Seele, Schmerz auf Leinwand, 2016

„Er hat recht, wenn er dich als schizophren bezeichnet. Das Bild hättest Du nicht beschissener aussuchen können.“
Er – das ist Herr R., mit dem du dich parallel noch unterhältst.
Irgend etwas muß ich wohl getroffen haben in dir mit diesem Post. Deine Reaktion ist echt. Nicht abgewogen. Keine Fassade. Sie ist direkt. Sie ist wütend. Sie ist wahr. Ich weiß nicht, was ich da in dir berührt habe. Aber vielleicht bin ich als Schizophrener ja besonders gut in der Lage, dich in deinem Borderline-Irrsinn zu verstehen? Wie du so oft zu mir sagtest: „Kopf und so.“

Das ist es, was du mit mir gemacht hast. Du hast mich in eine Position gebracht, die mich zwingt, mich selbst aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und nicht alles, was ich da sehe, gefällt mir. Aber es ist alles ich. Und ich weiß das. All das gehört zu mir, ob es die knietiefen Scherben sind oder diese knöchelhohe Mischung aus Blut und Schlamm.

Du bist so zerfetzt, daß deine Reste sich über deine ganze Seele verteilt haben. Du sagst, daß ich angewidert bin von dem, was ich gerne mit dir tun würde. Das das aber alles in mir drinsteckt. Das ich projiziere.

Du hast recht damit. Ich zucke in dem Moment vor deinen Worten zurück, in dem du sie aussprichst. Als hättest du mich geschlagen. Wieder einmal. Ich bin stinksauer. Beleidigt. Aber du hast recht damit. Ein paar Tage später werde ich mir das eingestehen. Ich projiziere tatsächlich. Ich habe diese dunkle Seite schon immer gefürchtet, die in mir steckt. Ich habe sie gehaßt. Ich habe sie bekämpft. Ich habe es deshalb getan, weil ich genau weiß, zu was sie fähig wäre, würde ich sie nicht bremsen. Nicht abblocken. Ich bin psychologisch kein Borderliner so wie du. Aber ich bin trotzdem jahrelang auf des Messers Schneide entlang gelaufen.
Du hast die Dunkelheit in mir wieder geweckt. Lautstark verlangt sie ihr Recht. Bewirft mich mit Bildern, in denen du eine Hauptrolle spielst.

„Was spielt denn in deinem Köpfchen?“, fragst du mich. Ich kann deine Stimme dazu hören, während ich den Satz lese. Die Stimme dieser kleinen, herzlosen Dreckschlampe, zu der du gerade wieder mutiert bist in dem Moment. Die Seite, die es genießt, mich zu reizen und zu quälen.

Ich antworte dir darauf nicht. Der Inhalt meines Kopfes und meines Herzens bleibt versiegelt für dich. Du hast zu diesen Gedanken keinen Zutritt mehr. Denn ich müßte dir vertrauen, sie nicht gegen mich zu verwenden und du hast den letzten Rest dieses Vertrauens soeben verspielt. Ich sage dir das. Du wirfst mir daraufhin das mit der Projektion vor. Aber es war schon lange vorher unerträglich mit dir.

Was ist mit dir? Was ist mit deiner angeblichen Angst vor mir?
Dieselbe Frau, die mich erst vor kurzer Zeit in ihre neue Wohnung eingeladen hat, hat jetzt Angst vor mir. Du weißt nicht, was du tun sollst, und willst nur noch weg. So sind deine Worte. Nur vor ebenfalls wenigen Tagen hast du mir gesagt, du brauchst mich, um mir Dinge anzuvertrauen, die nicht einmal dein neuer Herr von dir wissen darf. Wieder einmal paßt nichts von dem, was du tust oder sagst, zu dem, was erst kurz vorher passiert ist.

Dieselbe Frau, die mich in ihre Wohnung eingeladen hat, reagiert äußert angepißt, als ich das ablehne. Denn was soll ich da? Ich fahre doch nicht neun Stunden Zug, um deine blöden 40 qm zu bewunder, zu sagen „Wie schön“ und dann auf dem Sofa zu übernachten, während du mich mit deiner Nähe in den Wahnsinn treibst.
Ohne Aussicht auf dich, auf mehr, eine Option auf Sex, um das klar zu sagen, bleibe ich schön, wo ich bin. Wie ich es schon immer hätte tun sollen.
Was hast du geglaubt, daß ich bin? Ein esoterischer Höhlenheiliger? Ein Mönch? Monatelang hast du mir dich vorgehalten, hast du mir Sex vorgehalten, waren wir uns diesbezüglich einig. Monatelang hast du mich nicht besucht und redest dich jetzt damit raus, nicht untreu sein zu wollen.

Ist es denkbar, daß deine angebliche Angst auf dem beruht, was ich schon immer gerne mit dir anstellen wollte? Deshalb stößt dich der Gedanke an Zärtlichkeit, an Streicheleinheiten und das, was du verächtlich „Kuschelsex“ nennst, so zurück. Weil der eine Teil von dir genau das will, ohne vorher ein Unterwerfungsritual hinter sich zu bringen, ohne sich eine Belohnung zu „verdienen“.
Mir wirfst du Selbsthaß vor, aber du willst – du mußt – dich immer erst demütigen oder stechen oder benutzen lassen, weil du dir Zärtlichkeit und Zuwendung erst verdienen mußt in deiner selbstdefinierten Unwürdigkeit?
Ein Gedanke, über den deine andere Hälfte herzlich lachen würde. Ich bin hier nicht der einzige, der sich womöglich vor Dingen fürchtet, die in ihm schlummern.
Aber ich bin der einzige, der weiß, was da in ihm schlummert und der das anerkennt.

Denn das ist es, was du schon zu mir gesagt hast. Was ich aus dir rausgekitzelt habe, wie du es vor ein paar Tagen wieder erst zu mir sagtest. Ich habe dich tatsächlich dazu gebracht, mir etwas über dich zu erzählen. Ohne Filter. Ohne Aussieben. Direkt. Pur. Mit meiner beharrlichen Quälstimme und meiner Schreiberei hatte ich dich dazu gebracht, mir Dinge zu gestehen, die du jetzt wieder weit weg schiebst von dir.

Jetzt erzählst du mir, wie du ja sehr wohl gerne kuschelst, nur eben nicht mit mir. Sondern mit deinem Herrn. Dem Mann, der eine Punkteliste über dich führt, die dann wieder abgearbeitet werden muß. Wie Säure tropfen diese Worte auf meine Seele und ich denke daran, wie du erst vor ein paar Tagen gesagt hast, das sei alles ja keine Absicht von dir. Dieses ewige sexuelle Provozieren. Dieses Zurückstoßen. „Ich will doch nur spielen.“
Doch. Ist es. Es ist deine volle Absicht. Du genießt es geradezu, mir das immer wieder anzutun. Du bist es, die mich hier verarscht. Und ich habe nicht länger Lust, dein emotionales Spielzeug zu sein, damit du eine Quelle positiver Gefühle hast. Ich bin kein Nahrungsvorrat für den Notfall.

Aber das war es nicht, was du mir gestanden hast. Du hast von normaler Zärtlichkeit gesprochen. Nicht als Belohnung. Als Verdienst. Sondern eben einfach so. „Normal“ halt. Das, was ich dir die ganze Zeit geben wollte, hast du mir als einen deiner innersten Wünsche enthüllt. Der nach außen so harte Teil von dir sehnt sich nach Zärtlichkeit. Nach Gemeinschaft. Der nach außen so niedliche Teil, der verletzliche Teil, der zerbrechliche Teil, der Nazi-Arschlöcher im Zug dazu bringt, in dir ein gefügiges Opfer zu sehen, läßt sich Nadeln in den Körper rammen, um Punkte abzuarbeiten. Du bist eine einzige Ansammlung aus Splittern in deinem Innern.

Gut, es ist der Teil von dir, von dem du behauptet hast, er würde jetzt nicht mehr existieren. Aber ich weiß es besser. Denn ich kenne den Vorgang aus eigener Erfahrung. Was du für tot erklärt hast, ist immer noch da. Und es wird eines Tages wieder auftauchen. Das wird kein schöner Tag werden für dich. Für euch.

In Wahrheit hast du Angst vor dir selbst. Davor, daß wir so brennen könnten füreinander, daß es nie wieder aufhört, sollten wir uns noch einmal sehen. Noch einmal berühren können. Das denke ich mir nicht aus. Es ist nicht die absurde Wunschvorstellung eines zutiefst enttäuschten Mannes. Du hast es gesagt. Du hast es geschrieben. Womöglich war es gelogen, aber das macht es dann nicht besser für mich. Du sagst, du kannst mich nicht einschätzen, deshalb hättest du Angst. Aber das ist Schwachsinn. Du kannst dich selbst nicht einschätzen. Du bist mit deiner Art Wahnsinn einfach nicht so vertraut wie ich mit meiner.

Wenn man in den Abgrund starrt, starrt der Abgrund auch in dich. Soweit dann zu zitierten Psychoanalytikern.
Ich habe dir immer gesagt, daß das Werden ein sehr schmerzhafter Prozeß ist. Ich habe dir nicht gesagt, daß du ihn nicht verhindern kannst. Entweder steuerst du ihn, oder er wird dich eines Tages töten. Ist es möglich, daß ich auf dir als Leinwand genauso gemalt habe wie Du auf mir?
Ich denke, es ist so gewesen. Aber du warst nicht bereit, das Bild anzuerkennen, das du gesehen hast. Ich hoffe für dich, daß du es eines Tages tun kannst. Ich hoffe es wirklich sehr.

Weil ich dich liebe. Das lächerliche Aufziehpüppchen, das glaubt, freiwillige Sklaverei sei Freiheit. Dich blindes, unerfahrenes Kind, das nicht erkennt, daß du selbst in deinen Erfahrungen gefangen bist wie ein elendes Tier in der Falle. Du kauerst in einer Ecke deines Geistes im Dreck und willst dich nicht dort rausziehen lassen.
Aber ich liebe dich trotzdem. Ich werde es weiterhin tun. Es ist irrational. Es ist sinnlos. Doch ich kann es nicht ändern. So sehr ich mein Schicksal auch verfluche, ich muß es akzeptieren. Ich liebe dich. Ich liebte dich. Ich werde dich immer lieben.

Denn die allerschönste Seele, die ich jemals gefunden habe auf dieser Welt, ist die deine. Du bist es und wirst es für den Rest meines Lebens sein: Mein Wunder.
Ich werde dich jede Sekunde aufs Neue vermissen.

 

Das Beitragsbild ist von Mario Sanchéz Nevado, einem spanischen freiberuflichen Grafiker. Die Seite des Künstlers im Netz findet man hier. Auf Facebook kann man Mario hier finden und ihn kontaktieren. Er entwirft unter vielen anderen Dingen auch Cover für Bücher.

Das Bild, das die beschriebene Reaktion hervorgerufen hat, stammt aus dem Dark Beauty Magazine und läßt sich hier finden.

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