Für immer Blut und Rosen

Es geht endlich zu Ende. Dieses halbe ganze Jahr, in dem ich zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt wieder einen anderen Menschen geliebt habe. Dich. Du schienst es wert zu sein, dieses Wagnis noch einmal einzugehen. Ein letztes Mal aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, wie man so sagt. Aus meiner Seele erst recht nicht. Ich habe vom ersten Moment an gefühlt, was du wirklich sein könntest. Ich habe dich leuchten sehen in der Nacht wie den Turm an der Küste, der Reisenden im Nebel den Weg weist, seitdem Menschen auf der Endlosigkeit der Ozeane verlorengehen in ihrem Hang zu Abenteuer, ihrer Neugier folgend.

Ich wollte Dich in meinem Leben haben. Jemanden bei mir wissen, der mich mit sich teilt und umgekehrt. Aber vergebens.
Kein ‚Für immer und Dich‘. Nur ein ‚Für nichts und wieder nichts‘. Wie immer in meinem Leben. In meiner eigenen Blindheit hatte ich bis zuletzt gehofft, du könntest jemand anders sein als die Person, die du wirklich bist. Oder besser, die Nicht-Person, die du krampfhaft sein willst.

In meinem Unglauben über deine völlige Unfähigkeit zur Empathie habe ich völlig daran vorbeigesehen, wie sehr du andere Menschen zu dem degradierst, was du selber sein willst und somit auch bist. Ein seelenloses Werzeug, jederzeit bereit, seinem Herrn zur Verfügung zu stehen. In meinem Gefühl für dich war ich so unfaßbar naiv, dir alle Stellen zu zeigen, an denen du mich so richtig tief verletzen kannst. Selbst als du eine nach der andern davon gegen mich benutzt hast, war ich nicht bereit, dich loszulassen.
Dein Licht hat mich nicht im Nebel geleitet, sondern geblendet. Und geblendet wollte ich nicht erkennen, daß du nur gegenüber Menschen geistige oder körperliche Zuneigung simulieren kannst, die dich wie Dreck behandeln.
Die widerwärtige Überzeugung deiner eigenen Wertlosigkeit ist in dich eingeätzt und muß dir bestätigt werden, alles andere zählt nicht. In deiner zutiefst traumatisierten Welt stellt alles andere dein gesamtes Denken über dich in Frage. Dieses Risiko gehst du nicht ein. Du wirst es niemals riskieren, von jemanden wahrhaft geliebt zu werden und glaubst, die ganze Welt sei so aufgebaut.

Dutzende Male habe ich dir gesagt, was du tun wirst in den nächsten Wochen. Was mit dir passieren wird. Wie das mit dem Sex so sein würde, von dem du im Prinzip keine Ahnung hattest, aber den du immer und ständig so sehr haben willst. Alles davon ist tatsächlich passiert. Ich konnte es immer in dir lesen.
Doch ich war selber nicht bereit, die Konsequenzen aus der Geschichte zu ziehen, die ich da sehen konnte. Immer wieder habe ich versucht, etwas zu retten, das längst nicht mehr zu retten war. Dich. Das, was du einmal warst. Bevor du einen Menschen kennenlerntest, dem ich einen qualvollen Tod an den Hals wünsche und du vor den Dämonen in deinem Kopf kapituliert hast.

„Ich bin Chaos“, sagtest du einmal, „und damit kann ich nicht leben.“
Statt selber Ordnung in den Inneres zu bringen, dir helfen zu lassen von jemandem, dem wirklich etwas an dir liegt, läßt du dir Kontrolle aufdrücken von jemandem, dem es scheißegal ist, wie du dich fühlst. Das einzige, was deinen jetzigen geistigen Sklavenhalter von dem Arschloch unterscheidet, dem du ewig lang nicht einmal weglaufen konntest, ist sein Alter und die Tatsache, daß er dich mit seinem Geld an sich bindet statt direkter Gewalt. Das er für das bezahlt, was er von dir bekommt. Er hat dich geleast und es ihm scheißegal, ob du in deinem Inneren schreist, solange du nur gut aussiehst und lächelst, wenn er seine Trophäe herumzeigt. Äußerliche Narben sind furchtbar, darum hat er dir verboten, dich zu schneiden. Wenn deine Seele verblutet, ist das irrelevant.

Du hast, was du wolltest. Du bist tatsächlich nichts weiter als das lächerliche Sexspielzeug, von dem ich dir einmal ein Bild geschickt habe. Du warst darüber sehr angepißt. Aber so ist das mit Menschen, die andere aufrichtig lieben: Sie sagen dir die Wahrheit. Und die Wahrheit sei stets mein Ziel.
Dabei war ich noch nicht einmal direkt genug. Denn das Spielzeug hat keinen eigenen Willen. Du solltest einen besitzen. Aber du verleugnest es, ein Mensch zu sein mit all den Schwächen und Fehlern, die wir nun einmal haben. Sie sind es, die uns menschlich machen. Statt wenigstens zu versuchen zu erkennen, wer du bist, und das zu einer Quelle deiner Stärke zu machen, machst du dich selbst zu etwas, das nicht einmal mehr mitleiderregend ist.

Du hast mir nicht eine Sekunde vertraut. Alles, was du an schönen Dingen gesagt hast, war berechnet und dafür gedacht, mich noch länger zu deinen Zwecken nutzen zu können. Ich Esel bin der Mohrrübe immer wieder willig nachgelaufen. Du hast es fast immer vermieden, tatsächlich mit mir zu reden. Immer wieder nur Musiklinks, Textausschnitte oder Bilder. Alles Dinge, die ich dann mühselig interpretieren mußte. Ich habe geredet, du hast an den Stellen genickt, die dir gepaßt haben. Aber so gut wie nie hast Du über dich selbst gesprochen, in deinen Worten. Du kannst den Blick in den Spiegel schlicht nicht ertragen.

Mit kühler Kalkulation hast du darauf gesetzt, daß ich durch deine Krankheit Dinge entschuldigen würde, die ich anderen nicht zugestände. Und du hattest recht. Immer wieder nimmst du dir das Recht heraus, andere Menschen zu verletzen und dann auf deinen Zustand zu verweisen.
Von neunzig Prozent aller Menschen hast du dich abgewandt in deinem Leben, sagtest du einmal. Aber das war gelogen. Diese Menschen haben sich von dir abgewandt. Sie haben es nicht länger mit ansehen können, wie du bist und es nicht länger ertragen, wie sehr du ihre ehrlichen Bemühungen mißachtest. Du hast alles getan, um deine Überzeugung tiefer Wertlosigkeit durch anderer Leute Verhalten immer wieder bestätigt zu bekommen. Erfolgreich.

In immer engeren Bahnen haben wir uns umkreist. Immer schneller, bis wir die Lichtgeschwindigkeit weit hinter uns gelassen haben. Denn Gedanken und Gefühle sind schneller als Licht und sie enthalten viel mehr Energie, als Einstein je in einer Formel hätte ausdrücken können.
Dann trafen wir aufeinander. Haben uns ineinander verbissen, wie kämpfende Tiere, ohne Verstand. Nur Blut, Schmerz, Muskeln und dunkle Phantasien, aus dem Kopf des anderen gerissen mit unseren gekrümmten Klauen und gefletschten Zähnen. Immer wieder.
Ich kann das Summen deiner Gedanken noch immer hören in meinem Kopf. Das Echo deines wahren Selbst, von dem du dich immer trennen möchtest. Die Geister, die du manchmal siehst, im Spiegel, auf dem Wannenrand – sie sind du. Sie werden dich niemals verlassen. Kein Frieden in deiner Zeit.
Wie sehr ich immer wieder versucht habe, dich für deinen Gefühlsvampirismus zu hassen. Aber ich kann es nicht. Meine Liebe wolltest du nicht haben. Meinen Haß wirst du nicht bekommen.

Wir sind keine Elementarteilchen. Wir sind Emotionalteilchen. Wie in einem Beschleunigerring haben wir uns immer wieder getroffen und sind dabei in andere Dinge zersplittert, haben neue Erkenntnisse geschaffen. Wir haben uns alles angetan, was man sich antun kann, ohne sich zu begegnen.
Denn das war immer deine größte Angst. Das du mir keinen Widerstand entgegensetzen könntest, sollten wir uns wiedersehen. Meinen Händen. Meinen Augen. Meiner Stimme. Viel schlimmer noch der Gedanke, daß du mir womöglich gar nicht hättest widerstehen wollen. Dabei wollte ich nichts weiter haben als deine nackte Seele und alles, was sich in deinem Kopf befindet. Dazu Dinge wie Tee, Kerzenlicht, Romantik und Bademäntel. Und Vinyl.

Du willst Tess sein oder Anna Karenina. Aber du bist eben doch Harley Quinn und Poison Ivy. So wie Elementarteilchen Spuren in einer Blasenkammer hinterlassen, haben wir uns gegenseitig vernarbt in unseren Explosionen. Immer wieder diese angestaute Energie. Immer wieder die Explosion. Immer wieder danach verstocktes, eiskaltes Schweigen. In deiner allerletzten Widerwärtigkeit hast du meine Einsamkeit als Waffe gegen mich mißbraucht und auch noch versucht, das als freundschaftliche Geste zu tarnen. Vielleicht war es das sogar, aber warum hätte ich einer notorischen Lügnerin noch glauben sollen?

Niemals hast du verstanden, daß ich in den großen Hallen in meinem Kopf umherspazieren kann und überall interessante Dinge finde. Das ich in meinem Geist durch so viele Welten laufen kann, wie du sie dir nicht ausmalen kannst. Das Multiversum in meinem Kopf ist viel zu groß, als das es von dir aus den Angeln gehoben werden könnte. Du konntest Krater hinterlassen, einen Berg erodieren, einen Fluß umleiten. Aber niemals war meine Existenz durch dich wirklich gefährdet. Es ist diese innere Beständigkeit, die du fürchtest. In all meiner brodelnden Dunkelheit verliere ich doch niemals den Glauben an die Existenz des Lichts.

Du bist Chaos. Aber das bin ich auch. Doch ich weiß, daß Chaos immer Ordnung enthält und Ordnung ohne Chaos nie entstehen kann. Du willst statisch sein, flüchtest in fatalistische Unveränderlichkeit als Illusion von Selbstkontrolle. Ich hatte recht: Du bist wie eine Schneeflocke. Wunderschön, kalt und zerbrechlich. Wir haben so sehr füreinander gebrannt, daß du dich vor der Wärme gefürchtet hast. Denn die gab es in deinem Leben noch niemals.
Wenn du dich weigerst, du selbst zu werden, wirst du zerbrechen. Ich werde das spüren. Irgendwann. Irgendwo. Denn ich werde nicht mehr aus deinem Kopf verschwinden. Du wirst mich vergessen. Mich verdrängen. Vermutlich ist das bereits passiert. Ich war für dich ohnehin nie wirklich. Einhörner sind nicht wirklich.

Und doch werde ich immer bei dir sein und dort bleiben. Ich werde dir weiterhin durchs Haar wuscheln, dich in deinen Nacken küssen oder hinterunters Ohr, wenn du gerade dabei bist, in deiner eingerollten Haltung einzuschlafen. Du wirst immer wieder meine Stimme hören, wie sie dir eine Predigt hält oder die Frage stellt: „Wer hat dir gesagt, daß es so kommen würde?“

Ich werde auch an diesem Jahresende einsam sein. So wie am letzten, als ich auf dich gewartet und gehofft hatte. Ich werde trotzdem dein Gesicht finden im Feuerwerk und lächeln. Die Erinnerung an dich schmeckt auf meiner Zunge noch immer nach Gier und Hitze. Sie klingt noch immer nach Blut und Rosen.
Trotz allem, was du mir angetan hast, werde ich einfach nicht aufhören, dich weiter zu lieben. So viele halbe ganze Jahre, wie mir noch verbleiben, werde ich dieses Stück von dir in mir aufbewahren, das du zurückgelassen hast. Wenn du es haben willst, mußt Du es dir holen kommen.

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