Auge des Feindes

Jede Woche wiegen, damit er weiß, du nimmst nicht ab. Ach, was für eine liebevolle Reaktion. Was dazu führen wird, daß du in seiner Umgebung – nein, unter seiner Kontrolle – nicht abnehmen wirst. Nicht, daß es bei dir annähernd nötig wäre. Das tust du dann, wenn du wieder allein bist. Dann gibt’s wieder Knäckebrot mit lackdünner Marmelade drauf. Sehr gesunde Sache.

Vielleicht willst du dich auch schneiden, weil er dir das kategorisch verbietet. In der Hoffnung, daß seine Reaktion aus Schlägen und Flecken besteht, um dich in deiner Unwürdigkeit mal wieder so richtig zu bestätigen. Wenn das deine Motivation ist, wird es Zeit, das Einhorn satteln und davonzutraben. Wenn du dich entscheidest, daß für dich zu brauchen, dann ist es gut. Wenn du es als Werkzeug benutzt, um bestraft zu werden, dann ohne mich. Aber eigentlich benutzt du alles und jeden als ein Werkzeug. Unter anderem mich.
Du wunderst dich, daß du dich mies fühlst. Eventuell könnte es damit zu tun haben, daß deine Psyche ein einziges Trümmerfeld voller verdammter Widersprüche ist. Und du räumst nicht etwa auf. Du zuckst die Schultern und sagst: „Ist doch toll hier“.

Dabei kriegst du nicht einmal deine exzessive Besessenheit mit deinem Gewicht in den Griff. Jetzt kontrolliert er wieder was extra. Was ein Teil von dir ja toll findet. Nur ändert es nichts am Basisproblem. Du hast ein gestörtes Verhältnis zu deinem Körper. Du bestehst nicht aus einem, aus zweien, sondern einem Bündel Widersprüchen. Und das macht dich auf Dauer fertig. Du kontrolliert dich nicht selbst, du überwachst dich mit paranoidem Wahnsinn. Vom Fitnessarmband bis zum „unbedingt Sport machen“, kaum das du mal vierhundert Kilokalorien drin hast. Sieben Kilometer um den See laufen, aber dabei nicht einen Moment entspannt sein. Wir hatten mal über diesen meditativen Punkt gesprochen beim Laufen. Oder Radfahren. Du kennst ihn nicht, sagtest du mir damals. Du kennst ihn noch immer nicht, glaube ich.

Statt um einen See zu spazieren und die Umgebung zu fühlen, nimmst du nichts wahr außer dem Ticken eine Uhr in deinem Kopf, denn Arbeit ist Leistung durch Zeit, wie mein Physiklehrer immer sagte. Du kannst dich nicht fallen lassen, weil in deinem Innern nichts ist – und auch niemand – der dich auffängt. Du traust niemandem weit genug, um das zu tun. Du exerzierst Selbstkontrolle mit fanatischer Akribie und hast in Wirklichkeit gar keine. Denn Selbstdisziplin ist gar nicht allgegenwärtig. Beim Stück Kuchen am Seeufer an einem schönen Sonnentag hält die Selbstdisziplin einfach mal gepflegt die Fresse. Ansonsten ist sie Selbstzerstörung. Es hilft auch nicht, wenn jemand anders auf die Idee mit dem Kuchen kommt. Du selbst müßtest das tun.

Deinem Innern fehlt jede echte Stabilität. Denn dazu müßtest du mal wissen, warum du weinst. Ich denke, ich kenne den Grund. Du weinst, weil dir im Innern etwas zutiefst weh tut. Diese Narben und Kratzer und eiternden Wunden auf deiner Seele, die du mit Kontrolle für immer ignorieren möchtest. Dir einreden, das die Dinge in deinem Geist nichts zu bedeuten haben. Aber du brauchst immer noch Heilung. Ich habe dir schon einmal gesagt, wie dieser Kampf in dir ausgehen wird, wenn du so weitermachst. Das ist ein gutes Jahr her. Und nichts hat sich daran geändert. Nichts ist besser geworden. Im Gegenteil.

Du suchst nach Ankern und Rettungsringen, aber du schlägst gleichzeitig verzweifelt um dich und treibst hilflos in der Strömung. Du müßtest jemandem haben, dem du so viel anvertrauen kannst, wie du noch niemandem anvertraut hast. Du mußt dringend lernen, dir selber zuzuhören. Aber das tust du nicht. Du verdrängst Symptome mit Hilfe deines Kontrollwahns und wo das nicht genügt, nutzt du den Kontrollwahn von ihm. Du müßtest lernen, echte Liebe zu erkennen und anzunehmen. Denn auch das kannst du nicht. Du kennst es nicht. Du isolierst dich von allem Gefühl und verlierst so jede Möglichkeit, Gefühl für dich selbst zu entwickeln. Und wenn dein eingesperrtes Ich in dir anfängt zu kreischen, dann fesselst und knebelst du es.

Wenn man an einer Maschine alle Sicherheitsventile blockiert, ist die Katastrophe unvermeidlich. Du brauchst jemanden. „Brauchen“ bedeutet, vertrauen zu müssen. Also suchst du immer nur jemanden, den du benutzen kannst. Sogar vor dir selbst machst du nicht Halt. In von Ehrgeiz zerfressener Selbstoptimierung versuchst du dich krampfhaft von deinem Selbstwert zu überzeugen – und bist doch gleichzeitig sicher, daß du gar keinen hast. Gar keinen haben kannst. Denn Selbstwert bedeutet auch, über sich selbst zu bestimmen. Nicht etwa, jegliche Selbstbestimmung aufzugeben. Auch der selbstgewählte Käfig macht dich zur Gefangenen. Das Weiße im Auge des Feindes zu erkennen, dafür genügt sehr oft ein einfacher Spiegel.

 


Das Beitragsbild ist von Bianca Mentil und wieder einmal dient das Dark Beauty Magazine als Quelle.

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