Unglaubwürdig

Du beschwerst dich, du wärst allein.
Kaum einen Tag zu Hause, kommt Herrchen wieder vorbei und fragt, ob er übernachten kann. Sagst du zumindest. Als hättest du auch nur eine Sekunde drüber nachgedacht, da Nein zu sagen. Und wie alleine kann jemand sein, dessen Aufenthaltsort jederzeit abrufbereit liegt?
Du rufst mich an und redest in den ersten paar Minuten nur über ihn. Irgendwelche Probleme, die du offiziell hast. Erzählst mir Geschichten, die sich nur um ihn drehen. Spichst darüber, wann du wieder nach Berlin fährst. Weder über dich oder mich. Über uns schon gar nicht, denn da ist keins. Uns gab es nie.

Vor einer Weile hat mich diese betrunkene Frau angerufen. Aus dieser Wohnung in Berlin. Sie hat schnell gesprochen. Gehetzt. Direkt. Denn sie war einen Moment alleine. Wie sehr sie mich braucht, sagte sie. Wie sehr sie das zu schätzen weiß, daß ich für sie da bin und auch noch andere Dinge. Quasi lauter „gefühlige“ Dinge. Mit tiefer Bitterkeit wird mir klar, daß das, was diese betrunkene Frau neulich zu mir am Telefon sagte, etwas ist, das diese andere Frau sich wünscht, irgendwo in ihrem Innern. Diese andere, die mich gerade wieder als akustischen Lückenfüller benutzt, während sie in ihrer Küche werkelt, sich aber nicht mit mir unterhält. Du hast nicht einmal den Anstand, mir deine Aufmerksamkeit zu widmen. Und du registrierst nicht eine Sekunde lang, wie sehr mich das verletzt. Das hast du nie. Ich habe es dir erst hundertmal gesagt.

Wenn du bei ihm bist, benutzt du das verdammte Smartphone nicht. Weil das unhöflich ist, sagst du. Weil das Wochenende ohnehin zu kurz ist, knallst du mir an den Kopf. Dabei beginnen deine Wochenenden inzwischen manchmal schon am Mittwoch.

Was sie sich wünscht, diese unempathische Tussi in der Küche, ist egal. Vielleicht spricht die Frau mit dem Wein das aus, was sie will. Doch die Frau in der Küche würde vorher ihren Sklavenherrn um Erlaubnis fragen, ob sie mich besuchen darf. Sie würde ihr Smartphone mitschleppen mit der Kontroll-App drauf, mit der ihr Aufenthaltsort jederzeit festgestellt werden kann. Sie würde ihm die täglichen Bilder schicken. Vereinbarte vertragliche Leistungen.

In Wahrheit bist du niemals allein. Du willst es nicht sein. Das ist genau der Grund, warum du es immer sein wirst. Ich will aber nicht besucht werden von jemandem, der gerade frei bekommen hat vom Sklavin sein. Schon der Gedanke daran stößt mir auf und mich ab. Die Leine kann noch so lang sein, sie bleibt am Kragen um deinen Hals befestigt.

Ich möchte besucht werden von jemandem, der das will. Der zu mir will. Aus freier Entscheidung heraus. Von jemandem, dessen Aufenthalt nicht nachvollziehbar ist. Würdest du mich besuchen, ohne eine Erlaubnis und ohne das verdammte Telefon? Und was sollte dann passieren? Erwartest du ernsthaft, daß du tagelang real vor mir herumtanzen kannst, ohne daß exakt die Dinge passieren, die ich schon mehrfach klar genannt habe? Glaubst du ernsthaft, ich ließe mich einfach so weiter provozieren, ohne daß wir, undiplomatisch gesagt, ficken wie die Eichhörnchen?

In Wirklichkeit erwartest du nichts in der Art. All diese Bemerkungen waren nur wieder hingeworfene Brocken. Mehr Brotkrumen auf dem Weg, denen ich folgen soll. Szenen für mein Kopfkino. Aber du hast mein Lächeln nicht gesehen am Telefon, als du mir das gesagt hast. Es war nicht freudig. Ich habe nicht eine Sekunde daran geglaubt, daß du tatsächlich in einen Zug steigen wirst, um mich zu besuchen. Alles, was du willst, ist, mich bei der Stange zu halten.

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