Unverloren

„Dich gar nicht erst verlieren. Dann muß ich es auch nicht bedauern.“

Das sagtest du einmal zu mir. Immer wieder habe ich dich gefragt, ob du mich brauchst im Verlaufe all dieser Monate. Immer wieder bist du einer Antwort auf diese Frage ausgewichen.
Ähnlich wie mit anderen Aussagen. Es klingt oft gut, was du zu mir sagst. Aber in Wirklichkeit ist es wieder ein Ausweichen. Ein übliches Taktieren von dir. Nur keine Position beziehen. Sei es bewußt oder unbewußt, ich weiß es nicht. Nach all dieser Zeit kann ich immer noch nicht genau sagen, wann eigentlich welcher Aspekt deiner Persönlichkeiten das Sagen hat. Oder ob das überhaupt der Fall ist.
Statt eines einfachen Ja oder Nein oder einer Nachfrage, wie es um meine Gefühle bestellt ist, kommen immer Floskeln von deiner Seite. Nur nicht nachhaken oder Interesse daran zeigen, warum ich vielleicht so empfinde, wie ich das tue. Deine typische Problemlösung ist es, zu behaupten, daß gar kein Problem existiert.

Wenn dein Herr nicht da ist und dich an jemand anderen verleihen will, hast du mit jedem Tag mehr Angst, den sein Abreisetermin näherrückt. Wobei es nicht Angst ist, was er fühlt, wenn er seine Hand zwischen deine Beine schiebt. Vielleicht aber auch doch. Denn es ist nicht nur Schmerz, der dich geil macht. Es ist auch Angst.
Mit jedem Tag merke ich, wie deine üblichen Psycho-Züge wieder Fahrt aufnehmen. Hektisch verplanst du schon vorher jede Minute deiner Zeit, in der du keiner unmittelbaren Kontrolle durch deinen Sklavenhalter unterliegst.

Ich kann hören, wie das Chaos in dir mit immer lauterer und schrillerer Stimme kreischt. Du willst dich ablenken davon, mit allen möglichen Dingen. Nichts fürchtest du mehr als simple, schlichte, tiefe Stille. Als Bewegungslosigkeit. Du versuchst, diesen Geräuschen zu entkommen, indem du mehr und mehr Ordnung in dein Leben zwingst. Mit einem immer umfassenderen Rahmen versuchst du, alle Angst und Unsicherheit zu verbannen. Du fühlst dich nicht wohl beim Gedanken, an jemand anderen ausgeliehen zu werden. Sagst du.
Aber du sagst auch, daß du den Typen ganz nett findest. Und das du ohnehin schon immer die Phantasie mehrerer Männer in deinem Kopf trägst, ist mir nicht neu. Dir auch nicht. Wieder sagt eine Seite von dir: „Ich will das nicht“. Die andere sagt: „Woher willst du das wissen? Probieren wir es aus!“ Das Ausprobieren schon massiv falsch sein könnte, ignorierst du.

Einmal, ein einziges Mal hattest du auf meine Frage nach dem „Brauchst du mich?“ eine klare Antwort. Ein Ja.
Aber wofür brauchst du mich? Das ist mir nie klar gewworden.
Ich war der Typ, der dir mehrere hundert Stunden Telefonseelsorge verpaßt hat. Dein psychologischer Sandsack. Immer wieder bin ich dir virtuell in den Arm gefallen, damit du keinen Scheiß baust.
Während ich jedes Mal innerlich nach dir geschrien habe, weil ich dich im Arm halten wollte in diesen Momenten. Real. Und immer wieder hast du dieses Geständnis zur Seite gewischt. Wie Staub auf dem Tisch oder wie man über ein Buch pustet, das man lang nicht mehr aus dem Regal genommen hat. Wie oft hast du meine Gefühle, mit denen ich dich beworfen habe, einfach mit einer Geste der Belanglosigkeit ignoriert? Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.

Was also war ich für dich?
Die Trophäe im Regal, die man sich da hinstellt, weil man sie eben hat?
Der Hofnarr, der seiner Königin mit angenehmen Geschichten die Zeit ihrer Melancholie vertreibt, bis der Herrscher wieder zurückkehrt?
Ein Werkzeug? Ich denke, das trifft es am besten. Immer dann, wenn du eine Stütze gebraucht hast, hast du mir genug Gefühl gezeigt, um mich bei der Stange zu halten. Um dann dasselbe zu tun, was du immer getan hast: Mich zurückzustoßen.
Um mir dann vorzuwerfen, ich hätte mich zu sehr in dich eingemischt, wäre dir zu nah gekommen.

Ich war der Mann, der immer dich wollte. Was Sex eindeutig mit einschließt, was uns beiden von Anfang an klar war. Von der ersten Stunde an war das klar. „Vielleicht waren wir etwas zu schnell am Anfang“, sagtest du einmal. Einer deiner ehrlichsten Sätze.
Ja, das waren wir wohl. Doch das war es, was wir wollten. Beide. Und alle meine Bemühungen danach hast du völlig ignoriert. Meine langfristigen Bemühungen. Meine geduldigen Bemühungen.Du warst so lange nicht bei mir, hast mich so lang immer wieder auf die lange Bank geschoben, bis da dieser andere Kerl auftauchte. Der Mann, von dem du mir noch vorher versichert hattest, mit ihm könne gar nichts passieren. Was ich stark bezweifelt habe. Das er ein Dom ist, ein Kerl mit Geld und voll eingerichtetem „Spielzimmer“, also genau dein Ding, hast du erst hinterher gesagt. Im selben Satz, in dem du mir dann gestanden hast, daß er dich gefickt hat. Was von Anfang an das Ergebnis war, das du haben wolltest. Neue Sicherheit für dich. Neue Kontrolle.

Ich war immer nur dann relevant, wenn es für dich wichtig war. Was für mich wichtig war, landete auf dem Abstellgleis. Immer wieder ein „Ich weiß nicht“ auf zentrale Fragen. Die Antwort des kleinen Mädchens. Deine Allzweckantwort, wenn dir etwas peinlich wurde oder zu gefühlig. Wenn du dich hättest öffnen müssen.
Heute erzählst du mir stolz, daß du dabei bist zu lernen, deinem Herrn beim Sex in die Augen zu sehen. Das war immer eine Horrorvorstellung für dich. Wie sehr mich diese Vorstellung ankotzt, weil du dem falschen Mann dabei in die Augen siehst und aus dem falschen Grund, realisierst du wieder mal nicht.

„Ich brauche jemanden, der fürchtet, er könnte mich verlieren“, hatte ich dir gesagt. Du sagst, am besten verlierst du mich gar nicht erst. Aber wie soll das gehen, wenn du mich doch niemals hattest?
Aber davor fürchtest du dich gar nicht. Du fürchtest dich davor, einen Moment lang einsam zu sein. Alleine mit den Stimmen in deinem Innern. Wenn dein Herr nicht da ist und du nicht schnell genug jemanden ans Telefon kriegst.
Du wirst alles mit dir tun lassen, was diese Stimmen im Zaum hält. Auch wenn du dazu an jemand anderen überstellt wirst. Wie ein Mietwagen. Auch, wenn dir das womöglich Angst einjagt. Was dich dann nicht davon abhalten wird, dich vom neu zugewiesenen Aufpasser ficken zu lassen. Deine Widersprüche erhöhen seit Wochen wieder ihre Rotationsgeschwindigkeit in deinem Innern. Das ist der einzige Grund, warum du mich verfügbar haben möchtest.

In all diesen Wochen hast du niemals den Gedanken geäußert, daß ich ja einer von denen sein könnte, die dich zwischendurch mal ausgeliehen bekommen. Abgesehen davon, daß ich das abgelehnt hätte, läßt schon das Fehlen dieser Idee einen Rückblick zu auf meinen Stellenwert zu. Du brauchst mich? Oder du fürchtest, mich zu verlieren?
Ich gebe mir alle Mühe, aber trotzdem kann ich das nicht glauben. In Wirklichkeit habe ich für dich die tiefsinnige Bedeutung einer Gummiente im Schaumbad. Etwas irgendwie Sinnloses, das zwar existiert, aber nicht zum Leben gehört. Außer man badet vielleicht gerade.

Ich war ein failsafe-Programm für dich. Der Mann, der so bescheuert war, sich von dir nicht das zu holen, was du ihm durchaus bereitwillig gegeben hättest. Du hast mich sogar dazu aufgefordert. Ich bin der einzige Mann, der deine Schwächen nicht ausnutzen wollte, um daraus kurzfristig Gewinn zu ziehen. Wir waren nicht zu schnell am Anfang. Ich war nur davon ausgegangen, daß es dir ernst war mit dem, was wir vorher gesagt hatten. Ich war immer davon überzeugt, etwas Langfristiges begonnen zu haben mit dir.

Ich bin der Mann, der dir so nahe steht wie kein anderer. Nicht einmal der, der dich peitscht und fesselt und fickt, steht dir so nahe. Nicht einer der anderen ist so tief in deinem Kopf verankert wie ich das bin.
Aber du wirst das niemals zugeben. Dir das niemals eingestehen. In meinem Falle wirst du niemals zulassen, daß sich deine Angst vor mir in Anziehungskraft verwandelt. Denn du fürchtest dich vor dem Ergebnis. Es könnte lauten, daß du Gefühle hast und verletztlich bist. In meinem Falle sagt deine innere Stimme nicht einfach „Probieren wir es aus.“
Du bist eine einzige Demütigung für mich. Du behandelst Menschen wie Werkzeuge oder Gegenstände. Wie das, was du selber sein willst. Dein Leben wird wesentlich einsamer sein als meines je war.

Niemals hattest du den Mut, mich zu brauchen. Mich zu lieben. Du warst niemals so da, daß du hättest Angst haben müssen, mich zu verlieren. Bedauern könntest du ohnehin nichts.

 

 

Das Beitragsbild ist von Christian Richter und entstammt seiner Sammlung „Abandoned Places“. Die Quelle ist hier.

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2 Gedanken zu “Unverloren

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