Happy Birthday

Wie sehr ich an dich denke. Wie ich mir seit Tagen geschworen habe, es nicht zu tun oder zumindest weniger. Und wie ich trotzdem heute kaum eine Minute nicht an dich gedacht habe. Seitdem ich an diesem grauen, lichtlosen Tag aufgewacht bin, weil ich von dir träumte.

Ich kann noch so sehr die Wohnung aufräumen, die Fenster putzen oder einkaufen. Überall begleitest du mich. Dieses Mädchen da vorn hat gebleichtes Haar, so wie du.
Diese da hat diese wunderschöne, porzellanartige Haut, so wie du. Bei dieser da wird mein Auge sofort angezogen von den Narben an ihrem Unterarm, als ihr Ärmel hochrutscht beim Bezahlen an der Kasse. Sie schaut sich um, etwas Gehetztes liegt in ihrem Blick. So wie bei Jagdwild. Für eine Sekunde treffen sich unsere Augen. Aber es sind nicht deine.

Wie sich dieser Tag dehnt. Wie er sich dahinschleppt, mit jeder Sekunde immer müder und älter, dunkler und grauer. Schon die letzten Tage waren furchtbar ohne dich. Was seltsam ist, denn du warst ja ohnehin nie bei mir. Du hast nichts mehr gesagt in der letzten Zeit. Keine Anrufe mehr. Kein „Guten Morgen“ oder „Schlaf gut“.
Nichts mehr von alldem. Wie sehr du versucht hast, mich glauben zu lassen, ich wäre von irgendeiner Wichtigkeit für dich. In Wahrheit bin ich nicht einmal das sprichwörtliche fünfte Rad.

Im Dezember noch glaubte ich fest daran, dich zu Silvester wieder in den Armen zu halten. Im Januar glaubte ich noch an den Februar, nach den Klausuren. Noch im März glaubte ich an „in ein paar Wochen“. Zu meinem Geburtstag vielleicht. Aber auch der kam und ging. Ohne dich. Und zu diesem Zeitpunkt warst du geistig schon längst in seinen Sog geraten. Heute ist dein Geburtstag.
Noch im Dezember hatte ich mir ausgemalt, wie ich ihn mit dir verbringe. Wie ich wieder diese endlose Zugfahrt antrete, um bei dir zu sein. Nachdem du bei mir gewesen bist. Aber das warst du nie.

Ihr habt einen schönen Tag verbracht, nehme ich an. Er wird dir etwas geschenkt haben. Vermutlich etwas, daß nicht ganz billig ist. Weit mehr als das, was ich mir hätte leisten können. Ich hätte an Kerzen gedacht. An Kuchen im Bett, morgens. Nachdem ich dich geküßt hätte, natürlich. Und dir gesagt, wie unglaublich ich dich liebe. Und dich damit geärgert, wie alt du jetzt bist.

Aber das ist alles nur Vorstellung in meinem Kopf. Nichts davon ist wahr geworden oder wird es jemals. All das wird er vermutlich getan haben. Damit ist das Bild besudelt. Für immer in etwas Quälendes verwandelt.
„Wollen sie die Seite wirklich verlassen?“, fragt mein verdammter Browser. Zum hundersten Mal heute. Ich wollte dir einen Glückwunsch schreiben, ein paar Bilder dazulegen. Wenigstens das. Dir zeigen, was ich für dich fühle. Wie so oft. Aber ich schaffe es nicht.

Wie ein gestrandeter Wal liegen meine Gedanken an dich am Strand in meinem Kopf und sterben qualvoll vor sich hin. Immer wieder drängt sich dein Lachen und dein Gesicht in meinen Blick. Immer wieder möchte ich schreien vor Wut und Schmerz, daß du nicht mehr für mich lachst. Immer wieder flüstert mir diese andere Stimme ins Ohr, daß du höchstens über mich lachst. Zusammen mit ihm. Wie ihr es schon so lange getan habt. Wie dieser Mann dich heute als seine Trophäe feiern wird, bringt mich um.

Jede Sekunde nimmt das Gebirge aus Traurigkeit in mir an Masse zu. Je mehr ich mich ablenken will, desto weniger kann ich mich konzentrieren.
Ich schneide meine Balkonpflanzen runter, putze die Steinfliesen, bereite das Grün auf die Dunkelheit vor, die da kommen wird. Während sich die Erde näher zur Sonne bewegt und die Tage kürzer werden, entferne ich mich immer weiter von dir und du von mir.

Wie die Blätter, die der Herbstwind vorgestern so zahlreich von den Bäumen gefegt hat, haben wir uns getroffen. Zufällig. Ohne Sinn und Zweck.
Ich habe noch immer kein Wort gefunden, um die Größe deines Fehlens zu beschreiben. Immer wieder greife ich mir ins Gesicht und immer wieder erwarte ich, Tränen zu sehen oder Blut. Aber da ist nichts. All das ist nur in meinem Innern. Dieser zähe, alles betäubende Schmerz. Blutrotes Herbstlaub, das der Wind auseinandertreibt.

Ich bin so müde. So unendlich, unfaßbar müde. Ich starre kraftlos, gedankenlos auf den verdammten, blinkenden Cursor. Ich müßte nur noch einen Klick hinter mich bringen. Diesen Finger auf Enter schlagen lassen. Dann hätte ich wenigstens etwas gesagt. Ein Zeichen von mir gegeben.

Aber wozu noch?
Jedes Zeichen an dich ist verloren gegangen. Verblaßt wie die Leuchtfeuer früherer Zeiten im Nebel über der grauen, bleiernen See. Nichts, was ich tue, was ich sage, was ich dir geschrieben oder mit aller Wucht entgegengeschleudert habe, hat dich irgendwo berührt.
All meine Gefühle, meine Gedanken. All meine Liebe zu dir habe ich aus mir hervorgeholt und auf dich geschossen wie Ahab seine Harpunen auf den weißen Wal. Doch ohne Erfolg. Ohne Wirkung. Ohne Aussichten auf Beute.

Noch immer schleppen sich die Stunden, die Minuten und Sekunden dahin. Wie waidwunde tektonische Platten knirschen sie in meiner Seele übereinander, all diese zersplitterten Gefühle. Wieder schlage ich mir die Hände vor das Gesicht. Wieder laufe ich ziellos durch die Wohnung. Mehr und mehr wird mir bewußt, daß es ab jetzt immer so sein wird. Wenn ich weiterhin so tue, als hätte ich bei dir etwas verloren, werden diese Splitter in mir mich weiter in Stücke schneiden. Ich war nie irgend jemand Wichtiges für dich, denn du bist selbst Niemand. Während ich mir erhofft hatte, etwas aus dir zu machen, willst du nicht einmal sein.

Doch ohne dich ist in mir nur gestaltlose Stille zurückgeblieben. Meine Welt ist nicht länger dieselbe ohne dich. Aus irgendeinem Grunde hast du alle Freude aus mir mitgenommen. Ich hätte sie dir bereitwillig geschenkt, jederzeit. Wenn ich nur dich dafür bekommen hätte.
Nicht für ewig natürlich. Einige Monate. Ein paar Jahre vielleicht. Ein Stück gemeinsamen Wegs. Dir beizubringen, was echtes Gefühl ist, hätte mich so unendlich glücklich gemacht. Deine Schmerzen lindern. Deine Wunden ein wenig heilen. Mir sicher zu sein, dir etwas Wertvolles zu bedeuten. Das war mein Wunsch.

Doch ich habe versagt. Wie Ahabs Rache konnte auch mein Versuch, noch einmal wirklich zu lieben und dich damit anzustecken, nur mit Tod und Untergang enden. Mein inneres Auge richtet sich auf den langen, dunkeln Winter ohne Hoffnung, der vor mir liegt. Ab jetzt wird alles ohne echte Hoffnung sein in mir. Ich habe meinen letzten Anker verloren und treibe hilflos hinaus auf die See, die mich gleichgültig empfängt. All meine Träume, die ich noch haben konnte, bleiben an der Küste zurück. Ein armseliges Bündel zerlumpter Gedanken.

„Wollen Sie diese Seite wirklich verlassen?“ fragt mein Browser wieder.
Nein. Ich will es nicht. Aber zu bleiben ergibt ebenfalls keinen Sinn. Nie konntest du mir einen echten Grund nennen, warum ich hätte bleiben sollen. Dabei wäre es so einfach gewesen. So kurze Sätze, die genügt hätten. Doch du hast sie niemals gesagt. Nur in meinen Träumen höre ich die dich immer wieder sprechen.

Noch einmal, ein letztes Mal, wende ich mich ab von allem und gehe weiter. Doch ich sehe zu Boden, während ich mit schwerem Schritt einem langem Winter entgegengehe. Einem weiteren Silvester ohne dich. Einem weiteren Jahr endlos zerdehnter Einsamkeit.

Mein Blick sucht den Horizont nicht mehr.

Advertisements

2 Gedanken zu “Happy Birthday

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s