Geburt eines Einhorns

Was mir noch von dir bleibt, ist die immer noch ungelesene Känguruh-Trilogie von Marc Uwe Kling. Die hatte ich mir gekauft, weil du das Känguruh so großartig findest. Und weil ich den ersten Band schon gelesen hatte.
So wurdest du mein Känguruh. Mein kommunistisches Känguruh. Denn du bist eine Literatin und kannst wunderbar zitieren und was den Kapitalismus angeht, sind wir beide einer Meinung mit dem verdammten Beuteltier, das früher beim Vietcong war und mit dem Künstler in einer WG lebt.
Oder zumindest ein Teil von dir ist dieser Meinung. Der Teil, der sich keine Schuhe für 150 Mäuse und Klamotten für 300 kaufen läßt von einem neuen Dom oder davon wenigstens nicht beeindruckt ist. Und auch keinen Vibrator für 160 Euro, bei dem ich mich frage, ob der auch Kaffee kochen kann. Finanziell kann ich bei so etwas nicht mithalten. Und ich wollte es auch nicht.

Jedenfalls kann ich das Scheißbuch nicht lesen. Denn dabei würde ich wieder an dich denken. Also steht es rum, drei Bände im Schuber, völlig konsumistisch, und staubt zu.

Kurz vor dem endgültigen Ende, als wir gerade kurz dabei waren, uns wieder einmal zusammenzuraufen, hast du noch gesagt, daß du eine Folge vom Känguruh im Fernsehen gesehen und dabei an mich gedacht hättest. Schön sei das gewesen, hast du geschrieben. Ich habe gelächelt bei diesem Satz. Ich wollte immer eine Quelle schöner Erinnerungen für dich sein. Das war eines meiner Ziele. Diese Dunkelheit aus deinem Kopf, deiner Seele herauszuschneiden und durch etwas Helleres zu ersetzen. Etwas Schönes. Etwas Sanftes und Erinnernswertes.

Nur wenige Tage danach schreibst du mir in den letzten Zeilen, die wir wechseln, daß du nur noch weg willst von mir, weil du Angst vor mir hast. Das du ohnehin nur noch da bist, weil du fürchtest, ich könnte mir etwas antun. Diese Zeilen werden mich endgültig auf eine Fluchtbewegung schicken. Ist das dieselbe Frau wie vor vier Tagen?

Nur vier Tage zuvor hast du mir das wunderschönste Bild von allen geschickt. Direkt nachdem ich etwas Nettes gesagt hatte und du es kommentiert hast mit: „Ich versuche mentalen Abstand halten. Aber es fällt mir schwer.“
Es ist wieder einer dieser Momente, in denen ich weinen könnte, daß du nicht da bist, sondern bei deinen Eltern. Weil ich dich in meinen Gedanken fühlen kann. Weil ich deine Gedanken fühlen kann. Ich will mit dir verschmelzen, völlig. In ein paar Tagen wirst du nach Berlin fahren. Zu ihm. Schon wieder. Immer wieder. Du wirst diesem Menschen niemals entkommen. Denn du fühlst dich frei in deinem Käfig. Du bist derartig unfähig zu normaler Empathie, daß du den Rest deines Lebens an solche Menschen geraten wirst.
Es ist so schön, was du sagst. Trotzdem bist du für mich auf der Rückseite des Mondes.
Wenig später in dieser Nacht kriegst du wieder einen Psychoanfall und siehst Gestalten vor dem Fenster. Ich beruhige dich. Ich schreibe solange weiter, bis ich weiß, du bist eingeschlafen. Ich schicke dir einen virtuellen Kuß, was ich die ganzen letzten Wochen vermieden hatte. Noch einmal schreibe ich dich in den Schlaf, schreibe ich dir eine Geschichte aus meinem Kopf:

„Dann drehst Du dichvon mir weg, auf deine rechte Seite, die Arme in deine Kissen und den Hund vergraben. Mit einem geflüsterten „Gute Nacht“ küsse ich dich hinter ihr Ohr und nochmal, auf diese wunderbar weiche Wange. Ich kann sehen, wie deine ungeschminkten rosa Lippen leicht lächeln.
Ich kuschle mich an dich heran, bis wir uns berühren und ich spüren kann, wie sich deine gegen meine leicht kühl anfühlt. Wie Seide. Leise atmende, lächelnde Seide.
Welchen großartigeren Anblick kann es geben auf dieser Welt? Und welches tiefere Gefühl?“

Das schreibt dir der Mann, vor dem du Angst zu haben behauptest. Ich schreibe das.
Für dich. Aus mir heraus. Aber es ist alles vergeblich. Über all diese Monate bewerfe ich dich mit Ehrlichkeit und mit echter Liebe. Du zahlst es mir mit Verlogenheit, Gleichgültigkeit und Verachtung zurück. Immer wieder. Dabei bist du so gefühlsblind, es nicht einmal zu merken.

Du sagst noch in diesen letzten Zeilen vor meinen Augen, ich solle keinen Quatsch machen und dann wärst du weg. Aber du gehst doch nicht. Du bleibst einfach online. Ich bin es, der den virtuellen Facebook-Faden in diesem beschissenen digitalen Netzwerk dann durchtrennt. Schon wieder hast du mir diesen Schritt überlassen. Aber ich tue ihn. Es schmerzt wie die Hölle in mir. Es sind Geburtswehen für das Irre Einhorn.

 

 

Das Beitragsbild ist von Josephine Wall und findet sich hier.

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