Die Einhorn-Dialoge: Resignation

„Los, sag es ihr. Sag ihr irgendwas“, sagt das Einhorn.

„Was soll ich sagen?“, entgegne ich entnervt, weil das Fabeltier schon wieder neben mir auf dem Sofa hockt und rumglitzert.

„Das du sie vermißt. Denn du tust es. Du bist wieder so unfröhlich die letzte Zeit. Sag ihr, daß sie dir fehlt.“

„Das habe ich schon hundertmal gemacht. Und es geht ihr am Arsch vorbei. Sie sagt nie was. Sie verschickt Bilder von fiependen Mülltonnen aus Star Wars. Oder Lieder, bei denen ich im Text wieder was Tiefsinniges finden soll.“

„Ist doch ’ne gute Beschreibung von ihr, der Text.“

„Super. Ich spiel halt mir dir und du verlierst und jetzt bin ich traurig, weil du nicht mehr da bist und deswegen und darum mußt du jetzt was sagen. So etwa singt sich der Typ da einen ab.“

„Sie kann’s halt nicht besser.“

„Ist mir scheißegal. Dann sollte sie’s mal endlich lernen. Wenn ihr Sklavenherr ihr was beibringt, ist sie ja auch lernfähig. Und reibt es mir dann voller Stolz unter die Nase. Diese Frau ist emotional scheiße.“

„Irgendwie bist du ziemlich negativ drauf“, sagt das Einhorn. Es pupst entrüstet ins Sofapolster. Alles riecht plötzlich nach Zuckerwatte.
„Du weißt schon, daß du sie liebst?“

„Nein. Tue ich nicht. Ich habe mir das eingebildet. Wie kann ich jemanden lieben, der niemals da ist? Der nie da sein wird? Und der mich mit völliger Gleichgültigkeit benutzt?“

„Sie hat versprochen, dich mal zu besuchen.“

„Sie hat so vieles versprochen. Und nichts davon gehalten. Oder die Absicht gehabt. Sie wäre ein prima Politiker. Sie ist diesem Kerl hörig. Die kommt niemals aus freien Stücken zu uns. Die fragt ihr Herrchen um Erlaubnis. Du solltest das endlich begreifen, altes Fabeltier“, sage ich und kraule das Einhorn hinter den Ohren. Es ist sehr flauschig.

„Aber du bist nicht derselbe ohne sie.“

„Nein. Bin ich nicht. Ist man nie, wenn man jemanden verliert. Aber das singt der Typ da ja auch. Ich verliere ohnehin immer. Außerdem habe ich sie ja nie gehabt.“

„Du hast ihr vertraut.“

„Ja. Weiß ich. War ein Fehler. Die lachen sich doch beie kaputt über mich. Sie vertraut auch niemandem. Kann sie gar nicht. Sie ist eine bekloppte Mißbrauchs-Hype-Tussi.“

„Aber sie ist eigentlich so viel mehr.“

„Ach, Einhorn“, sage ich verzweifelt.
„Das weiß ich doch. Darum bin ich ja so traurig über diese ganze Scheiße. Aber sie will sich nicht mögen. Schon gar nicht alleine. Sie möchte, daß ihr jemand einen Plan zeichnet, um durch das Chaos in ihrem Innern durchzufinden. Und fünf Minuten später behauptet sie, alles sei in schönster Ordnung.“

„Sie ist leer und blaß ohne dich. Hat sie gesagt.“

„Stimmt. Und ich habe mich gefreut. Ich glaube, daß war zehn Minuten, bevor sie mir mit dieser Piercing-Scheiße wieder eins in die Fresse geschlagen hat.“

„Sie findet das halt toll.“

„Sie verlagert ihre Selbstverletzung auf ein anderes Gebiet. Wie beim Ficken auch. Sonst nichts. Sie hat einen so schönen Körper und gibt sich die größte Mühe, ihn möglichst schnell zu verunstalten. Während sie sich gleichzeitig die Seele aus dem Hals hungert, um gut auszusehen. Du bist ein Einhorn. Ich dachte, Einhörner kennen sich mit solchem psycho-Mist aus?“

„Ja. Klar tun wir das. Man kann kein Einhorn sein, ohne das zu können. Aber sie hat dich lieb. Das hat sie auch oft genug gesagt.“

„Hat sie nicht. Sie verschickt Emojis in WhatsApp. Wieviel echtes Gefühl braucht es für so etwas? Und in siebzehn Monaten hat es für ein „Ich liebe dich“ nie gelangt. Überhaupt kann ich ihre echt persönlichen Aussagen in einer Streichholzschachtel unterbringen. Ich war zuerst da. Und sie hat uns nicht mal gesagt, daß sie diesen Typen kennengelernt hat letztes Jahr. Mein Geburtstag ist ihr Jahrestag. Super. Hurra. Weißt du eigentlich, wie beschissen weh dieser Satz getan hat?“

„Klar weiß ich das. Wie sollte ich nicht?“, sagt das Fabeltier, schaut mich mit einem seltsamen Seitenblick an und zieht die Augenbraue hoch. „Immerhin bin ich Du, schon vergessen? Aber sie hat es auch gesagt. Manchmal. Am Telefon.“

„Jaaaa. Schon. Aber ich weiß längst nicht mehr, wann sie etwas aus reiner Berechnung sagt, wann sie lügt, um mir weh zu tun und wann es wahr ist. Sie hat es in zehn Tagen nicht hinbekommen, mal einen oder zwei Sätze zu schreiben. Also, irgendwas mit Substanz.“

„Ich glaube, sie weiß selbst nicht, wann sie was sagt und warum“, sagt das Einhorn und glitzert mich an. „Ich sehe nur, daß sie dir fehlt. Du solltest ihr was Nettes sagen.“

„Warum? Um einen weiteren Zyklus aus meistens belanglosen Gesprächen ihrerseits zu starten, der unweigerlich mit meiner Demütigung endet?“

„Du bedeutest ihr etwas. Eine Menge sogar.“

„Sie hat dich in die Twilight-Zone abgeschoben. Erinnerst du dich? Und mich mit. Und sie erwartet auch noch, daß wir da ewig hocken bleiben und uns drüber freuen. Sie hat doch jetzt schon wieder Pläne, die bis ans Jahresende reichen. Sie erzählt sie ja immer voller Begeisterung. Und in keinem davon kommen wir vor.“

„Sie wird die Stille in ihrem Innern nicht ertragen können ohne dich. Zumindest glaube ich das.“

„Ach, Einhorn. Ich weiß doch, wie es in ihr aussieht. Ich habe da gewohnt. Für eine Weile jedenfalls. Aber eigentlich sind wir für sie doch völlig egal. Nebensächlich.“

„Sie hat dich nicht gut behandelt“, sagt das Einhorn, greift in seine Mähne und zieht einen gigantischen Glitzer-Joint hervor.
„Und deswegen bist du wütend, enttäuscht und angeätzt. Hier, zünd das Ding mal an.“

Einhörner können nämlich keine Feuerzeuge bedienen. Die Hufe sind im Weg. Also zünde ich das Ding an, inhaliere den rosa Rauch und natürlich zerreißt es mich fast sofort. Ich bin das einfach nicht mehr gewöhnt.

„Weißt du, daß sie eine große Lücke hinterlassen hat?“ fragt das Fabeltier und tippt mir an die Stirn und an die Brust, während ich Tränen huste. „Überall da drin sind jetzt dunkle Stellen.“

„Das macht nichts. Außer dir wird das nie jemand sehen. Ich bin allein und ich werde es bleiben. Es war nie anders.“

„Du bist echt voll negativ“, sagt das Einhorn mißbilligend, pupst noch einmal nachdrücklich ins Polster und nimmt einen fetten Zug von der Glitzertüte. „Na ja, wir quatschen morgen noch mal drüber. Jetzt ist erstmal Wochenende.“

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