Dunkelheiten

Du hast in mir meine dunkle Seite geweckt. Erstmals seit sehr langer Zeit gebe ich mir gegenüber zu, daß ich von dem ganzen Blödsinn eigentlich nichts halte, den ich bisher in Sachen Beziehungen von mir gegeben habe. Das es nicht so sein sollte, daß einer dem anderen gehört.
Es ist deswegen Blödsinn, weil ich genau das will. Ich wollte es immer. Eine Partnerin muß nicht nur zu mir gehören. Sie muß auch mir gehören. Was ein erheblicher Unterschied ist.

Während ich mit ihr durch die dunklen Verliese deines Geistes gewandert bin und dich dazu gebracht habe, die eine oder andere Tür zu öffnen, hast du in mir schlafende Drachen aufgestört. Mit deiner Art. Mit dem, was Du bist. Mit deiner devoten Nummer, dieser gruseligen Unterwürfigkeit, hast du in mir das tiefe Verlangen erweckt, dich zu beschützen. Dein Alter spielt dabei sicherlich auch eine Rolle. Gleichzeitig spüre ich nagende, bohrende Gier in mir. Gier darauf, dich zu besitzen. Du hast die Gier in mir geweckt, die verlangt, daß du mir gehörst. Weil du immer mir gehört hast. Ich wollte, daß ich das Schwerezentrum in deinem Leben bin. Ausschließlich. Das ich in deinem Kopf sitze, wie es auch für eine Weile der Fall war. So wie du in meinem. Verschmelzung.

Du wirkst so harmlos. Unschuldig. Aber in Wahrheit verbirgt sich dahinter eine schwanzgeile kleine Drecksau. Diese Beschreibung kommt aus meinen dunklen, düsteren Tiefen. Sie ist kein Ausdruck fehlenden Respekts oder sonstigen Gefühls. Ganz im Gegenteil.
Aber mein anderes Selbst hätte so etwas nicht in Erwägung gezogen. Du bist nicht beleidigt, als ich dich so nenne. Ich kann sogar hören, wie es dir gefällt. Du freust dich darüber. Du freust dich vor allem darüber, daß du mich soweit gebracht hast. Die Genugtuung, die es dir verschafft, ist offensichtlich. Du hast genau das in mir wiedererweckt, was ich über zwei Jahrzehnte und mehr verdrängt hatte. Es fällt mir schwer, mir das einzugestehen, aber so ist es.

Erstaunlicherweise habe ich dir das sogar gesagt, von Anfang an. Ich habe mich nicht im geringsten verstellt, keine Filter benutzt. Ich war direkt und ehrlich, als ich sagte: „Ich will nicht bloß deinen Körper. Ich will dein Herz und deine Seele.“
So waren meine Worte. Mehr als einmal. Und ich habe es auch so gemeint. Jedes einzelne Wort. Doch ich meinte das nicht nur in einem romantischen oder metaphorischen Sinn. Ich dachte nur, daß ich es so meine. Denn eine andere Interpretation hätte nicht zu mir gepaßt.

Heute weiß ich mit absoluter Sicherheit, daß ich es auch noch anders gemeint habe. Das die zweite Ebene dieser Aussage mindestens genau soviel Gültigkeit hatte wie die andere, die romantische. Ich habe das wörtlich gemeint. Ich war schon immer jemand, der sich mit seinen Partnerinnen geistige Bälle zugeworfen hat. Das macht den Reiz einer Beziehung aus, wie ich finde. Dieses gegenseitige Ringen um Dominanz, das eben irgendwo immer dabei ist, in jeder Beziehung. Da können wir uns in der Gesellschaft etwas vormachen, solange wir wollen. Liebe, die diese Bezeichnung nur annähernd verdient, hat auch immer mit Dominanz zu tun. Machtspielchen. Liebe besteht aus Feuer und Schmerz. Liebe ist der metallische Geschmack von Blut auf meiner Zunge.
Was ich gelernt habe, ist die Tatsache, daß ich mich dabei immer zurückgehalten habe. Es ist nicht nur das Ringen um Dominanz, der anregende, geistig angenehme und körperlich geil machende Mind Fuck, den ich immer so gerne hatte. Nein, am Ende steht auch das Ausüben der Dominanz. Wenn man so will, der Sieg auf dem Schlachtfeld.

Denn welchen Sinn hat der Kampf, wenn man es sich am Ende versagt, wirklich zu gewinnen, weil unsere Gesellschaft so unglaublich auf Gleichberechtigung abfährt?
Warum zur Hölle sollte ich gesellschaftliche Konventionen mein Privatleben beherrschen lassen? Warum nicht eine Frau schlagen, mit der Hand, einer Gerte, einem Gürtel, einem Paddel? Wenn sie das will und sogar braucht, um dieses Stadium willenloser, sabbernder Geilheit zu erreichen, das wir alle beim Sex doch erreichen wollen, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Dieses völlige Verlorensein im und mit dem anderen. Wenn der Schmerz untrennbarer Bestandteil der Lust und des Nervenkitzels ist und letztlich sogar zur Spannungsentlastung beiträgt, was kann daran in dem Sinne „falsch“ sein?

Warum nicht einfach den Kelch in das Faß mit dem Blutwein tauchen und sich inmitten seiner erschlagenen Feinde besaufen, unter dem Klang klingonischer Opern?
Womöglich habe ich es mir ein Leben lang verkniffen, einfach auch mal am Ende auf dem Thron zu sitzen und die Früchte des Sieges zu genießen. Nämlich die Unterwerfung und Beherrschung meiner Partnerin. Ich war immer jemand, der Frauen mit starkem Charakter mochte. Der Partnerschaft immer durch die kleinen Reibereien definiert hat, die der Alltag so bringt. Und denen, die ich auch gerne selber erzeugt habe. Heute wird mir deutlich, daß es im Grunde Mind Fuck war, aber eben mit angezogener Handbremse. Immer habe ich mich selbst überwacht, dem Drachen nie die Zügel schießen lassen.

BDSM-Menschen benutzen wohl ab und an einen Ausdruck, den ich aus der Gamer-Szene kenne: Vanilla.
Das bezeichnet ein Basisspiel ohne später herausgebrachte Add-Ons, die üblicherweise mit neuen Einheiten, neuen Karten, neuen taktischen Möglichkeiten einhergehen. Oder eben „Normalos“ mit normalem Sex. Diejenigen, die sich nicht gehen lassen. Aber womöglich bin ich gar nicht Vanilla. Vielleicht bin ich auch nicht mehr Vanilla.  Vielleicht war ich es nie wirklich.
Vielleicht habe ich genau das immer gesucht und niemals ganz gefunden. Geliebt habe ich jede einzelne meiner Frauen, keine Frage. Ich habe immer für sie gebrannt, jede Minute. Auch wenn ich oft nicht besonders gut darin war, das auch zu zeigen. Schon immer habe ich gewußt, daß unter meiner kontrollierten Oberfläche etwas vor sich hin brodelt.
Doch niemals zuvor habe ich eine Frau wie dich getroffen. Nitro trifft Glyzerin.

Wenn man in den Abgrund starrt, starrt der Abgrund in einen zurück, heißt es. Ich habe sehr lange mit dir in deine Abgründe gestarrt. Ich weiß nicht, ob ich dir etwas beibringen konnte über dich. Ich glaube ja. Du hast mir nie wirklich zugehört oder mich nicht verstanden. Aber ich bin nicht folgenlos geblieben für dich. Ich habe Dinge ausgesät in deinem Kopf, die dort wachsen werden. Ich werde niemals herausfinden, ob ich erfolgreich war, aber ich hoffe es für dich. Denn auf Dauer kannst du mit der Person, die du zu sein glaubst, nicht leben. In Wahrheit bist du es, die manipulativ und berechnend ist. Es mangelt dir nicht an Selbstbewußtsein. Es mangelt dir an Selbstwert.
Auch ich habe etwas gelernt. Über mich. Von dir. Du warst die Frau, die mir beigebracht hat, daß ich eine Partnerin tatsächlich besitzen will und nicht nur eine Partnerin haben. Du hast dunkle Dinge in mir aufgeweckt, aber du hast sie nicht erschaffen. Sie waren immer da.

Du bist die Frau, die ich von der ersten Sekunde an wirklich besitzen wollte. Ich wußte nur nicht, wie man zugreift, um das zu erreichen. Ich war zu feige, um es zu tun. Zu höflich. Zu nett. Du bist die Frau, die ich jetzt niemals besitzen werde und das macht mich wahnsinnig. Ich möchte dich dafür hassen, aber ich kann nicht. Denn dafür liebe ich dich viel zu sehr. Ich werde es immer tun. Wie könnte ich die Frau nicht lieben, die mir beigebracht hat, mir endlich selbst in die Augen zu sehen und auch deutlich zu erkennen, was ich da sehe?

Man ist niemals zu alt, um sich selber zu entwickeln. Trotzdem machst du mich wahnsinnig. das wirst du immer tun. Und ein Teil von dir weiß das und hat es immer gewußt, jede verdammte Sekunde. Du genießt es, so devot du auch zu sein vorgibst. Manchmal kann ich dich in meinem Kopf noch immer lachen hören, obwohl es dich nur ein paar Stunden wirklich gab.
Ich liebe dich. Ich liebte dich. Ich werde dich lieben. Wo immer du bist, mein Wunder.

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