Nur ein Moment

Dieser Moment, in dem ich zum ersten Mal deine Stimme hörte. Der Moment, in dem ich wußte, daß ich diese Stimme immer wieder würde hören wollen.
Zum ersten Mal hattest du an Realität gewonnen. Keine getippten Sätze im digitalen Raum. Kein Bild, das zwar genauso Dinge zeigt wie früher ein Photo. Aber trotzdem bleiben digitale Bilder eben digitale Bilder. Man kann sie nicht greifen. Sie haben keine physische Substanz. Und das merkt man den Bildern, mit denen Millionen Menschen die Welt fluten, auch an.

In einer immer flüchtigeren und unwirklicheren Welt war deine Stimme der erste echte Kontakt. Funken auf Schießpulver. Der Lichtbogen für den Raketentreibstoff. Bereits in diesen Sekunden stellte ich mir vor, wie es wäre, diese Stimme neben mir zu haben. Morgens beim Aufwachen. Während du mich aus deinen verschlafenen Bambiaugen anblinzelst. Dieser unwirkliche Blick unter zerwühlten Haaren hervor.

Schon dieser Moment weckte in mir die Frage, wie sich meine Hände anfühlen würden, wenn sie über deinen Körper gleiten in dieser sanften, kuscheligen Wärme, die sich nur in einer ganzen Nacht ansammelt. Wie meine Fingerspitzen deinen Rücken hochstreicheln und dich zum Schnurren bringen. Dieses sanfte Geräusch ganz hinten in deiner Kehle, das tiefste Zufriedenheit vermittelt. Wie es wäre, dich dann an mich zu ziehen, fest in die Arme zu nehmen, das Kostbarste auf dieser Welt, in meiner Welt, das Wichtigste, ohne daß man sich ein Überleben nicht vorstellen kann und nicht vorstellen will.

Sauerstoff für meinen Geist und meine Seele. Diese leise elektrische Knistern deiner Haare auf dem Kissen. Wie sie sich anfühlen würden im Rhythmus deiner und meiner Atemzüge auf meiner Brust, wie sie mich kitzeln. Auf dich herunterzuschauen, wie du in meinen Armen liegst, eingerollt, und dich dann auf diesen dummen, grübelnden, nervtötenden Kopf küssen. Dir einen „Guten Morgen“ zumurmeln im Halbschlaf und von deiner Stimme zurückgemurmelt zu bekommen. Dein Atem, wie er dabei über meine Haut streicht.

All das in nur einem Moment. Einer einzigen, schwebenden Sekunde. Jetzt und für immer ist das Bild in meinem Kopf.

Und manchmal, wenn ich wieder nicht aufpasse, taucht all das wieder auf in mir. Irgendwo von ganz innen. Wie Blätter, aufgewirbelt vom Boden eines Sees durch Unruhe in den Tiefen. Manchmal ist es der Moment, bevor ich einschlafe. Und dann nehme ich die Erinnerung an dich mit in meine Träume. Die Träume darüber, wie es hätte sein können. Wie es gewesen wäre. Wie es sich angefühlt hätte, doch noch einmal geliebt zu werden.

Dieser Traum darüber, wie der Zug am Bahnhof hält und der Lärm auf den Schienen verstummt und sich die Türen öffnen und die Leute herausdrängeln – und dann, gegen Ende, während schon alle die Treppe runter sind und den Fahrstuhl, steigst du aus. Das kleine Mädchen, das gar keins ist. Mit der irgendwie viel zu riesigen Tasche dabei. Wie du dich umschaust, ein bißchen verwirrt wirkst. Jemanden suchst. Mich suchst. Wie du mich findest und ich langsam auf dich zu gehe und dann vor dir stehe und meine Arme ausbreite und dabei die ganze Zeit grinse wie ein irrer Osterhase auf Speed, weil ich mich so freue. Wie du etwas zögerlich auf mich zukommst und dann lächelst. Dieses eine Lächeln aus deiner Küche. Du mit der Sonne im Rücken unter deinen noch immer grünen und zerwühlten Haaren. Einer dieser Momente, in denen du tatsächlich Du warst. Wie ich dich dann in die Arme nehme und du deine um mich schließst und wie der Rest der Welt sich in diesem Augenblick nur um uns dreht, wie alles andere Leben einfach an uns vorbeiströmt. Als hätten wir aufeinander gewartet und als wäre das alles so vorherbestimmt.

Die Sehnsucht eines Lebens in einem Kuß auf deine Stirn, einem geflüsterten „Schön, daß du endlich da bist.“ In einem einzigen Moment, der niemals kam.

Vielleicht ist es der Moment, in dem ich mich morgens noch einmal umdrehe und dabei unwillig knurre, wenn du dich wieder in einem meiner Träume herumgetrieben hast. Ich lächle dabei, wenn mir diese Bilder durch den Kopf gehen. Auch wenn mein tastender Arm neben mir nichts als Leere findet, wie immer. Es ist die einzige Möglichkeit, die mir verbleibt. Alles andere würde mich töten.

 


Das Beitragsbild heißt „Frozen Time“ und stammt von einer Dame namens Svetlana Sewell. Zu finden ist es hier

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