Ich, allein

Ich kann das Grübeln hinter deinen wunderschönen Augen bis hierhin hören.
Da, wo ich bin. Alleine. Ohne dich. Ich könnte dir jetzt noch viel mehr dazu schreiben. Oder dir sagen am Telefon. Aber das tue ich jetzt einfach mal nicht. Du würdest es ohnehin nicht hören wollen. Zu gefühlig.

Ich kann klar und deutlich sehen, wie du auf der Seite liegst. Deiner rechten Seite. Eingerollt. Die embryonale Schutzhaltung. Das Kissen umklammert. Oder mehrere Kissen, auch möglich. Wie du die Augen geschlossen hast. Und wie hinter deiner Stirn aber trotzdem keine Ruhe einkehrt. Wie du jede Menge Szenarien durchspielst, die dir alle nicht gefallen und mit jedem Durchlauf negativer und dunkler werden.
Dieses Ticken in deinem Kopf. Wie eine Zeitbombe, deren Zähler in den dunklen Hallen deines Unterbewußtseins präzise und unerbittlich die Sekunden abschneidet. Völlig egal, wie sehr du dir Mühe gibst, das Geräusch für nichtexistent zu erklären. Keine Maske der Welt kann das verhindern oder stoppen. Denn Masken tarnen nur nach außen. Ich sehe dich innen.

Dieses zischende Geräusch im grauen Licht.
Wie eine schwere, pendelnde Klinge, die das Denken durchschneidet, während sie sich auf deine schlafende Gestalt absenkt, gefesselt auf einem Bett. Dieser ewige Countdown, der dir niemals verrät, wie lang er eigentlich ist.

Ich stehe am Bett und sehe auf dich herunter. Frage mich, ob du weißt, was in meinem Kopf für Gedanken herumfallen bei deinem Anblick auf den Kissen und unter der Decke. Ob du wirklich verstehst, was mich betrifft. Ich glaube es nicht.
Ich seufze leise, da, wo ich sitze. Ich streichle dir virtuell über deine Haare, deine Wange, deinen Hals. Ich sollte es nicht tun, aber ich kann wieder nicht anders. Ich küsse dich einmal hinterunters Ohr, ganz leicht.

Ich stelle mir vor, wie du leise lächelst in deinem Schlaf, als du das spürst, während du auf einem anderen Bett liegst. Auf meinem Bett. Nebenan im Schlafzimmer. Wie ich das Pendel in deinen Gedanken und deinen viel zu leichten Träumen festhalte. Anhalte. Es in meinen Händen umwandle in eine große, sanfte Feder.
Eine Phoenixfeder vielleicht oder eine vom Vogel Rohk, die ich extra für dich erobert habe. Wie ich sie wieder in Bewegung setze.
Langsam senkt sie sich auf dich herab, streicht über deinen Körper, diese blasse Porzellanhaut. Ich stelle mir vor, wie du dich bewegst. Wie du wieder versuchst, der kitzelnden Folter zu entkommen, diesen zarten, streichelnden Reiz zu verachten, der dich mehr und mehr aufheizt, obwohl er weder Schmerz ist noch Schlag noch Demütigung. Wie du wieder versuchst, dem zu entwischen, was du dir so sehr herbeisehnst wie ich mir dich.

Die Vorstellung läßt mich lächeln. Hier, wo ich sitze. Gute 600 Kilometer Luftlinie von dir entfernt. Gleichzeitig läßt sie mich schreien in meinem Inneren. Aber dieses Geräusch hörst du nicht. Nur ich fühle es. Hier, wo ich sitze. Allein.

Advertisements

8 Gedanken zu “Ich, allein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s