Totes Gleis

Ich sitze da, mit geschlossenen Augen. Langsam erschaffe ich in meinem Kopf einen Ort, weit weg vom Hier und Jetzt. Einen Ort ohne andere Menschen, die mir auf die Nerven gehen könnten. Außer dir. Du mußt hier irgendwo sein. Denn du hast mir den Ort als Bild geschickt.
Ein sonniger Tag. Es ist ruhig hier. Einsam fast. Herbstkühle Luft weht durch meinen Kopf. Zweige und Äste knarren vor sich hin. Laub raschelt. Dieses typisch trockene Aneinanderreiben von vergangenem Grün, das sich immer noch an seinem Platz festklammert.

Dann sehe ich dich. Wie du allein durch den Wald spazierst, die Kamera in der Hand. Wie du überall hinsiehst. Die mit Blättern zugewehten Trampelpfade verläßt, ohne Rücksicht auf Verluste. Wie du in die Knie gehst und ein Motiv in den Fokus nimmst. Völlig in Gedanken verloren nimmst du die Dinge auf, in die Kamera und auch in dich.
Ich kann deine Leidenschaft fühlen, mit der du das tust. So wie man sie später immer in deinen Bildern sehen kann. Deine Dämonen und Drachen schweigen die ganze Zeit, werden vollkommen belanglos, während du die Mauerreste photographierst, auseindergeschoben von den Wurzeln eines kräftigen Baums. Ein kleiner Schößling zwischen moosigen Ziegelsteinen vor dreißig oder fünfzig Jahren.
Dieses Bahngleis. Überwachsen, halb versunken, zugedeckt von Zeit und Flechten. Erblindetes Metall. Ein Weg, der nirgendwo mehr hinführt. Schon lange nicht mehr.

Das Gleis ist wie du für mich. Eine Erinnerung. Man kann sich vorstellen, wohin es früher einmal für viele Menschen geführt hat. Das es einem Zweck diente. Sinn ergab. Aber heute nicht mehr. Heute kündet es nur noch von Wegen, die nicht mehr gangbar sind, die blockiert sind durch das Verstreichen von zuviel Zeit, von Vernachlässigung, vom normalen Wandel der Dinge. Symbolische Nutzlosigkeit. Eine Nostalgie ehemaliger Geschäftigkeit. Ein irgendwie traurig anmutender Rest aus lebhafteren Zeiten.

Ich breite meine Arme aus und atme tief. Langsam ziehe ich die Luft in meine noch immer nikotingeschädigten Lungen. Spüre die glatte Kühle jedes einzelnen Moleküls. Ich stelle mir vor, wie jedes Atom leuchtet, wie es Energie abstrahlt in ewiger Vibration in einer konstanten Frequenz. Die Signatur dieses Universums.
in dunstiger Wirbel aus Helligkeit strömt in mich, verzweigt sich, wird verteilt von meinem Herzschlag. Ich atme Licht in mich hinein im Versuch, diese graue, bleierne Düsternis in mir zu vertreiben.

Es gelingt mir nur bedingt. Diese schwere Decke aus lebloser Traurigkeit und tiefster Verzweiflung drückt auf meine Schultern. Ein Sack Zement, balanciert auf meinem Gehirn.
Du bist in so kurzer Zeit die Quelle meines Glücklichseins geworden, daß dein Nichtvorhandensein immer wieder kaum zu ertragen ist. Ich zahle einen hohen Preis für meinen Fehler, dir zu vertrauen. Zu wissen, daß du dort draußen bist und mir niemals nah sein wirst, niemals nah sein wolltest, zerreißt mich immer wieder.
Wie eine Splittergranate fetzt es die Substanz meiner Ruhe auseinander, kreischt durch meine Gedanken, sprüht ätzende Bitterkeit über das geatmete Licht. Verwandelt es in erstickenden Rauch, in giftiges schweres Gas.

Oh Gott, wie sehr ich hinter dir liegen möchte, an deinen Rücken geschmiegt, die Arme um dich herum, mein Gesicht in deinem Nacken vergraben und deinen Haaren. Wie ich diesen Geruch aus Schlaf und Träumen unter deiner Haut in Flaschen füllen möchte, um mich immer wieder daran zu berauschen.
Wie sehr ich dich nicht loslassen will, meine Arme um deine Hüften, während du dich freistrampelst nach dem Aufwachen. Wie ich mich an dich hänge, bis du dich zu mir drehst, dich auf mich schwingst, strafend guckst und etwas zweifellos völlig Unromantisches sagst wie „Ich muß aufs Klo, du Idiot“. Und wie deine Augen dabei lachen und leuchten und ich dich zu mir herunterziehe und dich küsse. Wie ich mein Licht in dich hineinatme. Dieser phantastische Geschmack deiner Lippen.

All das wirft mir mein Geist entgegen, aus dunklen Tiefen in mir. Wie so oft in letzter Zeit möchte ich weinen um dich. Doch ich kann nicht. Ich bin viel zu erschöpft, um zu weinen. Aber du bist ja da, irgendwo dort draußen. Nicht tot. Aber auch nicht wirklich lebendig.
Wie ich immer wieder versucht habe, dein Herz zu berühren, deine Seele, deinen Verstand. Dich für mich zu gewinnen. Tot sein wäre leichter für mich als weiterhin mit dir einen Planeten zu teilen. Mir vorzustellen, wie das selbstzufriedene Arschloch lacht, von dem du dich völlig abhängig gemacht hast.

Ich hebe meinen Kopf. Atme tief. Errichte langsam neue Barrieren um mein Herz. Um meinen Verstand. Ich sortiere Bilder mit dir aus meinem Kopf und verschließe sie in alten Truhen. Den Gedanken an dich, als du deine Kamera verkauft hast, weil dein Geld vorn und hinten nicht genügte. Das du dir jetzt eine neue kaufen willst. Ich bin mir sicher, dein Sklavenherr wird sie dir bezahlen. Bald ist ja Weihnachten.
Ich archiviere meine Gefühle für dich. Überhaupt alle meine Gefühle. Ich fege die Trümmer von Optimismus und Hoffnung zusammen und werfe sie fort. Der Schaden ist gewaltig.

Einmal noch wollte ich es wagen, ohne Visier, Schild und Schwert einer anderen Seele gegenüberzutreten. Mich einer anderen Person zu offenbaren. Aber du wolltest nicht. Du warst niemals bereit, mir zu vertrauen. Lieber hast du dich eingesperrt im Käfig in deinem Kopf und bildest dir ein, den Kerkermeister zu lieben. Immer wieder hast du mich benutzt und es vehement abgestritten.
Du warst ein letzter Versuch. Eine letzte Hoffnung. Nichts ist zurückgeblieben. Der Vorrat ist aufgebraucht. Nichts wird ihn jemals erneuern. Wie du mich jedesmal getötet hast, wenn du sagtest „Ich will das ja so“.

Die Sonne bricht endlich durch die Wolken. Der Sturmwind von gestern nacht hat sich gelegt. Die Bäume hier sind endgültig leergefegt und erwarten den Winter. Die Luft ist angenehm frisch. Wie neu erschaffen. Ich mag den Geruch des Herbstes und seine Farben. Kühles, klares Licht über dem Land und der Ruf der Gänse, weit oben über mir.

Mit dir durch die Wälder zu spazieren. Zu sehen, wie du mit Leidenschaft und Hingabe in deinen Bildern aufgehst. Auf dem Weg stehenzubleiben, während du um einen alten, gestürzten Baum herumläufst, auf der Suche nach der richtigen Perspektive, dem richtigen Licht. Dich so glücklich zu sehen, während die Splitter in dir wieder etwas verheilen, weil deine Dämonen zum Schweigen verdammt werden von der wunderbaren Person, die du wirklich bist. Diese Frau, die in deiner Küche steht und unbeschwert lacht unter ihren grün gefärbten Haaren, das Licht im Rücken. Nichts existiert, das ich mir sehnlicher herbeiwünschte.

Aber nicht hier. Nicht in diesem Universum. Hier endet alles mit verrostetem Stahl und rissigem, uralten Holz. Hier habe ich es niemals geschafft, dir wirklich etwas zu bedeuten. Habe dich niemals wirklich berührt. Hier war ich immer nur dein Spielzeug. Der sich windende Körper auf deiner Klinge, langsam ausgeblutet.

Ich hebe mein Gesicht der Sonne entgegen, ziehe die Wärme in mich hinein, um die unsagbare Kälte in meiner Seele zu bekämpfen. Ich dränge den Haß zurück, den unbändigen Zorn. Dieses kaum unterdrückbare Verlangen, zu schreien, irgend etwas zu zerschlagen. Dichter Nebel breitet sich in mir aus, dämpft alles mit kühler Sachlichkeit. Ein Lächeln auf meinem Gesicht, ich kann es spüren. Aber nicht freundlich. Es ist grimmig.

Eines Tages wirst du mich vermissen und ich werde nicht da sein. Eines Tages wirst du ihn langweilen. Sein Sklavenkind. Seine Golfclub-Trophäe. Eines Tages wirst du verstehen, daß er dich niemals so sehen kann wie ich das tue. In eurer gegenseitigen Leere sucht ihr verzweifelt nach Erfüllung und seid doch dazu verdammt, euch immer zu mißtrauen. Ihr seid gefühllose Haie in einer See aus archaischer Angst.

Der Nebel in meinem Geist löst sich auf. Die Welt bekommt erneut Farben. Sie bleiben blaß. Sie sind weniger freudig als früher. Weniger vielversprechend. Die Gleise unter all dem Laub sind kaum zu erkennen. Aber ich muß ihnen folgen. In diesem Universum läßt du mir keine andere Wahl. Es gab von Anfang an keine Wahl.

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