Janus

„Und fast hätten wir uns demaskiert und gesehen, wir sind die gleichen. Und dann hätten wir uns fast gesagt, wieviel wir uns bedeuten.“ *

Ich habe dir gesagt, was du mir bedeutest. Immer. Die ganze Zeit. „Die Wahrheit sei stets mein Ziel“, hatte ich zu dir gesagt. Und so habe ich mich verhalten. Zumindest habe ich es immer versucht.
Wir sind die gleichen. Wir waren es vom ersten Moment an. Es ist grausame Ironie, daß ich diese Frau, deren Existenz ich immer erhoffte, in Gestalt eines Frauenmädchens gefunden habe, das meine Tochter sein könnte. Der mir am nächsten verwandte Geist steckt unter deinem Wuschelkopf, den du alle paar Wochen anders färbst, weil du glaubst, dann jemand anders zu sein.

Und weil wir die gleichen waren, waren wir füreinander Spiegel und weder Du noch ich sind damit zurechtgekommen. Du wirfst mir Projektion vor und hast damit recht. Wie ich diese Schwärze und Dunkelheit in mir hasse, die du aufgewühlt hast. Als hättest du eine alte Flasche Wein geschüttelt.
Doch stehst du dabei auch vor der Projektion deiner Zerissenheit auf mich. All diese Dinge, die du dir zutiefst herbeisehnst und die du als „normal“ so verachtest, dich nicht berühren lassen willst. Wir reflektieren uns selbst in unserer Sehnsucht nach Gier und Leidenschaft und Schmerz und alles versengender Liebe und quälender Zärtlichkeit und lecken uns gegenseitig das Blut von den Lippen. Und in tiefer Angst vor dem, was du in mir siehst und was aber Du bist, zuckst du vor mir zurück, der hinter dem Spiegel steht, die Arme verzweifelt nach dir ausgestreckt, und das nicht versteht.

Fast hättest du mir gesagt, was ich dir bedeute. Fast hättest du dich darauf eingelassen, mich zu lieben. Aber dann hast du dich vor Angst in die Arme eines Mannes geflüchtet, der diese Angst mit Schmerz kompensieren konnte und so eine Illusion von Liebe erschaffen hat durch Erleichterung. Denn das Spielen verschafft dir genau das.
Wie eine Droge dämpft es das Problem. Wie eine Droge wirst du die Dosis erhöhen müssen mit der Zeit und die Wirkung wird nachlassen. Und am Ende wird deine Seele trotzdem nackt und bloß in einer dunklen Ecke in dir hocken und nichts wird verhindern können, daß du dein eigenes inneres Schreien hörst. Dein Geist wird zerbrechen, wenn du auf diesem Pfad weitergehst.

Fast hätte ich dir noch einmal sagen wollen, was du mir bedeutest. Es dir noch einmal in dein verdammtes Gesicht brüllen, welchen unglaublichen Schmerz du mir zugefügt hast, immer und immer wieder über mehr als ein halbes Jahr hinweg. Fast hätte ich dich gefragt, ob du eine Erklärung dafür hast, warum ich das alles ausgehalten habe. Ob die Antwort es nicht wert wäre, mir in deiner Scheißrealität einen anderen Platz einzuräumen als den unter deinen Füßen.

Aber dann war es am Ende zu spät und zu nutzlos, weil du mir nur deine Gleichgültigkeit und deine Geringschätzung entgegengeworfen hast. Weil du mich zurückgestoßen hast, wieder einmal, mit deiner Hand in meiner Brust vergraben. Und als ich entsetzt zurücktaumele, reißt du mir das Herz heraus, um es mit deinen Worten vor meinen Augen zu zerfetzen.

Ich will wütend sein, aber da ist nichts. Ich bin nur betäubt. Meine Seele schwebt zwischen den Sternen, weit weg von der Erde und es ist so dunkel dort draußen und so kalt. So entsetzlich markerschütternd still.

Für einen Moment hast du mir mein ganzes Leben bedeutet, meine fast-Tochter. Es ist so namenlos, dich zu verlieren.

*der einleitende Satz beruht auf edem Stück „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“ von Julia Engelmann

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