Druckpunkte

Man kann Klammern an einen Deckel machen und so tun, als würde dadurch der Druck im Topf irgendwie geringer. Aber das ist nicht der Fall. Der Druck nimmt weiter zu und der Inhalt wird sogar noch heißer als vorher. Das ist nicht weiter tragisch. Es sei denn, irgendwas geht mit dem Sicherheitsventil schief. Falls es überhaupt eins gibt. Dir geht es nicht besser, seitdem du – in deinen eigenen Worten – eine Beziehung zu einem bedingungslosen Sadisten führst. Das erzählst du dir selbst und anderen gerne. Aber gelogen ist es trotzdem.

Du hast dich verändert seitdem. Das stimmt. Wobei es nicht so sehr du selbst bist, die sich verändert hat. Es sind deine Gewohnheiten. Die Frau, die mir noch vor ein paar Monaten gesagt hat, sie schliefe nie nackt, tut heute genau das. Sogar dann, wenn du alleine in deinem Bett liegst. In seinem verdammten Bett sowieso.

Dummerweise ist da immer noch dieses Knacken des Bodens. Oder der Decke. Du spürst den steigenden Druck immer noch, auch wenn du alles tust, um ihn zu ignorieren. Sobald du allein bist, ist diese Last auf deinem Geist für dich wieder fühlbar. Diese dumpfe Gefühl im Kopf. Wie Ohren bei der Zugfahrt durch den Tunnel. Du spürst ganz genau, daß es dir nicht besser geht, wenn du nackt und allein in deinem Bett liegst oder in seinem und du wieder irgendwelche beschissenen Schatten siehst, die in deinen Augenwinkeln herumhuschen. Nackt und wehrlos siehst du Dinge, die nicht da sind. Und sie jagen dir Angst ein.

Was du da aus den Augenwinkeln siehst, sind deine Schatten. Du trägst sie mit dir herum. Sie sind nicht wirklich da. Aber sie sind sehr, sehr vorhanden. Du wirfst sie selbst. Es sind Schatten von der Sorte, die nicht vom Licht auf eine Oberfläche gezeichnet werden, sondern von der Dunkelheit.
Vielleicht ist das Knirschen auf dem Boden und die huschenden Schatten das Gewicht eines gepanzerten Körpers. Eines Beins mit Schuppen und Krallen vielleicht. Die Schatten könnten ledrige Flügel sein, die kurz das Licht wegschlucken. Die Dunkelheit noch dunkler machen. Drachen können sehr geduldig sein.
Du schneidest dich nicht mehr, sagst du. Aber das tust du nicht, weil der Druck in dir abnimmt. Du tust es nicht, weil es dir verboten wurde. Du schreibst auch nicht. Alle deine Ventile sind blockiert. Da du ständig bei ihm rumhängst, hast du auch keinen Moment nur für dich. Was du sogar begrüßt, denn du haßt es, mit  dir allein zu sein. Aber letztlich wird daran kein Weg vorbei führen. Auf Dauer ist es unvermeidlich, mit sich selbst leben zu lernen.

Der Zug, in den du nach schlafloser Nacht eingestiegen bist in aller Frühe, bringt dich gerade jetzt in meiner Nähe vorbei. In dem Moment, in dem mir meine eigene Blödheit mal wieder klar wird, bist du nur eine halbe Stunde Zugfahrt von mir entfernt. So nah waren wir uns seit Dezember* nicht mehr, als alles anfing. Als ich gestolpert bin über dich und zu fallen begann. So nah werden wir uns auch nie wieder sein. Das Leben zwinkert einem manchmal schon zu, bevor es einem schwungvoll in die Fresse tritt.

Der Schatten, der durch mein Denken huscht, hat keine Schuppen. Aber er hat Krallen. Lackierte Krallen mit lila Glitzerlack darauf. Sie kratzen über mein Hirn und lassen mich in einer Wolke aus Schmerzen zurück. Ein schrilles Geräusch in meinem Kopf. Wie Schienen auf Stahl. Wie das aggressive Fauchen von Dampf, der unbedingt raus will.

 


*damit ist der Dezember ’15 gemeint, zur zeitlichen Klärung

Das Beitragsbild trägt den Titel „Dark Memoir“ und ist von Emily Williams/Dark Beauty Magazine.
Quelle: DB Magazine auf Facebook

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