Die dunkle Seite der Sonne

Solltst du dich jemals entschließen, doch die Person zu werden, die du bist, denk an mich. Falls du jemals die Gitterstäbe dieses verdammten Käfigs in deinem Kopf zersägst und nach draußen trittst. Falls du es jemals hinbekommst, eine Verpuppung zu sein und keine steckengebliebene Metamorphose zu dir, denk an mich.

Denk einmal daran, daß es da draußen irgendwo einen Menschen gibt, der dich aufrichtig liebt. Jetzt. Hier. In diesem Moment. Einfach, weil Du eben Du bist.
Der deinen irren, orientierungslosen, mit Wald und Bäumen überfüllten Kopf liebt, weil es deiner ist. Dein Kopf, in dessen Wuschelhaare ich meine Hände vergraben möchte und dich festhalten und dich küssen, bis uns beiden die Luft ausgeht. Jemand, der sogar die Seite deines Selbst liebt, die er eigentlich so abgrundtief verachtet. So lange du dich nicht von ihr beherrschen und zu einem Zerrbild deiner selbst machen läßt.
Denk einmal daran, daß dieser Jemand das Leuchten deines ganzen Geistes liebt und nicht nur eine Wahnvorstellung davon, die man sich zurechtformt, um sie dann beherrschen zu können. Oder seine eigenen sadistischen Triebe daran auszuleben. Das Glitzern der Facetten ist viel faszinierender als der polierte Glasball, der nur reflektiert.

Ich bin jemand, der Chaos und Ordnung zu schätzen weiß. Der weiß, daß das eine ohne das andere nicht existent sein kann. Und es auch nicht ist. Das Universum ist kein paranoider Kontrollfreak und auch kein lachender Wahnsinniger außerhalb aller Regeln. Das Universum ist Batman und der Joker. Immer. In jedem von uns, die der Gesellschaft als irgendwie seltsam gelten.

„Ich wär so gerne weniger von allem…“, singst du Montags um 9. Vor allem wärst du gerne weniger extrem. Gedämpfter. Ruhiger. Sagst du jedenfalls. Was sich durchaus mit meinen Absichten dir gegenüber deckte. Drei Stunden später willst du davon nichts mehr wissen. Du willst aufbegehren und schaffst es nicht einmal, die Luxuswohnung deines Doms zu verlassen, ohne ihn vorher um Erlaubnis anzubetteln.
Solltest du all das nicht schaffen, ist es egal. Zumindest für dich. Dann wirst du wimmernd im Käfig in deinem Kopf im Dreck liegen und dich dabei beschützt fühlen. Du wirst dich zutiefst geliebt fühlen, damit er dich weiter hassen kann. Dir wird das nicht ausmachen, denn „dir“ existiert nicht mehr in diesem Falle. Es existiert schon jetzt nicht mehr, wenn man es genau nimmt. Du hast es selbst bestätigt.

Es ist meine Hoffnung, die wieder einmal zerbricht. Mein Selbstbetrug, der in dir etwas sehen wollte, was du nicht warst. Meine eigene Vorstellung, die dein Potential überschätzt hat. Mein eigener Schaden, dich an meiner Seite haben zu wollen, zumindest für eine Weile. Mein eigener Traum, der immer einer geblieben ist. Die Einbildung eines alten Narren.

Ich bin so unglaublich stinksauer auch auf mich. Gerade auf mich. Wie abgrundtief ich es hasse, dich zu lieben. Ich könnte rasen vor Wut. Auf dich. Die ganze restliche Welt, die rund um mich herum abläuft wie ein Zeitrafferfilm. Oder eine Zeitlupe, wenn ich mit einem dieser ganzen humanoiden Atome dort draußen womöglich reden muß. In ihrer lächerlichen Selbstüberschätzung widern sie mich an, diese Primatenabkömmlinge, deren Gedanaken so langsam ablaufen wie Rübenkraut vom Löffeö tropft.
Ich bin monatelang einer Illusion hinterhergelaufen. Einer Person, die es gar nicht gibt. Du bist gar keine Person. Du willst ein Dingsbums sein und tust nur so, als wärst du eine Person. Die Leere in mir ohne Dich ist so erschütternd, daß ich sie kaum begreife. Aber die Leere in dir muß noch unfaßbar viel schlimmer sein. Ich würde weinen, wenn ich das noch könnte. Aber ich habe das irgendwo in meinem Leben verlernt. Es hätte auch keinen Zweck. Gegenstände verstehen nicht, warum Menschen weinen.

Ich hätte es mit meiner Erfahrung und vor allem meinem Verstand besser wissen müssen. Ich habe es besser gewußt. Aber ich habe es ignoriert. Weil ich Hoffnung hatte. Weil ich dachte, du wärst Hoffnung. Die Größe meiner Naivität ist mit Worten nicht zu beschreiben. Aber jetzt ist es genug. Irgendwann wirst du mich eventuell verstehen. Wenn nicht, ist es ohnehin egal. Der Rest ist dann, wie Shakespeare so sagt, Schweigen.


Das Beitragsbild stammt von Angelo Mendula, trägt den Titel „Why you never let me go“ und läßt sich beim Dark Beauty Magazine finden.

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2 Gedanken zu “Die dunkle Seite der Sonne

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