Nachhall

Ich denke nicht an dich. Ich schicke dir keine SMS. Ich suche keine Songtexte raus, um deine letzte Nachricht zu beantworten. Die, über die ich erst Tage später gestolpert bin. Was schon wieder diverse Tage her ist, da ich ja nie auf mein dummes Handy achte. Ich hätte noch immer keins, wenn die besorgte Mami mir nicht irgendwann dieses Ding gekauft hätte. Ich habe es immer noch. Weil es aussieht wie ein Phaser bei Star Trek, nur in rot. Außerdem telefoniert es besser als ein Phaser.

Ich stolpere über deinen Instagram-Account. Rein zufällig. Weil ich gerade heute nicht an dich gedacht habe. Den ganzen Tag schon nicht. Ich pfeife auch nie dieses verdammte Lied vor mich hin, von dem du mir eine Textzeile geschickt hast. Und das zufällig von einer meiner liebsten, in letzter Zeit neu entdeckten Bands stammt. Was du natürlich mit einkalkuliert hast, wie ich einfach mal unterstelle.
Während du irgendwie trostlos um Aufmerksamkeit heischend dein Abendessen per Photo-App teilst, glaubst du noch immer, ich sei suizidgefährdet einsam. Noch immer willst du mir weismachen, das sei der einzige Grund, warum du überhaupt deine kostbare Zeit für mich geopfert hast und strickst mir daraus auch noch einen Vorwurf. Dabei gibt dir der arme, alte Mann, den du so regelmäßig bedauern konntest, nur die Möglichkeit, dich selber besser zu fühlen.
Du hast vor elf  Minuten ein Update gepostet. Ein winziges Stückchen Lachs und Brokkolisauce. Mit sorgfältig geachtelten Cherrytomaten umd irgendwas Grünem nebendran. Wie immer als Gesamtkunstwerk aufgeschichtet. Ungewöhnliche Zeit zum Essen für dich. Eventuell sitze ich immer noch in deinem Kopf. Oder du in meinem.

Ich muß aus tiefster Seele lachen bei diesem Anblick. Deine Generation der Digital Natives ist manchmal schon ganz schön erbärmlich.
Das Einhorn rechnet mir vor, daß du vermutlich für das Erstellen dieser Nahrungs-Installation mehr Energie aufgewendet hast, als in dem ganzen Häppchen Futter enthalten ist. Aber das käme dir ja gelegen. Du hattest ständig diesen Tag, an dem man dich dran erinnern mußte, mal was zu essen. Na gut, ich mußte das tun.
Du warst immer überzeugt, von deinen überfetten paarundsechzig Kilogramm bald zu Boden gezogen und erdrückt zu werden. Körperbewußtsein? Bei dir eine einzige Problemzone unter Make-Up, Kunstwimpern und sorgfältigem Styling bis zur letzten Windung des acht Meter langen Wollschals.
Wie wenige Menschen dich tatsächlich mal ohne Fassade gesehen haben, so wie ich. Nicht ein Schritt vor die Tür ohne sorgfältige Planung. Perfektion ist alles. Kontrolle ist alles. Und irgendwann bleibt Kontrolle dann auch alles. Was nicht besonders viel ist.

Ich wiege pfeifend meinen Tee ab, während ich nicht an solche Sachen denke. Zwölf komma fünf null Gramm, sagt das leuchtende Display. Exakt. So weit zum Thema Perfektion im Alltag. Ich gucke das Einhorn an. Wir lachen beide. Perfektion wird nicht geplant. Niemals. Perfektion wird angestrebt und manchmal ergibt sie sich. Oft ist das Streben blödsinnig. Meine Geschirrtücher im Schrank sind nicht akkurat gefaltet und liegen nicht genau übereinander und auf Kante. So wie irgendwelche Dinge in deinem Bad. Denn die Geschirrtücher funktionieren ganz prima auch ohne diesen überflüssigen Aufwand. Auch etwas, das du nie begriffen hast. Was ich dir alles zu verstehen zugetraut habe. Dabei bist du ein Kind. Ein verlogenes Kind noch dazu. Hältst dich für unbegrenzt belastbar und bist ein Kristall voller Risse.

Ich bin mir auch sicher, daß du dein Semester und dein Jahr bereits wieder auf Monate hinaus geplant hast. Wann du jemanden zu Hause empfängst, um so zu tun, als hättest du echte Freunde. Welche Hausarbeiten du wann schreibst. Wie du die Prüfungsordnung auf das Staatsexamen durchforstest, das so weit von dir weg ist, daß sich die Prüfungsordnung bis dahin noch dreimal ändern wird. Wie du dir Wissen in den Kopf ballerst, aber nie Zeit findest, es auch mal zu sortieren oder in Zusammenhänge zu setzen. Wie du überhaupt die Welt an sich ausblendest. Aber das ist keine spezifische Eigenschaft von dir. Informationsmenge ist ungleich Wissen. Auch so eine Macke der digitalen Generation.
Wie du in deiner Wohnung werkelst, Wäsche aufhängst, das saubere Bad putzt und dabei der Fernseher läuft. Oder die Musik. Oder beides. Alles, damit du so tun kannst, als wärst du in diesen Momenten nicht alleine. Du nennst mich einsam und kannst dabei deine eigene Wüste nicht eine Sekunde ertragen.

„Was Essen angeht, habe ich halt manchmal ein bißchen was an der Waffel“, sagtest du mal über dich.
Du hast wie so oft untertrieben. Nicht nur beim Essen. Und nicht nur ein bißchen. Meine Art zu Kochen hätte dir geschmeckt, das weiß ich genau. Meine Art zu Servieren hätte dich auf die Palme gebracht. Das weiß ich auch genau. Mein Essen sieht gerne so aus wie in einer halbdunklen Frittenbude dritter Klasse. Ich serviere mir niemals Essen und achte dabei auf einen Ästhetikfaktor. Ich achte darauf, das Gemüse mit Liebe zu schlachten und zuzubereiten. Alles andere auch. Ganz besonders achte ich darauf, daß es schmeckt. Konzentration auf das Wesentliche, nicht das Oberflächliche.

Wie sehr ich nicht an dich denke. Keine Sekunde verschwende ich auf diesen Mist, der niemals passiert ist und nie passieren wird. Wie die Sonne durch deine Fenster fällt und über deine Haut streichelt, während du durch die Wohnung hüpfst, um deine Geister zu vertreiben. Nichts davon ist wichtig für mich. Einhörner sind wie Drachen. Und Drachen sind sehr geduldig.

Ich werde morgen nicht an dich denken und übermorgen auch nicht. Ich werde von Tag zu Tag besser darin.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s