Dieses Kratzen auf Vinyl…

Ich denke an dich, bevor ich einschlafe und ich kann nicht verhindern, daß ich lächle. Ich denke an dich, wenn meine Träume von dir dem grauen Licht des verregneten Herbsttages weichen. Und ich lächle. Ich beginne zu pfeifen, wenn ich das Teewasser aufsetze und dabei an dich denke.
So lange ich dich in meinem Kopf spüren kann, ist das Universum ein Ort, an dem alle Dinge möglich sind. Sogar, daß du erkennst, was du selbst bist. Oder besser das, was du eben nicht bist.

Du löschst meine verdammte Nummer nicht aus deinem Smartphone. Du rufst mich an und sagst, du willst nicht, daß wir wieder irgendwie komisch zueinander sind. Du bist froh, wenn ich mir anhöre, was dich bedrückt. Wenn ich dir die Hand halte. Dich in die Arme nehme, wenn du wieder vor irgend etwas oder irgendwem Angst hast. Und nichts tue ich lieber als all diese Dinge.
Du magst es, wenn ich dich vor dir selber beschütze. Du küßt mich virtuell und wünschst mir einen Guten Morgen. Du wünschst mir eine angenehme Nacht.
Ich küsse dich und wünsche dir dasselbe. Mir wünsche ich echte Küsse, den echten Geschmack von dir.

Du erzählst mir Dinge, die du anderen nicht erzählst. Weder irgendwelchen Freunden noch deiner Familie. Wir teilen Gedanken, die brutal sind, gemein, bitter und wunderschön. Wir teilen Bilder, die so scharf sind, daß sich alle Emojis die Augen und Ohren zuhalten. Du magst das gern, auch wenn du dir auf die Unterlippe beißt und nichts sagst.
Ich kann dich mit Worten so heiß machen, daß du zu glühen beginnst. Ich kann aus dir Wachs machen, der sich formen ließe mit dem sanften Druck meiner Finger. Und ich genieße jede Sekunde davon und lächle dabei.
Du kannst all das, indem du mich nur ansiehst. Ich bin so schwach in deiner Nähe. Und du glaubst, du hättest keinen Selbstwert und keine Kraft.

Ich pfeif auf dein Kratzen auf Vinyl. Ich will das Vinyl sein für dich und der Saphir an der Nadel.
Ich pfeife auf deinen persönlichen Kurt Cobain. Ich bin Kurts Stimme in deinem Kopf, die „Rape me“ ins Mikrophon raspelt. Ich bin das Bild in dir, wie er dabei seine Haare in die Stirn fallen läßt und bei der Probesession den Rauch seiner Zigarette mit raussingt.
Ich pfeif auf deinen Spaziergang im Regen. Ich bin der Duft der Erde für dich, nachdem der Sommerregen vorbei ist. Dieser fette, körperliche Geruch nach Leben.
Ich bin der Wind vor dem Sturm, der die Schwüle vertreibt und so herrlich abkühlt, bevor es dann regnet.
Ich bin nicht dein Glas Rosé. Ich bin die Trauben am Stock und die darin gespeicherte Sonne, die auf deiner Zunge explodiert.
Ich bin die durchgetanzte Nacht und die donnernde Musik im Dunkeln, die deine Gedanken betäubt hat.
Ich bin nicht die Decke über deinem Kopf, ich bin die Wärme darunter, in die du dich kuschelst.
Ich bin auch nicht die Wohnungstür. Ich bin die Wohnung, in die du zurückkehrst, weil du gerne dort bist und die Welt hinter der Tür zurücklassen kannst, um mit einem Seufzer auf dein Sofa zu fallen mit dem Gedanken „Endlich zuhaus.“

Ich bin nicht die Blicke auf deiner Haut, ich bin der Blick in deine Augen. Ich bin das Gleiten meiner Hände über deine Haut. Diese Spur aus Feuer und sanftem Schmerz, den meine Fingerspitzen, meine Nägel in deine Nerven hineinstreicheln. Ich quatsche dich in den Schlaf, bis das sanfte Schnaufen deines Atems mir verrät, daß du eingeschlafen bist. Und stelle mir jedesmal vor, ich läge neben dir. Du legst dein bescheuertes Telefon neben dich ins Bett und deckst es zu und hörst auf meine Stimme, wie sie dir Unsinn erzählt oder Geschichten aus meinem Leben, denen du dann nicht zuhörst, denn du willst nur den Klang meiner Stimme.

Ich bin der mentale Abstand, den du nicht halten kannst. Ich bin wie dieses trockene, heisere Kratzen der Nadel auf Vinyl in der leeren Spur, bevor die ersten Takte kommen. So läuft es dir die Wirbelsäule hoch, durch den Nacken, in dein Gehirn.
Wie sich diese flaumigen Härchen aufstellen, die im Kerzenlicht so wunderschön schimmern, wenn ich meine Worte zu diesem sanften Flüstern absenke, um dich ins Traumland zu schwätzen. Wie meine Stimme dein Gehirn umschlingt, dich an der Hand hält, in den Arm nimmt, bevor du dich wieder in den dunklen Schatten deines Kopfes verlieren kannst. Und dabei tust du so, als läge ich tatsächlich neben dir. Nicht schlecht für eine erklärte Romantikallergikerin.

Ich kann mit ein paar Worten so tief in deine Seele hineinstechen wie niemand anders es kann auf dieser Welt. Du kannst dasselbe bei mir auch ohne Worte.
Und du hast die Frechheit, mir erzählen zu wollen, wir seien nur Freunde?

 

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