Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.

Du bist zufrieden und weißt nicht, woher diese Anfälle wieder kommen. Zumindest sagst du das. Doch schon am Abend zuvor hast du zwei Stunden lang in der Wanne gelegen. Im Warmen. Alleine in der Wohnung des Mannes, von dem du weiterhin glauben willst, daß er dich liebt. Immer wieder drängen Dinge in dir nach oben. Wie aufsteigende Gasblasen im Sumpf, die an der Oberfläche platzen und dein Inneres mit Gestank verseuchen.
Eine Andeutung der Einsamkeit, die ich dir immer vorhergesagt hatte. Leere Menschen leben leere Leben.
Du kannst nicht damit umgehen, mit dem alleine zu sein, was du bist. Wer du bist.
In deiner brillanten Intelligenz bist du ebenso analytisch und grüblerisch veranlagt wie ich. Du denkst nach über Dinge. Alle Dinge. Aber eigentlich willst du das nicht. Denn die Dinge in deinem Kopf sind oft gruselig. Häßlich. Unerwünscht. Also verdrängst du sie komplett. Aber Drachen sind geduldig.

Du pflegst mal wieder exzessiv deinen Gewichtsfetischismus. Dein Supermann reagiert damit, dich einmal die Woche zum Wiegen zu verpflichten. Wieder einmal kümmert er sich nur um dein Äußeres. Ich sagte einmal zu dir: „Ich sehe dich.“
Und du wußtest exakt, was ich damit meine. Er sieht dich nicht. Supermann ist blind. Dieser Mann kann dich ansehen, aber erkennen kann er dich nicht.
Ich kann dich nicht ansehen, denn du bist nie bei mir. Du willst mich in letzter Zeit nicht mehr sehen lassen. Mehr und mehr ziehst du eine Schicht aus Gefühllosigkeit zwischen uns hoch. Hältst Abstand, als wäre ich in irgendeiner Form gefährlich. Ölfilme auf emotionalem Sumpfwasser. Aber ich erkenne dich. Ich sehe dich tatsächlich. Ich kann dich fühlen.

Am nächsten Tag kommst du über ein „Guten Morgen“ nicht hinaus. Dann gehst du Duschen, in dem Moment, in dem ich dich gerne noch bei mir hätte. Zehn Minuten hätten genügt. Aber du spürst es nicht. Verdrängst es. Oder ignorierst es bewußt. Alles, was ich dir an Gefühlen als Strauß auf den Tisch lege, verwelt unbeachtet. Du schweigst den ganzen restlichen Tag. Selbst dann, als ich noch einmal nachfrage.

Du bist wieder verschwunden in diesem Traum von dir, in dem du von einem empathielosen Sadisten Liebe erwartest. Aber du kennst gar keine Liebe. Nur Besitzansprüche um des Besitzes Willen. Einen Moment lang dachte ich wieder, ich könnte dir wirklich etwas bedeuten. Mehr sein für dich als alle anderen Menschen auf dieser Welt. Oder fast alle anderen. Die wenigen echten Menschen, die es so gibt. Aber Nein. Wieder habe ich mich täuschen lassen. Mein Traum von dir ist ebenso irreal wie dein eigener.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s