Die Einhorn-Dialoge: Kurt-Cobain-Horn

„Schick es ihr nicht“, sage ich zum Einhorn und blicke kurz von meiner Aufmunterungslektüre auf.

„Warum nicht?“ fragt das Fabeltier und zuckt dabei schuldbewußt zusammen. Denn eigentlich hat es in meinem Facebook-Account nichts verloren. Andererseits ist es etwas schwierig, das Passwort vor ihm geheim zu halten.

„Weil sie das dann sieht. Und womöglich drauf antwortet.“

„Sie wäre aber total neidisch. Ach was, ausrasten würde sie.“

„Sie würde vermutlich sagen: ‚Ich hasse dich.‘ „Und womöglich…“ – für einen Moment halte ich inne, von der Vorstellung schmerzhaft berührt – „…womöglich würde sie lächeln und sich freuen.“

„Ja. Wäre das nicht toll?“, antwortet das Einhorn und sieht mich an. Es sieht etwas zersaust aus in den letzten Wochen.. Immer wieder erleidet es Traueranfälle, die dann von manischen Episoden abgelöst werden.

„Nein. Wäre es nicht. Du willst nur einen Aufhänger haben, um was zu ihr zu sagen. Laß das!“

„Aber…“ sagt das Fabeltier und senkt seinen Kopf trübselig zu Boden…“aber irgendwie ist die Welt ohne sie..“

„…anders. Aber insgesamt ist sie eigentlich genau so, wie sie mal war. Früher. Bevor ich über sie gestolpert bin. Oder wir übereinander. Der einzige Unterschied ist, daß ich heute weiß, daß es sie gibt. Aber das ignorieren wir einfach mal.“

„Das habe ich ja versucht. Aber ich vermisse sie. Sie fehlt mir so sehr.“

„Aber du ihr nicht. Und ich auch nicht. Sie hat nichts gesagt oder getan, das diese Schlußfolgerung auch nur annähernd rechtfertigen würde.“

„Ich bin mir sicher, daß sie mich vermißt. Dich vielleicht nicht. Aber mich bestimmt. Kein Einhorn ist keine Option“, sagt das Fabeltier trotzig.

„Ach Einhörnchen“, gebe ich seufzend zurück, „für sie schon. Sieh einfach mal ein, daß es völlig egal ist von ihrer Seite aus, ob sie ein Einhorn hat oder nicht.
Ihr kann nichts fehlen und auch niemand, denn in ihrem Innern ist nichts. Sie hat Angst vor allem, das mit gefühlsmäßiger Verantwortung einhergeht. Ob es jetzt Katzen sind oder Hamster oder Menschen oder…“

„Einhörner?“, murmelt das Fabeltier leise und schaut auf seine Hufe. Es sieht sehr deprimiert aus mit seiner verfilzten Mähne.

„Oder Einhörner“, sage ich. „Sie hat nicht ein einziges Wort mehr gesagt. Das ist doch wohl deutlich genug.“

„Weil sie nicht weiß, was sie sagen soll. Oder wie sie es sagen soll.“

„Sie hat es nicht einmal versucht. Wie viele echte Gespräche hat es in der ganzen Zeit gegeben, hmmm? Dinge mit Inhalt? Authentische Dinge?“

„Drei?“, sagt das Einhorn nach kurzem Überlegen. „Vielleicht vier?“

„Ja. So etwa. Und in mindestens zwei Fällen davon war sie betrunken. Sie hat immer Dinge gesagt, von denen sie hoffte, sie würden mir gefallen. Uns gefallen. Den Geschmack treffen, sozusagen.“

„Weil sie uns mag. Vielleicht liebt…“

„Nein! Das kann sie gar nicht!“

Entrüstet klappe ich die Entspannungsliteratur zu.

„Sie ist verlogen, manipulativ und will immer nur, daß jemand ihr eine Bedienungsanleitung für den aktuellen Tag in die Hand drückt. Sie ist quasi eine Lebenssimulation, aber sie lebt gar nicht. Sie fürchtet sich davor.“

„Das ist jetzt aber gemein, was du da sagst.“

„Es ist die Wahrheit. Sie will nichts sein und sie will auch niemand werden. Wir reden von einer Frau, die sich von allen möglichen Arschlöchern bespringen läßt, weil ein anderes Arschloch ihr das befiehlt!“

Meine Hand donnert auf die Tischplatte.
Schweigen.
Das Einhorn sieht mich abschätzend an.

„Du vermißt sie auch. Und du bist stinkwütend, weil sie anderen das gibt, was du von ihr haben wolltest.“

„Tut sie nicht. Ich wollte sie haben. Nicht etwas. Diese Wildfremden könnten auch jede beliebige Nutte ficken, für die würde es keinen Unterschied bedeuten. Sie gibt ihnen gar nichts. Ich wollte die ganze Frau. Ihren Geist. Alles. Sie sollte…“

„…die Tochter sein, die du immer wolltest und nie hattest? Weil die Dinge anders gelaufen sind?“

Manchmal hasse ich diesen selbstgefälligen Ausdruck auf dem Gesicht des Einhorns. Es weiß Dinge, die lange vor seinem Auftauchen geschehen sind. Na ja, das ist dasselbe wie mit den Passwörtern.

„Scheiße – normalerweise will man seine Tochter nicht ficken! Das ist Blödsinn.“

„Warum? Mit einer Frau, die offenbar eine geistige Macke hat und die einen Ersatzvater sucht, weil ihr eigener so ein jämmerlicher Versager ist, was Empathie angeht? Ich finde, das paßt gut zusammen. Ihr seid Nitro und Glyzerin.“

„Sind wir nicht. Ich meine…waren wir nicht. Nichts im Kopf dieser Tussi ist von ihr selber. Da sind nur Sachen drin, die andere da reingepflanzt haben. Am Anfang wollte sie Kinder haben. Inzwischen lehnt sie den Gedanken rundheraus ab. Für Geld würde sie sich auf die Straße stellen – um es mal auszuprobieren. Aber das ihr Meister alles für sie bezahlt, das muß natürlich Liebe sein!
Das Mr Arschloch sie schlicht in ein unendliches Schaufensterpüppchen verwandelt, damit sie ihm und anderen in möglichst vielen Szenarien nützlich ist, kann ja nicht sein. Und wie beleidigt sie war, als ich sie mit diesem Sexspielzeug verglichen habe. Dabei hat sie noch eine Wahl, das Spielzeugding nicht.“

„Dafür, daß du sie für bedeutungslos hältst, regst du dich aber ganz schön auf.“

Irre ich mich oder glitzert das Fabelmistvieh spöttisch?

„Ich rege mich nicht auf!“, sage ich donnernd.
„Ich stelle Tatsachen fest. Diese Frau nimmt alles, was Farbe und Schönheit ist, für sich selbst. Weil sie selber damit nichts anfangen kann, muß sie sich solche Empfindungen leihen. Sie zerstört alles an echten Gefühlen, weil sie die selbst nicht ertragen kann. Sie ist…sie ist…“

„Ein Dementor?“

„Ja. In der Art. Weißt du noch, wie wir sie mal gefragt haben, was sie sehen würde – in diesem Spiegel, der das Begehren des Herzens anzeigt?“

„Natürlich weiß ich das. Sehr gefühlig von dir.“

Schmerzhaft kommt diese Erinnerung in mir hoch, wie eine Wasserleiche im Badesee. Es war einer dieser Momente, in denen sie und ich synchron waren. So weit miteinander verbunden, wie es nur geht, ohne im selben Raum zu sein. Einer dieser Momente, in denen ich sie furchtbar geküßt hätte, wäre sie jemals im selben Raum gewesen. Sie festgehalten hätte, um sie nie wieder loslassen zu wollen.

„Du warst dabei, also red dich jetzt nicht raus“, fahre ich traurig fort.
„Sie hat nie darauf geantwortet. Sie hat auf alle irgendwo wichtigen oder kritischen Fragen nie geantwortet. Nicht einmal.
Erinnerst du dich noch, was sie vor ein paar Monaten geschrieben hat?“, frage ich das Einhorn und ziehe dabei die Augenbraue hoch.

„Du meinst bestimmt dieses ‚Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.‘ – das sie da gebracht hat.“

„Exakt. Und was ist daraus geworden? Hat sie das jemals irgendwann anders in Worte gefaßt?“

„Nein. Hat sie nicht“, sagt das Fabeltier und legt sich lang auf den Boden. Es wirkt sehr, sehr deprimiert in diesen Momenten.

„Eben. Ich habe ihr alle Türen geöffnet. Nichts verheimlicht. Und sie? Sie hat so gut wie nichts von sich rausgerückt. Nichts preigegeben. Es gab nie richtige Tage.
Schreibt solche Dinge und vergißt dann meinen Geburtstag vier Wochen später. Und dann fragt sie auch noch, ob das Cobain-Horn von mir ist.“

Das Einhorn sagt nichts. Es weiß genau, wie tief mich dieser eine Moment wieder getroffen hatte.

„Weißt du, ich wollte immer mit ihr reden. Nicht etwa eine vorgefertige Schablone liefern, an der sie entlangdenken kann, damit sie weiß, was mir am besten gefällt als Antwort. Sie hatte immer panische Angst, etwas Falsches zu sagen. Was für ein Schwachsinn! Wie ein trainierter Papagei.“

„Zu recht. Du bist ja jetzt weg. Dabei hat sie nichts gesagt am Ende.“

„Nein. Ist ja auch unwichtig, wenn sie sich wie ein Stück Fleisch prügeln läßt. Muß ich ja nichts drüber wissen. Weil ich mich ja für ihren geistigen Zustand nie interessiert habe.
Weißt du, lügen und einem Dinge nicht sagen, die aber irgendwo wichtig sind, zeugt nicht gerade von tiefem Vertrauen.“

„Alles, was ich sage, wäre für dich wieder falsch, hat sie geschrieben.“

„Ja. Und recht hatte sie. Weil sie immer wieder scheiße erzählt hat oder Dinge verschwiegen. Irgendwann spielt es dann echt keine Rolle mehr, was so jemand von sich gibt. Aber wir sind dann wieder schuld dran.“

„Sie ist krank“, versucht das Einhorn noch einmal, mich umzustimmen und sieht flehentlich zu mir auf.

„Das gibt ihr kein Recht, andere Leute wie den Haufen Scheiße zu behandeln, für den sie sich selber hält. Und dann auch noch darüber zu greinen, daß sie nicht mit genügend Respekt behandelt wird! Verdammte Scheiße, ich bin der einzige Kerl, der ihr nie etwas getan hätte!
Das Schlimme daran ist ja, daß sie auch nichts dagegen tun will. Immer hat sie mit den Schultern gezuckt und gesagt, das hätte nichts mit mir zu tun. Dabei hatte es alles mit mir zu tun.“

„Du bist beleidigt. Und…eifersüchtig“, sagt das Fabeltier und hebt den Kopf  Seine Augen glitzern feucht.

„Ja, verdammt. Unter anderem. Aber das hat sie ebensowenig verstanden wie alles andere. Sie ist wie eine Drogenbesoffene auf der Tanzfläche. Überall BummBummBumm und Lichter und Leute und das alles nur, um sich davon abzulenken, daß sie innen tot ist. Aber leben will sie auch nicht.“

„Wann warst du das letzte Mal glücklich?“

„Was?“ frage ich verblüfft zurück. „Was ist das denn für eine Frage?“

„Weißt du – bei den Dementoren benutzt Harry diesen Patronus-Zauber. Und der funktioniert nur, wenn man dabei einen Moment des Glücks in den Spruch projizieren kann. Wann warst du das letzte Mal glücklich? Welchen Moment würdest du wählen?“

Ich starre das Fabeltier an. Das Einhorn starrt zurück. Natürlich kennt es die Antwort. Das ist wie mit den Passwörtern.

„Du kannst ein ganz schönes Arschloch sein, Einhorn“, sage ich und schlage die Entspannungsliteratur wieder auf.

„Weiß ich. Ich hatte einen guten Lehrmeister.“

 

Das deprimierte Fabeltier glitzert kurz, springt aufs Sofa  und legt seinen Kopf auf meine Knie. Abwesend beginne ich, seine verfilzte Mähne zu kraulen.

„Lies mir mal was vor aus dem Buch.“

„Ich benutze Versatzstücke anderer Persönlichkeiten, um meine eigene zu formen“, lese ich laut.

„Cobain war schon irre, oder?“

„Ja. War er mit Sicherheit.“

Ich seufze und schlage das Buch wieder zu.

 

„Das würde ihr so sehr gefallen. Glaub mir.“

„Ich muß dir nicht glauben. Ich weiß es. Aber selbst Cobain wollte eine Persönlichkeit in seinem Inneren formen. Sie will das nicht einmal.“

„Sie ist noch irrer?“

„Ja. Nein. Sie ist anders irre. Und weißt du – als Cobain damit keinen Erfolg hatte, als die Musik nicht mehr laut genug war, um das weiße Rauschen in seinem Innern zu übertönen – da hat er sich erschossen.“

„Wir sollten ihr das sagen. Du hast sie immer noch viel zu gern, um das zuzulassen.“

„Nein. Ich hatte die Frau geliebt, die sie sein könnte. Sie will ein Objekt sein. Ein Beistelltischchen. Leicht abwaschbar.
Ich habe so oft versucht, sie zu berühren. Und was ist passiert?
Alles hat sie kalt gelassen. Sie hat alles geblockt. Immer nur ein ‚Jetzt nicht‘ oder ein ‚Später mal‘ oder ‚Erzähl ich dir nachher‘. Und keiner dieser Zeitpunkte ist jemals gekommen.
Mir gegenüber echtes Gefühl zeigen?
Nein, auf keinen Fall. Das geht nur gegenüber armseligen Pseudo-Männern, die in sie reinwichsen wie in eine Gummipuppe. Die haben natürlich Gefühl verdient!“

Das Fabeltier blickt mich mit Augenaufschlag von unten an. Es hat mich noch nie so wütend gesehen. So verletzt.

„Mein Geburtstag. Vergessen. Bilder, die ich haben wollte und nie bekam. Andere bekommen sie anstandslos. Das Kurt-Cobain-Horn. Sie hat nie kapiert, wie bitter enttäuscht ich in dem Moment war. Sie hat auch nie kapiert, daß alles, was sie sich da antut, gegen mich gerichtet war. Mir weh tat.
Ich kann ihr nicht helfen, wenn sie keine Selbstachtung haben will. Darum heißt es Selbstachtung. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich das überhaupt will. Sie wußte immer, was ich von ihr wollte. Sie war einverstanden damit. Dann hat sie es ignoriert, sich drüber lustig gemacht und mich verarscht.“

Ich hole tief Luft und wuschle dem Einhorn entschlossen die Mähne.

„Du läßt die Finger davon und schickst ihr nichts. Kein Wort zu ihr! Sonst kriegst du drei Wochen keinen Auslauf und nur Haferflocken.“

Einhörner hassen Haferflocken. Sie halten sie für das langweiligste Futter, das überhaupt existiert.

„Das letzte Mal warst du so sauer auf deine Ex-Frau. Und da hast du zehn Jahre lang geschwiegen.“

„Weiß ich. Die hat mich auch belogen und verarscht. Aber sie habe ich hinterher nicht vermißt. Wir kommen drüber weg, Einhorn. Wir kommen über alles weg.“

„Es muß doch eine Möglichkeit geben, wie sie…“

„Es gibt exakt eine einzige richtige Möglichkeit für sie. Und die kennt sie auch. Ich habe sie ihr schon einmal genannt. Sie hat sie sogar korrekt erraten. Aber die wird sie nicht nutzen. Niemals. Da wette ich dein Einhorn-Horn gegen eine Palette Schnapspralinen. Eher geht die Sonne im Westen auf.“

„Schreibt Kurt was über Menschen, die man vermißt und nie wiedersehen wird?“

„Keine Ahnung,“ sage ich und schlage Cobains Tagebücher wieder auf, während das Einhorn eine ziemlich blaue Platte aus dem Schrank nimmt und sie auflegt.

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