Ich schicke dich fort

Dieses Känguruh. Dieses verdammte, beschissene Känguruh auf meiner Box im Wohnzimmer. Dieses flauschige kleine Stofftier, das Du mir geschenkt hast. Zum Geburtstag.
Du hast noch extra stundenlang auf deinem Smartphone rumgedaddelt, um Amazon meine Lieferadresse beizubiegen. Und den Prime-Service zu nutzen. Du hast dir ein digitales Bein ausgerissen, um mir dieses blöde Stoffvieh rechtzeitig an meinem Geburtstag zukommen zu lassen.

Du hast am anderen Ende von whatsapp gewartet, bis es bei mir an der Tür geklingelt hat. Du hast mir vorher nicht verraten, was es war, das du da zu mir schickst.
Und es war süß. Ich war so bescheuert und habe mich aufgenommen, wie ich laut sage: „Es ist sooooooooo flauschig!“
Ich war in diesem einen Moment wirklich sehr glücklich. Ein schönes Geschenk. Ein liebevolles Geschenk sogar. Für mich war dieses Känguruh aus flauschiger Kunstfaser ein Zeichen von Hoffnung. Hoffnung auf dich. Darauf, daß du mich doch bald mal besuchen würdest. Das endlich der Tag kommen würde, den ich so sehr herbeisehnte.

Jetzt ist es nur noch ein Zeichen der Verzweiflung. Der Hoffnungslosigkeit. Ich höre deine Stimme. In genau diesem Tonfall, den du einmal auf Skype benutzt hast, als du mir gerade beschrieben hattest, wie dein toller neuer Besitzer dir im Treppenhaus den Vibrator reingeschoben hat, den ihr vorher gekauft hattet. Ich sagte, du solltest damit aufhören, denn das würde mich schon wieder geil machen. Du sagtest nur: „Das ist ja wohl dein Problem.“
In genau diesem Ton lacht das verdammte Känguruh mich jetzt jedes Mal aus, wenn ich es da stehen sehe in meinem Wohnzimmer. Jetzt denke ich jedesmal daran, wie du meinen Geburtstag vergessen hast. Und dann hinterher sagtest: „Warum hast du auch an unserem Jahrestag Geburtstag.“
Es sollte wohl eine Entschuldigung sein. Etwas Lustiges. Nur war es das nicht. Denn es bedeutet, daß du schon vor einem Jahr mit deinem Sklavenhalter zugange warst. Während ich mit dir diskutierte, daß du mich endlich mal besuchen solltest.

Etwas Schönes hat sich in etwas aus einem widerlichen Albtraum verwandelt. Es erinnert mich an dieses Versprechen aus Schönheit und Hoffnung, das niemals erfüllt wurde und das du auch nie erfüllen wolltest. Es ist wie die Bilder von dir, die nicht mehr auf meiner Festplatte liegen. Ich habe es noch nicht über mich gebracht, sie zu löschen. Irgendwann. Eines Tages. Aber noch nicht jetzt. Ich kann nicht. Ich werde diese Bücher dazupacken. Ich kann sie nicht lesen. Ich würde bei jeder Zeile an dich denken. Ich würde an dich denken, wenn ich sie nur in meinem Regal sehe. Jedes Mal. Ich schaffe das nicht.

Ich werde dieses Parfum dazupacken. Dieses Parfum, das ich kaufte, als es auf Silvester zuging und du mich das erste Mal nicht besucht hast. Stattdessen warst du bei deiner Schwester. Dieses Parfum, von dem du mir so vorgeschwärmt hattest und von dem ich unbedingt wissen wollte, wie es auf dir riecht. Mit dem ich dich herlocken wollte, im Januar vielleicht. Dich endlich einmal bei mir zu haben. Dort, wo du hingehörst.
Es ist noch immer in seine Plastikfolie gewickelt, als ich es in das Päckchen lege. Hoffentlich riecht niemals wieder eine Frau in meiner Nähe nach diesem Duft. Ich könnte es nicht ertragen. Ich kann so viele Dinge nicht mehr ertragen ohne dich. Wie Mehltau liegst du über jeder kleinen Freude in meinem Alltag. Ich werde monatelang daran denken, wie du mit diesem Parfum für jemand anderen gut riechst.

Jetzt jährt sich mein Geburtstag wieder einmal. Es gab zwei Silvester ohne dich. Aus dem einen Geburtstag ohne dich sind zwei geworden. Nichts von dem, was du jemals gesagt hast, war real. Alles nur dazu gedacht, mich bei der Stange zu halten, weil ich irgendwie nützlich war für dich. Ich habe mich benutzen lassen aus dem simplen Gefühl heraus, dich zu lieben. Aber da ist nichts. Du bist wie dieses Päckchen, das vor mir liegt. Leere, die so für sich zwecklos ist. Bis jemand es benutzt. Aber ich wollte dich nie benutzen. Das hast du niemals verstanden. Du bist der abstoßendste anziehende Mensch, dem ich jemals begegnet bin.

Es ist wie eine Grabbeigabe, als ich das Päckchen verschließe. Vielleicht kann es die Dunkelheit in mir mitnehmen. Die gehört auch dir. Und irgendwo in mir wünscht sich Etwas, daß sie dich lange begleiten möge.

 


Die Einhorntexte sind chronologisch tendentiell chaotisch, nicht vergessen. Das Fabeltier hat im April Geburtstag und von da datiert auch der Text 😉

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