Anzügen. Gleichzeitig macht dich diese Einschüchterung geil. Du erzählst mir, daß der Typ, den du selber als bedingungslosen Sadisten bezeichnest, dir rein zufällig eine Karte für den Zug gekauft hat, in dessen Erster Klasse du jetzt sitzt, nach einer sehr schlaflosen und mit mir durchgequatschten Nacht?
Natürlich sitzen da lauter Geschäftstypen. Im Anzug. Zufällig.
Dieser lächerliche Ausbund an Armseligkeit, der seine „Freundin“ nicht einmal aus dem Haus gehen läßt, um einen Kaffee zu trinken, der Kontrollfreak, der dich an seinen Fäden lenkt, hat diesen Aspekt nicht bedacht? Nachdem ihr euch ein paar Tage nicht gesehen habt?
In deinem Universum kannst du das gerne glauben. In meinem klingt das extrem unwahrscheinlich.

Du sagst mir, ich solle das mal mit ein bißchen Humor nehmen. Dummerweise kann ich in meinem Universum nichts Humorvolles daran erkennen, wenn jemand wie du meint, abgefuckter Mißbrauch sei völlig in Ordnung und normal, solange er nur gegenseitig stattfindet.

Mir wird schlagartig klar, warum du deinen ersten Ex so lange Zeit nicht verlassen hast. Das ganze Ausmaß meiner eigenen Blödheit offenbart sich in der Erkenntnis, wie tief verwüstet du tatsächlich bist.
Du sagst es geht dir besser mit ihm. Das ist gelogen. Du redest dir ein, daß es so ist, denn damit rechtfertigst du alles.
Ich sehe, wie du zunehmend instabiler wirst in letzter Zeit. Während ihr euch gegenseitig emotional austrocknet, wird mir immer schmerzhafter klar, daß du niemals verstanden hast, was ich für dich fühle. Du kannst es gar nicht. In deiner wattegedämpften Welt existieren Gefühle gar nicht in der Art, wie ich sie für dich empfinde. Immer wieder hast du schöne Dinge gesagt. Aber nichts davon war real. Du hast getan, was du tun mußtet, um mich bei dir zu behalten. Mich zu binden. Meine Nützlichkeit für dich weiter zu erhalten. Die Erkenntnis ist nicht frisch. Ihre Bestätigung tut trotzdem weh. Ich habe mich so sehr selbst belogen. Oder zu Tode gehofft.

Normalerweise wollen Menschen immer jemand werden. Jemand sein. Alle befinden sich irgendwo auf einer Reise. Du nicht. Du stehst auf einem verlassenen Bahnhof. Das Gras zwischen den Bohlen und der Rost auf den Gleisen sprechen Bände. Hier fährt kein Zug mehr, nie wieder. Du willst für immer in deiner kontrollierten Blase aus Scheinrealitiät verharren, dich nie bewegen müssen. „Eigentlich finde ich Veränderung nicht verkehrt“, sagst du zu mir.
Doch du willst Veränderung immer kontrollieren. Und auf keinen Fall darf diese Veränderung von dir ausgehen. Sie muß genehmigt werden. Dein Sklavenherr mag das Nasenpiercing nicht, das dir immer so gefiel. Du trägst es seit Monaten nicht mehr.
Du hattest alle paar Wochen eine andere Haarfarbe. Er mag die bunten Haare nicht. Du trägst sie nicht mehr.
Du schneidest dich auch nicht mehr, sagst du. Aber nicht, weil es dir besser geht. Schneiden steht jetzt unter Strafe.
Du willst ihm gegenüber ein Objekt sein, aber sprichst von Respekt und Niveau. Und mir gegenüber willst du kein Objekt sein. Als hätte ich dich jemals so gesehen und als müßte das überhaupt erwähnt werden. Ich will vor allem, daß du Du bist. Oder zumindest werden kannst.
Jedes Mal zuckst du die Schultern und behauptest, das wäre ja auch alles deine Eintscheidung. Dabei höre ich dir am Telefon an, daß du dir nicht einmal selber glaubst. Alles muß kontrolliert sein. Ohne Kontrolle existiert in deinem kranken Hirn nichts.

Doch du weißt nicht einmal, ob dein Zug auf dem richtigen Gleis fährt. Du willst nicht nur niemand werden. Du willst mit deiner Leere auch noch glücklich sein. Dazu müßtest du allerdings Gefühle haben. Gleichzeitig willst du ein Gegenstand sein und Gegenstände haben keine Gefühle. Nichts an dir und in dir paßt zusammen.
Ich weiß nicht genau, was ich dir in diesem Moment wünsche. Glück hat bei dir keinen Sinn. Du wirst echtes Glück niemals empfinden können. Das ist schon für normale Menschen selten genug. Erfolg wiederum benötigt ein Ziel. Aber Nicht-Sein ist kein Ziel.

Ich habe nie dich geliebt. Ich habe immer nur das geliebt, was du werden könntest. Dein Potential. Die Vielleicht-Person. Aber du willst ein Ding sein. Ich habe eine Aufziehpuppe geliebt. Eine denkunwillige Sexsklavin, die ihre eigene Selbstbestimmung jemand anderem in die Hand drückt und glaubt, das wäre Freiheit. Oder würde sie stabilisieren.
Diese grauenhafte Ewigkeit aus statischem Rauschen in deinem Innern erschüttert mich. Sie erschreckt mich. Sie widert mich an. Sie erzeugt endlose Traurigkeit in mir. Nichts von meinem Gefühl dringt zu dir durch. Denn dich gibt es gar nicht.

Narr, der ich bin, habe ich ins Vakuum geschrien. Die ganze Zeit. Narr, der ich bin, schreie ich weiter.

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