Gespräch mit Gestern

„Du liegst auf der Seite, an Hund gekuschelt und die Brille hast du vorher schon abgenommen“, sage ich.
„Ja“, sagst du.
„Woher ich das nur weiß?“, sage ich.

Und ich kann das Bild tatsächlich in diesem Moment vor mir sehen. Wie du auf der Seite liegst, deine blasse Haut unter dem Licht deiner Weihnachtslichterkette, die in dein Bettgitter gewoben ist. Wie du das verdammte Telefon an dein Ohr hältst und die Augen geschlossen hast, während du mit mir redest. Oder wie es neben dir liegt, auf dem anderen Kopfkissen. So, als wolltest du mich tatsächlich dort haben. Ich schwebe geradezu über dir und sehe nach unten auf diese Szene. Ich bin immer noch in deinem Kopf. Es hat nur Sekunden gedauert, dorthin zu kommen. Fast wie früher. Fast wie immer.

Wie du mir immer sagst, du wüßtest nicht, wer da gerade noch Bilder oder Nachrichten zu dir schickt, wenn ich den Alarm deines Smartphones höre beim Telefonieren. Und wie ich weiß, daß du mich gerade wieder belogen hast und es mir nur nicht sagen willst. Das ist genau wie früher.
Ich denke, Du weißt sehr wohl, wer dir gegen Mitternacht noch Nachrichten im Minutentakt schickt. Wer sollte es sein, wenn nicht dein Herr? Du redest wieder einmal nur nebenbei mit mir und tust so, als wäre das ein irgendwie intimes Gespräch.

Plötzlich hatte mein Telefon geklingelt, gestern abend. Nachdem ich dir unvorsichtigerweise vorher wieder einmal auf eine Nachricht geantwortet hatte, schon eine Weile her. Ich hätte sie hinnehmen sollen und nichts dazu sagen. Aber dumm, wie ich bin, mußte ich antworten. Habe sogar selber wieder Kontakt initiiert. Über mehrere Tage haben wir uns über die Entfernung Belanglosigkeiten zugerufen. Kaum bist du wieder allein zu Hause, werde ich plötzlich wieder interessant für dich.

Morgen wirst du mir die Frage beantworten, die ich dir schon zweimal gestellt habe: „Warum rufst du mich an?“
Heute sagst du nur: „Ich weiß nicht.“
Das ist auch wie früher. Einer deiner Lieblingsausdrücke. Niemals etwas beantworten, immer drumherumreden, auf keinen Fall spontan reagieren. Nur keinen Angriffspunkt liefern.
Du sagst, du hättest fast aufgelegt nach dem dritten Klingeln. Ich sage, ich hätte auf die Nummer gestarrt und wäre fast nicht rangegangen. Das ist auch wie früher. Wie gleich wie denken an manchen Stellen. Für einen Moment fühlt es sich für mich an, als bildeten wir wieder diese geistige Harmonie, die wir mal waren. Ich schlucke den Schmerz runter und wehre mich gegen dieses Gefühl. Ich darf es nicht zulassen.

Deine Antwort wird lauten: „Ich wollte wissen, ob es sich so anfühlt wie früher. Vertraut, unbedarft, locker.“

Wie du in dem Moment auf die absurde Idee kommst, ich könnte dir vertrauen wollen, ist mir ein Rätsel. Ich war unbedarft und locker dir gegenüber, von Anfang an. Es hat sich für mich nicht gelohnt. Du hast meine Emotionen für dich verwendet und alles andere ignoriert.
Du hast so lange so getan, als wolltest du mich besuchen, bis du über diesen anderen Kerl gestolpert bist. Und dich damit rausgeredet, du seist ja jetzt vergeben. Für alle meine Mühen hast du mir emotional immer wieder in die Fresse geschlagen. Wie unbedarft und locker soll ich danach noch sein?
Ich habe Wochen gebraucht, um mir einzugestehen, daß Vertrauen dir gegenüber ein Fehler war. Ich werde den Fehler nicht wiederholen.

Es war nicht so wie früher, sagst du.
Das war auch meine Absicht. Es sollte nicht so sein wie früher. Denn warum sollte ich dich noch einmal in mich einladen. Damit du wieder meine Seele in Brand setzen kannst, um dich am Feuer zu wärmen?
Ich bin bemüht, bei unserem Gespräch distanziert zu bleiben, kühl. Dir keine Fragen zu stellen. Nicht wissen zu wollen, wo du warst, was du gemacht hast, wie es dir geht. So wie früher halt. Denn dann würdest du mir wieder von deinem galaktischen Wundermann erzählen, in den du so verliebt bist. Dein neuer Herr, dieser supertolle Kerl. Schon der Gedanke daran läßt mich würgen. Als du einmal seinen Namen erwähnst, reagiere ich mit eisigem Schweigen, zucke zurück wie verbrannt. Hinter meinen neuen, verbesserten Mauern bin ich sicher.

„Fast wäre ich wieder darauf reingefallen“, sage ich am Telefon.
Du antwortest, du wolltest mich mit gar nichts täuschen. Aber das glaube ich dir nicht mehr. Alles an dir erscheint mir kalkuliert, berechnend, ein alles beherrschender Ego-Trip. Ein Schwarzes Loch für meine Gefühle. Ich kann niemals mehr unbedarft sein dir gegenüber und du verstehst es nicht.
Du tust so, als wäre überhaupt nichts passiert zwischen uns. Dieselbe Frau, die mich anrufst, um zu sehen, ob es sich anfühlt wie früher, knallte mir noch vor ein paar Wochen an den Kopf, ich würde sie nie sehen und nie berühren, weil sie Angst vor mir hat. Sie sagte: Ich will nur noch weg“.

Aber Du warst ja nie wirklich da. Du hast dich niemals unbedarft, locker und mit Vertrauen auf mich eingelassen. Die ganzen Monate lang nicht. Du hast mir eine Geschichte vorgespielt. Das du die geglaubt hast, ändert nichts an den verheerenden Folgen für mich.

Dieselbe Frau, die so etwas gesagt hat, die mich so gedemütigt hat wie noch niemand zuvor, unterhält sich jetzt mit mir über Tattoos. Ich habe mir eins machen lassen. Nach zwanzig Jahren, in denen ich nur mit dem Gedanken gespielt habe. Du schickst mir ein Bild von deinem neuen Tattoo. Es befindet sich an einer delikaten Stelle. Ich möchte kotzen beim Anblick des Schriftzuges. Kotzen bei dem Gedanken, wie er dich leckt und dabei das vor Augen hat. Aber das Bild an sich macht mich auch an. Sehr. Die dunkle Seite in mir springt darauf an, kocht sofort wieder hoch. Meine Seele ist eine gut geschüttelte Flasche Cola.

Fast möchte ich dir das sagen aber dann tue ich es doch nicht. Ich lasse nicht zu, daß dies ein intimer Moment wird. Um dir zu vertrauen, müßte ich wissen, daß du nicht mit mir spielst. Sicher sein können. Aber das kann ich bei dir nicht. Du würdest antworten: „Ist ja dein Problem.“
Einem Teil von dir macht es Spaß, mich immer wieder zurückzustoßen. Denn du genießt es, wenn du mich verletzt. Manchmal glaube ich, du gibst damit einen Teil der widerlichen Dinge weiter, die man dir angetan hat.
Du sagst auch kein einziges Mal, daß du mich vermißt hättest. Das dir irgendwas gefehlt hätte ohne mich. Das du an mich gedacht hast. Nicht ein Satz in dieser Richtung kommt über deine Lippen. Du redest über dich, vermeidest tiefergehende Themen und erwartest von mir, ich solle locker und vertraut sein. Es ist das oberflächliche Fassadenmädchen, das mit mir spricht. Nichts von dir willst du preisgeben.

Ich habe danach geschrien, daß es so wird wie früher. Ich habe deine Stimme gehört und wollte nichts so sehr, als sie für immer immer wieder zu hören. So wie früher. Ich wollte über die Geschichte mit deinem gebrochenen Fuß lachen und lästern und dir dafür durch die Haare wuscheln. So wie früher. Die dünne Kruste über meinen Wunden ist kein Schutz vor dir, noch lange nicht. Ich wollte mich hinter dich legen, auf dein beschissenes Bett, und mich an dich kuscheln, meine Arme um dich gelegt und den blöden Hund. Ich liebe dich noch immer so sehr, daß ich am Telefon vor Schmerz schreien möchte. Stattdessen schweige ich oft.

Ich werde kein zweites Mal an dir sterben.

 

 


Das Beitragsbild trägt den Titel „Secrets“. Der Photograph heißt Kavan the Kid. Der Name des Models lautet Nova Rockafeller. Und finden kann man das Bild zum Beispiel hier auf Dark Beauty Magazine.

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