Geist und Fleisch

Seit vorletzter Woche überlege ich jeden Tag, ob ich dir dieses verdammte Bild schicken soll. Audrey Hepburn für die Wand, mit einer Szene aus „Breakfast at Tiffany’s“.
Eigentlich will ich es, seitdem ich es das erste Mal gesehen habe. Es ist wie Du. Nur wollte ich dich, seitdem ich dich das erste Mal gehört habe. Seitdem du wie beiläufig erwähnt hast, daß Du deine Gedanken wieder öfter um Selbstmord kreisen läßt in deinem Kopf, mache ich mir darüber Sorgen. Jeden Tag fällt mir dieser Satz ein. Aber warum mache ich mir immer noch Sorgen?
Ständig stolpere ich über Dinge, bei denen ich an dich denken muß.

Du hast keinen Platz für mich und willst das auch nicht. Du beklagst dich über fehlendes Gefühl und einen Mangel an Empathie. Aber wenn ich dir meine schenken will oder dir meine Gefühle entgegenhalte, willst du davon nichts wissen.

Noch immer sagst Du nichts. Du redest mit mir, aber Du sagst nichts. Über alltägliche Dinge kommen wir nicht hinaus. Und wenn doch mal irgendwas mit deiner Gefühlswelt vorkommt, ist es unmittelbar mit seinem Namen verbunden. Ich kann diesen Mist nicht mehr ertragen. Aber mit ihm sprichst du ja auch nicht. Wenn dir gesagt wirst, du solltest ihm jetzt mal vertrauen, dann tust Du das. Du folgst den Anweisungen deines Herrn. Ich bin es, der deinen Frust über dich hinterher wieder abkriegt.

Ich wage es nicht mehr, dir gegenüber zu offen zu sein, zu ehrlich. Denn du wirst das wieder benutzen gegen mich, ich weiß es genau. Ich will nicht nur über deine verdammten Studienprobleme reden. Warum sollte ich das wollen? Du nennst deinen Sklavenhalter deinen Freund. Soll er sich drum kümmern. So läuft das nämlich in echten Beziehungen. Man teilt alle Dinge. Er teilt dich höchstens mit anderen Männern.

Inzwischen fährst Du schon mittwochs nach Berlin. Nicht mehr am Donnerstag. Oder er kommt schon mittwochs zu dir. „Ich kann ihn jederzeit verlassen.“
Das sagtest du mal. Und noch immer scheinst du das ernsthaft zu glauben. Du bist die Eintagsfliege, die der Spinne ins Bein beißen will und sich schwört, jederzeit aus dem Netz wieder rauszukommen. Immer mehr Zeit verbringst du mit deinem Eigentümer. Bald wird das Semester wieder vorbei sein. Die Zeit ist schon verplant. Selbst das Jahresende ist bereits geplant. Ich komme in all diesen Aktivitäten nicht vor.
Er plant Urlaub. Mit dir dabei. In drei Jahren. Natürlich ohne dich vorher zu fragen. Jede Frau mit einem Rest Selbstachtung würde den Typen fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Er weiß ganz genau, daß er dich beherrscht. Du protestierst nicht. Es ist doch nur noch eine Frage der Zeit, bis Du zu ihm ziehen wirst.

Das hättest du mir dann irgendwann mitgeteilt, ganz beiläufig. Und hinzugefügt, es hätte nichts mit mir zu tun. So wie dieses widerwärtige Bild, das du mir schickst. Dein gesamter Prachthintern ist ein einziges, tief violettes Hämatom. Als du sagst, es wäre nicht einmal dein Sklavenherr gewesen, sondern nur so ein Typ, an den er dich verliehen hatte, fühle ich in mir etwas zerbrechen. Als du noch hinzufügst, du hättest dabei geweint, weil er nicht mit dabei war, kapituliere ich. Keinen Selbstwert zu haben, ist schlimm genug. Keine Selbstachtung zu haben und haben zu wollen, ist das Abstoßendste, das ich jemals erlebt habe.

Ein anderes Bild in meinem Kopf. Etwa ein Jahr muß das jetzt her sein. Du an Haken aufgehängt, wie ein Stück Fleisch in der Kühlhalle. Verbundene Augen. Striemen auf deiner Haut.  Der Blick dieses Mannes hinter dir, seine Hand nach deiner Taille greifend. So hat Doktor Mengele ausgesehen auf alten Fotos. Und es war nicht zuviel Liebe, die man ihm später vorwarf.

Du hast dich an mich gewöhnt. Ich bin eine Selbstverständlichkeit. Du brauchst mich nicht. Für gar nichts. Schon gar nicht für das, was ich von dir will. Du erwartest Verfügbarkeit von mir, so wie andere Verfügbarkeit von dir erwarten. Noch immer traust Du dich nicht, mir zu vertrauen. Längst glaubst du, ich würde aus irgendeinem obskuren Grund für immer mit dir bleiben.
Dabei war ich nur ausnehmend geduldig. Ich habe alles erduldet, was du mir an beiläufigen, ätzendem Zynismus entgegengeworfen hast. Immer wieder. Immer wieder auch deine Versicherungen, mich nicht verletzen zu wollen. Immer wieder deine Verletzungen.

„Das hat alles nichts mit dir zu tun.“
Allein dieser Satz zeigt mir, wie unendlich fern du von jedem bißchen Menschlichkeit bist. Ich bin so todtraurig, daß ich nicht einmal mehr Verachtung für dich empfinden kann. Dazu müßtest du ein Mensch sein. Ich bin des Wartens müde. Ich habe getan, was ich konnte. Für Dich. Diese Frau da irgendwo hinter der Fassade, die Du mir zeigst. Irgendwo hinter diesem aufgesetzten Lächeln auf deinen Bildern. Aber deine Augen lächeln nicht mit. Genau so, wie du nicht mir reden kannst, ohne nach fünf Minuten seinen Namen ins Spiel zu bringen, sind deine Gedanken auf diesen Bildern irgendwo. Nur nicht bei mir. Gegenstände denken halt nicht.

 


Das Beitragsbild trägt keinen Titel, ist aber trotzdem von Anjelica Hyde. Der Name des Models ist Isobela Lugosi und zu finden ist das Ganze mal wieder über das Dark Beauty Magazine.

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