Einhorns Wort zur Weihnacht

Ihr Menschen dort draußen: Seid nicht einfach traurig oder geschockt oder ängstlich. Seid nicht wortlos oder in Schweigen erstarrt.
Redet darüber. Sprecht darüber mit anderen Menschen. Mit allen anderen Menschen. In der Kneipe. Im Stadtpark. Auf einem Spaziergang im Wald. Beim Niederlegen von Blumen an irgendeinem verdammten Absperrgitter.

Aber schweigt nicht. Redet auch nicht nur. Hört euch zu. Freßt es nicht hinein in eure Köpfe, eure Herzen, in einem ebenso schädlichen wie sinnlosen Versuch, ungerührt zu wirken. Einfach weiter zu funktionieren in unserer oft recht kalten und sich so unerschütterlich gebenden Gesellschaft.

Seid gerührt. Seid erschüttert. Aber laßt euch von dieser Erschütterung nicht umwerfen. Biegen wir uns, wie das Gras sich unter dem Wind neigt. Verurteilt nicht. Denkt nach. In einer bitteren, einer verbitterten, einer vergebungslosen Zeit dürfen wir dem einfachen Drang nicht nachgeben, ebenfalls vergebungslos zu sein und verbittert.

Trauert, denn Trauer ist sehr wohl etwas Angemessenes in solchen Momenten. Seid wütend. Wut ist nicht schlecht. Sie reinigt. Sie verschafft dem Denken notwendige Klarheit. Wut ist offen. Noch niemals habe ich gesehen, wie ein wütender Mensch sich verstellt und nicht sein wahres Gesicht zeigt. Wut hat keine Maske. In einer maskierten Zeit ist Wut sehr wohl zulässig.
Doch seid nicht wütend aus Hilflosigkeit heraus. Seid nicht wütend auf Projektionen, auf Zielscheiben. Seid nicht wütend auf „den Islam“ oder „die Muslime“ oder „die Ausländer“. Denn das ist keine Wut. Es ist Haß.

Haßt nicht. Laßt euch von denen, die andere zu Werkzeugen ihres eigenen, armseligen Hasses machen wollen, nicht benutzen. Denn diese Leute wollen Dinge tun, die nur mehr Bitterkeit und Haß in eine Welt spülen, die davon längst mehr als genug hat. Aus der Saat des Hasses kann niemals etwas gedeihen, das der Menschheit nützlich wäre.

Laßt den Predigern des Hasses und der Verachtung ihre eigene, kleine Welt der Vereinfachung und der Feindbilder. Ihnen muß diese Welt bleiben, denn sie haben nichts anderes, sonst müßten sie in den Spiegel sehen. Und diese Leute fürchten sich vor dem Blick in den Spiegel. Seelenlose haben kein Spiegelbild.
Laßt sie in ihrer engen Welt, egal, in welcher Sprache sie ihren Haß predigen, in welchem Land. Sollen sie allein dort bleiben und an ihrer Emotion ersticken. Laßt euch nicht von ihnen mit ersticken. Atmet!

Vergeßt niemals, unter der Schneedecke des Winters das Versprechen des nächsten Frühlings zu sehen. Dieses Versprechen wird immer erfüllt werden. Wo heute nur glitzerndes Eis zu sein scheint und sich Sonnenlicht bricht auf Milliarden individueller Eiskristalle, werden morgen wogende Kornfelder sein. Siebeneinhalb Milliarden Individuuen bedecken diese Erde und glitzern im Licht unserer Sonne. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß sie immer glitzern werden. Auch wenn der Eindruck manchmal kalt und tot sein mag, glaube ich fest an den nächsten Frühling und die Fülle der Felder. Ihr mögt nicht an Einhörner glauben, aber das Einhorn glaubt weiterhin an euch.

 

 

Das Beitragsbild stammt von Sebastien Millon. Er zeichnet Bären, Hasen, Katzen und auch Einhörner. Die Werke des Zeichners findet man hier.

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2 Gedanken zu “Einhorns Wort zur Weihnacht

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