Herbst im Kopf

Ein sonniger Morgen. Schon gestern hatte das Wetter etwas von Herbst. Richtigem Herbst. Den Altweibersommer-Herbst, den ich bestellt hatte schon vor Wochen. Die Luft ist nicht mehr so brennend heiß, es war ein angenehmer Tag gestern. Aber heute ist es offiziell. Die Glocken der Stadtkirche erfüllen ihre sonntägliche Pflicht und glocken mich aus dem Schlaf, mehr oder weniger jedenfalls. Der Wind steht günstig, deswegen dringt mir das Geräusch, mit dem Christen ihren Gott becircen wollen, so deutlich ins Ohr. Sonnenlicht ergießt sich über die braun verfärbten Maisfelder. Bald werden die industriellen Maschinenbändiger auch über diese hinwegrollen und innerhalb von Minuten Pflanzen in Input für die Agrarindustrie verwandeln. Mir ist noch kein Name eingefallen, der hier zutreffend wäre. „Ernte“ kann man das jedenfalls nicht nennen. Was aber den eindeutigen Herbst markiert, ist dieses andere Geräusch, daß der Wind zu mir trägt. Dieses Knallen wie von einem entfernten Feuerwerk bei irgendeinem Volksfest in der Stadt. Starenschrecke. Automatische Selbstschußanlagen, die die aufdringlichen Vögel aus dem Weinberg verscheuchen sollen, bevor diese die reifen Trauben fressen. Und natürlich schon seit geraumer Zeit dieses andere Geräusch. Das Schraddeln der dieselgetriebenen Trecker, im Schlepp die Anhänger mit den Ergebnissen der Weinlese.

Schon gestern habe ich die Wärme des sterbenden Sommers genossen beim Radfahren. Ich denke, das werde ich auch heute wieder tun. Tun müssen. Ich kann nicht mehr die ganze Zeit in der Wohnung verbringen.
Denn obwohl du nie da warst, sehe ich überall dich. Ich habe an dich gedacht, gestern, beim Wechseln der Bettwäsche. Wie sehr du den Geruch frischer Bettwäsche magst. Du hast es mehr als einmal erwähnt. Was du aber nicht magst, ist der Geruch von Bettwäsche, die ihren Zweck erfüllt hat. Von benutzter Bettwäsche. Dieser Geruch nach zwei Menschen, die sich in und unter und über die Kissen gewälzt haben. Dieser tiefe, durchdringende und trotzdem hintergründige Nebel aus Pheromonen. Die atemberaubende Mischung aus Geilheit zweier verschlungener Körper und ihre Spuren in der Luft. Oder auch schlicht diese Mischung aus dem Schlafgeruch zweier Menschen, die aneindergekuschelt die Nacht verbracht haben.

Ich kann mich immer gut riechen in meinen T-Shirts, die ich nachts trage. Sie riechen nach mir. So wie deine Sachen nach dir riechen würden. Aber du schläfst ja jetzt nackt. Immer. Weil er es dir so befohlen hat. Du schneidest dich nicht mehr. Weil er dir Strafe angedroht hat. Du färbst deine Haare nicht mehr. Weil er es dir verboten hat. Du sagst, es ginge dir viel besser. Du wärst stabiler.
Aber du hast nicht deine Gewohnheiten verändert, was ein gutes Zeichen wäre. Du hast sie dir wegverbieten lassen. Du drehst Sicherheitsventile zu und behauptest, dir ginge es besser. Dabei ist es schlicht die Angst vor Bestrafung, die deine Handlungsweise hier vrändert.

So wie du den Geruch frischer Bettwäsche zwar magst, aber das nicht der Grund ist, warum du ständig neue aufziehst. Der Geruch von so  etwas Unkontrollierbarem wie echte Leidenschaft ist es, den du nicht erträgst. Du magst den Gedanken nicht, daß in dieser Bettwäsche schon jemand geschwitzt hat, was ein völlig natürlicher Vorgang ist. Du ersetzt etwas für dich Chaotisches durch neue, gereinigte Ordnung in so einem Moment. Streichst alle Falten weg. Legst alle Decken akkurat auf Kante. Ein Bett wie meins, das manchmal geradezu bewohnt aussieht, wäre für dich unerträglich.

Immer wieder muß ich daran denken, während ich mich durch meine Wohnung wische und putze in den letzten Tagen. Auch ich ersetze symbolisch Chaos durch neue Ordnung. Unterwerfe Dinge meiner Kontrolle. Bringe neue Übersicht in meine Umgebung. Nur in meinem Kopf herrscht weiterhin einiges Durcheinander.

Ich vermisse dich wahnsinnig. Ich bin froh, daß du weg bist aus meinem Leben. Ich will dich eigentlich hassen. Aber ich kann nicht. Denn das bist du gar nicht wert. Ich denke unmittelbar den Gedanken, daß ich dir das nie sagen darf, denn du hältst dich ja bereits für wertlos. Und das stimmt auch. In deinem aktuellen Zustand bist du es tatsächlich. Du willst keine Person sein, sondern ein Ding. Dann fällt mir wieder ein, daß ich dir das ja nie sagen werde, denn es ist Herbst. Keine Zeit für Neuanfänge.

Langsam kreiselnd fallen Gedankenblätter durch meinen Kopf, bedecken allmählich deine Fußspuren auf dem Boden meiner Seele, während ich selber auch durch den Tag kreisle. In den windstillen Ecken meines Geistes sammeln sie sich zu bunten Haufen in Gelb, in Orange, in Rostrot, in Zinnober, in der Farbe älterer, runzlig werdender Äpfel, in Ocker, in Karamell. Der Herbst hat so wahnsinnig viele Farben. Aber alle diese Haufen rascheln leise noch immer deinen Namen, wenn der Wind sie zusammenweht. Ein Element des Chaos, das sich zur Schönheit zusammenfindet.

Schönheit, die du nicht zu schätzen weißt und die du doch liebst. Das weiß ich genau. Du weißt es ebenfalls, aber du gibst es nicht zu. Jeden Tag bekämpfst du verzweifelt das, was du sein könntest und willst doch nichts sehnsüchtiger, als eine Niederlage zu erleiden. Damit du endlich Jemand werden kannst, statt als versklavtes Etwas zu vegetieren. Ein Gegenstand aus einer Fabrik. Deiner Gedankenfabrik.

Bald wirst du Geburtstag feiern. Ich hatte so oft überlegt, ob ich dir nicht etwas schenken soll, trotz allem. Das elende Parfum, daß ich für dich gekauft hatte, schon im Dezember. Vom dem ich dir mal gesagt hatte, ich hätte es umgetauscht, weil du mich ja nie besuchen wirst. Du hast nicht reagiert auf diese Bemerkung.
Ich habe gelogen. Dein Lieblingsduft steht immer noch bei mir herum. Ich habe es nicht über mich gebracht, das kleine verdammte Päckchen wegzugeben, das mich immer angrinst, wenn ich vorbeigehe.

Ich werde es dir nicht zum Geburtstag schicken. Denn du wirst in deiner Wohnung sein. Mit deinem Sklavenherrn. Dem du vor einem Vierteljahr noch nicht deinen Schlüssel gegeben hattest. Wieder ein Stück von dir, das nicht mehr dir gehört, das du bereitwillig abgibst. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß du dich über das Geschenk womöglich freust, während er dabei ist. Das du nach diesem Parfum duftest, während dieses sadistische Arschloch dich mißbraucht, um seine eigene Armseligkeit zu zelebrieren. Um seinen Sieg zu feiern über mich und über dich, während du glaubst, ihn dafür lieben zu müssen, weil er dich  hinterher in den Arm nimmt.

Ich biege um die Kurve, konzentriere mich wieder auf die Fahrt, den letzten Anstieg zur Klinik hinauf, dann Schußfahrt. Feldweg. Nach Hause. Zieleinlauf. Pünktlich genug, um in aller Ruhe einen Tee aufzusetzen und dann darauf zu warten, daß du dich meldest. Vom Busbahnhof in Berlin. Weil dein verdammter Viehtransporter wieder zu spät kommt, der dich dann nach Hause bringen wird.
Dann werde ich dich virtuell begleiten, über die Fahrt, bis in deine Wohnung. In der du dann allein sein wirst, abgesehen von mir in deinem Telefon.

Aber das stimmt gar nicht. Das ist jetzt alles „früher“. Alles ist jetzt Konjunktiv. All diese Dinge habe ich für dich getan und ich täte sie immer noch. Wärst du doch einmal wirklich bei mir gewesen. Hättest mich nur einmal fühlen können, wie ich dich gefühlt habe.

Die Herbstblätter in meinem Kopf rascheln mir zu, daß all diese Dinge nicht mehr zu mir gehören. Nicht mehr mein Problem sind. Es nie waren. Das ich dich aus meinem Leben fegen soll wie die Krümel vom Wohnzimmerboden. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich das will, obwohl ich weiß, daß ich es muß. Ich stelle das Parfum wieder an seinen Platz. Noch immer eingeschweißt in seiner Hülle und eingestaubt. Wie du. Ein in der Zeit gefesselter Gegenstand.

Vielleicht werde ich morgen doch noch die verdammten Fenster putzen.

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2 Gedanken zu “Herbst im Kopf

  1. Nicht nur dieser Beitrag – alle- sind schön, traurig, direkt und ehrlich. Ich verstehe dich sehr gut, kann dem nachfühlen, nachspüren und es fügen sich eigene Erfahrungen hinzu, vermischen sich beim Lesen in meinem Kopf. Diese große, bedingungslose, unvollendete, verschmähte Liebe, die Unerreichbarkeit des Unverzichtbaren… Du bist auf dem Weg, kannst aber noch nicht loslassen.
    Lass sie gehen, vielleicht auch ihrem Schicksal erliegen. Du kannst nichts tun, bist immer wieder Anker und Mittel zum Zweck. Tu dir das nicht weiter an. Du kannst hier nicht heilen, egal wie sehr du versuchst da zu sein. Wenn es dir hilft, das alles von der Seele zu schreiben, mach es. Aber es wird nichts ändern. Du stützt sie und verzögerst den harten Aufprall. Damit hilfst du ihr nicht, auch wenn du hoffst. Ich wünsche dir, dass du es schaffst loszulassen. Auch wenn da sonst nicht so viel ist. Das Leben tätowiert seltsame Geschichten in die Seele. Aber es gibt eine Sonne, in dir selbst, die diese mit der Zeit bleichen kann. Wenn du loslässt.
    Vielleicht ein blöder Kommentar von mir, der dir auch nicht weiterhilft, die Ratio weiß das ja. Und trotzdem…
    Was und wie du schreibst finde ich sehr mutig. Nicht verzweifeln.

    Gefällt 1 Person

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