Unperson

Ich weiß noch immer nicht, ob du all das extra machst. Ich habe es nie wirklich herausgefunden.
Du erzählst etwas von Herzrasen und Schwindel. Ich will es nicht, aber mache mir in diesem Moment schon wieder einmal Sorgen um dich. Schließlich sprechen diese Anzeichen nicht für einen ausgewogenen Gesundheitszustand. Ich habe mir so oft Sorgen um dich gemacht.

Etwas später stellt sich heraus, daß du mit einer Blasenentzündung rumläufst. Erst ganz nebenher erfahre ich dann die Geschichte dazu von dir. Herrchen hatte dich angewiesen, dich auf dem Golfplatz mal nackt auszuziehen, auf dem Rasen stehenzubleiben und die Klappe zu halten. Morgens um Sechs ist das eine kühle Angelegenheit. Unterwäsche trägst du ja ohnehin nicht auf seine Anweisung hin. Irgendwann, ganz zu Beginn, hattest du mir gesagt, daß du keine tragen würdest im Sommer.

Aber ich weiß längst nicht mehr, welche Aussagen von dir den Anweisungen deiner Sklavenhalter entspringen, welche deinen Wunschträumen und welche schlicht und einfach gelogen sind, weil du glaubst, dein Gegenüber möchte jetzt gerade genau das hören.

„Ein Golfplatz ist öffentliches Gelände“, sage ich.
„Ach, da ist morgens niemand“, sagst du mit fröhlicher Beiläufigkeit.

Von mir wolltest du dich in der Öffentlichkeit nicht einmal küssen lassen. Das wäre mit einer Art offiziellem Gefühlsbekenntnis verbunden. Auch der Gedanke an Sex in der Öffentlichkeit war dir nicht geheuer. Ich bin mir sicher, wenn es dir nur befohlen wird, wären all diese Dinge nicht das geringste Hindernis für dich. Gehorsames Sexmaschinchen, das du bist, würdest du jeden Wunsch erfüllen, klaglos funktionierend.

Das Ausmaß deiner Versklavung war mir nie so bewußt wie bei diesen Sätzen. Stundenlang gehst du nicht aufs Klo, weil er es dir befiehlt. Genau wie diese Geschichte mit dem völlig Fremden, an den du verliehen wirst und der dich grün und blau schlägt, erfahre ich das alles nebenbei. Beiläufig hingeworfene Schrapnelle, die mich jedesmal zerfetzen.

Ich habe dich am Anfang von allem immer zum Trinken angehalten, da du ständig über Kopf- und Nierenschmerzen lamentiert hast. Bei einem halben Liter pro Tag wenig verwunderlich.
Von ihm läßt du dich aus der Ferne ein- und ausschalten, zu seiner Erbauung. Das diese Dinge womöglich wenig gesundheitsfördernd sind, berührt dich nicht. Ich habe mir Sorgen gemacht um eine Maschine, die Menschsein simuliert.

Ich sehe ihn förmlich lachen, diesen Mann. Falls man jemanden mit einer derartigen Persönlichkeitsstörung so nennen kann. Wie die Augen deines armseligen Sklavenwürstchens diesen amüsierten Gesichtsausdruck annehmen, wenn du ihm jeden Abend deine Bilder schickst. Die Freude eines Insektenforshcers, der gerade ein besonders interessantes Exemplar auf die Nadel spießt. Dieses widerwärtige Lächeln im Mundwinkel auf diesem einen Bild. Kalt wie Eis auf dem Mars. Bar jeglichen Gefühls. Wie es förmlich Besitzgier ausstrahlt, während seine Hände nach deinem Körper greifen.

Hätte ich dich einfach benutzen sollen? Dich anschließend einfach wieder fortwerfen?
Wie unfaßbar tief die Widerhaken deiner Gegenwart in meinem Kopf sitzen. Ich arbeite mich langsam vor, von einem Neuron zum anderen, und lösche dich aus. Löse deinen parasitären Griff aus meinem Geist. Doch die Bilder sitzen tief. Wie er dich fickt, in deiner wunderbaren neuen Wohnung, während der völlig bescheuerte Stoffhund zusieht von seinem staubigen Platz auf dem Schrank aus. Bald wirst du ihn verkaufen.

Vielleicht hätte ich einfach alles tun sollen mit dir, was wir im Vorfeld schon geklärt hatten. Aber das ging ja nicht. Die Möchtegern-Nymphomanin hatte nichts drauf. Das Ausmaß deiner Unerfahrenheit war rührend. Es wäre möcglich gewesen. Ich erinnere mich, dir zwei Mal eine Anweisung erteilt zu haben. Du hast sie anstandslos befolgt. Aber selbst nach dem zu greifen, was du in dem Moment brauchtest und wolltest? Oder es wenigstens sagen? Das kannst du nicht.
Vielleicht hätte ich danach einfach nach Hause fahren sollen, mit dem gleichen kalten, selbstzufriedenen Lächeln auf meinen Lippen. Ich hätte dir Dinge nur befehlen müssen.
Doch das habe ich nicht getan. Ich wollte es nicht. Ich war nicht in der Lage, dich zu entmenschlichen. Psychopathische Massenmörder tun solche Dinge. Alles, was ich wollte, war, dich zu lieben. Doch das wolltest du nicht. Du kannst nicht lieben. Du hast nicht einmal genug Liebe, um dir selbst etwas wert zu sein. Was sollte da für andere übrigbleiben?
Du kriegst es nicht einmal hin, auf deine Katze oder deinen Hamster aufzupassen. Wie konnte ich jemals annehmen, daß du auf dich aufpassen kannst? Du willst es nicht einmal.

Ich beginne, jede Sekunde zu hassen, in der ich dachte, dir sei etwas an echtem Gefühl gelegen. Während ein Arschloch dich kaputt schlägt, hast du geweint, sagst du. Weil dein Sklavenhalter nicht dabei war, um dem Schauspiel beizuwohnen. Du fühltest dich ungeliebt, weil niemand Zeuge deiner Demütigung war. Irgendwann wird dir einer die Knochen brechen. Und ich habe das Schneiden am Anfang für furchtbar gehalten.
„Nichts, was ich sage, wäre für dich richtig“, sagst du mir. Fast klingt es beleidigt darüber, daß ich wieder einmal zutiefst erschüttert bin und abgestoßen. Dabei sollst du nichts Richtiges sagen. Ich bin nicht dein lächerlicher Sklavenherr. Ich bin echt. Du sollst mit mir reden. Aus dir selbst heraus. Doch du sagst gar nichts. Du hast nie etwas gesagt. Alles wirklich Wichtige hast du mir immer verschwiegen.

„Bei Sonnenaufgang gehört jeder wieder sich selbst“, hast du einmal geschrieben. Aber das war gelogen. Du willst dir gar nicht gehören, denn du fürchtest deine Leere. Du suchst keine Liebe. Du willst bestraft werden dafür, daß es dich überhaupt gibt. Und diese Aufgabe bürdest du auch noch anderen auf.
Du fühlst dich nicht nur so, als existiertest du nicht. Du tust es tatsächlich nicht. Ein Teil von mir möchte schreien vor Schmerz über dich. Für dich. Aber es ist nutzlos. Du würdest nichts hören. Nichts verstehen. Ich habe dich niemals wirklich erreicht. Nie berührt. Du warst nur Nebel in meinem Kopf.

 


Das Beitragsbild ist von Christian Hopkins Photography und trägt den Titel „Retrospective“. Es ist hier auf Facebook zu finden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s