Gestrichen

Eine Art symbolischer Erneuerung, nehme ich an. Mit leisem Zischgeräusch trägt die Rolle Farbe auf die Wand, verwandelt eine vorher fleckige, benutzt aussehende Landschaft wieder in etwas Gleichmäßiges. Etwas Ungestörtes. Ungestört von dir.
Dieser eine Schatten auf der Tapete zum Beispiel. Da, wo ich damals nicht richtig gestrichen habe. Aus irgendeinem Grund hat er mich immer an ein Känguruh erinnert. Und du warst ja mein Känguruh. Zumindest hast du das behauptet. Natürlich war es nicht wahr. Du warst niemals mein Irgendwas.

Die Rolle gleitet über die Wand, trägt deckend Farbe auf, löscht Schatten und hinterläßt glattes, strahlendes Weiß. Immer wieder in den letzten Wochen erinnern mich Dinge an dich. Die Spinatpizza im Supermarkt. Lieder im Radio, morgens, wenn der Wecker angeht. Dinge, die ich koche und bei denen ich deine Stimme im Kopf höre, die solchen Unsinn sagt wie „OmNomNom“.
Aber ich lächle diesmal nicht mehr dabei. Ich schicke ein Killerkommando in die Gehirnzelle, in der das gespeichert ist. Anschließend lese ich den Bericht in meinem geistigen Büro. Den Bericht über die Auslöschung dieser einen, speziellen Erinnerung. Dann lächle ich. Manchmal. Kalt.

Überall in meinem Geist sind brennende Brücken. Synapse für Synapse laufe ich durch meinen Kopf und sammle alles ein, was mich irgendwie an dich erinnert oder erinnern könnte. Denn es sind Lügen. Es waren immer welche. Niemals hättest du den Entschluß gefaßt, hierherzukommen. Jedes einzelne virtuelle „Hab dich lieb“, jeder einzelne virtuelle Kuß, der sich in meinem Kopf in einen echten verwandelt hat, war beiläufig hingeworfener Köder. Berechnung. Damit du weiter von mir Gefühle absorbieren konntest, zu denen du selbst unfähig bist. Zumindest bist du davon überzeugt.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß gar nichts mehr. Eigentlich kenne ich dich überhaupt nicht. Aber es muß so sein, denn ansonsten ist das Ausmaß deiner geistigen Zerissenheit noch viel umfassender, als ich das geahnt hätte. Keine Selbstachtung zu haben ist furchtbar. Keine haben zu wollen ist ein Verbrechen gegen sich selbst. Sich nicht drum zu kümmern, weil deine Meister dir einreden, du könntest nicht damit umgehen, ist geistiger Genozid. Du fühltest dich immer wieder ungeliebt, wenn dein geistesgestörter Besitzer dich nicht hart genug für irgendwas bestraft hat. Oder nicht dabei war, wenn wildfremde Arschlöcher dich ficken. Manchmal frage ich mich, ob er sich dafür bezahlen läßt. Aber das würde dir ja Wert zumessen, wenn auch lediglich finanziellen. Einfach beiläufig verliehen zu werden, wie ein Kugelschreiber oder ein Schraubendreher, das ist das Ausmaß an Demütigung, das du immer so herbeigesehnt hast. Doch wenn Meister dann nicht dabei zusieht, wie du wieder einmal mißbraucht wirst, dann weinst du.

Mir fällt ein Satz von dir ein. Du sagtest einmal zu mir, daß ich dich in dieser einen Nacht, diesem einen echten Abend, den ich mit dir verbracht habe, beinahe zum Weinen gebracht hätte mit dem, was ich dir so erzählt habe. Damals fand ich das romantisch. Gefühlig, wie du gesagt hättest. Jetzt, nachdem ich weiß, welcher verkorkste Mist dich zum Weinen bringt in deiner kranken Gefühlsunfähigkeit, ist mir diese Erinnerung zuwider.

Sie ist wie ein Waschbecken. Dieses Porzellan, das man immer wieder schrubben muß. Denn man erinnert sich der Blutstropfen, die über das Weiß geflossen sind. Langsam. Eine Spur hinter sich herziehend. Diese dicken, dunklen Tropfen aus den Schnitten im Handgelenk. Wie sie aufgeschlagen sind mit diesem seltsam dumpfen Geräusch. Wie ein Hammerschlag durch Watte. Die Muster aus winzigen Spritzern. Strahlen um Mondkrater herum.

Ich sagte einmal zu dir: „Mit dir könnte man den Boden wischen und du würdest dich anschließend noch entschuldigen, daß nicht alles perfekt sauber ist.“
Du hast gelacht und mir recht gegeben.
Es ist nicht so, daß dieses dunkle Etwas in mir deine Wesenszüge nicht versteht. Aber wer keine Person sein will, kann nicht werden. Du warst nie Jemand. Du bist exakt das ungeformte Chaos, das du so sehr fürchtest. Und in deiner panischen Angst vor dir selbst manipulierst du andere Menschen dahin, daß sie glauben, dich zu lieben. Auch dein Meister wird das noch merken. Wie oft hast du ihn bereits in eine Richtung geschoben und ihn glauben lassen, er wäre die treibende Kraft dahinter.

Ich schicke zwei Killerkommandos los. Sie sollen die Sätze einfangen, an die ich gerade dachte. Alle damit verbundenen Bilder. Dein Bild. Deine Stimme in meinem Kopf, die ich noch immer ab und zu flüstern höre. Geisterstimme. Du warst niemals mein Irgendwas.
Aber du hättest es sein sollen. Ich wollte dich haben. Stattdessen hast du dich wegreißen lassen von mir. Und von Herrn R.
Eines Tages wird einer kommen, der dich noch brutaler fertigmacht als dein aktueller Meister. Dann wirst du weiterziehen. Wer immer dich mehr wie den Dreck behandelt, der du zu sein glaubst, wird dein nächstes Opfer werden.

Mit leise zischendem Geräusch bringt die Rolle Farbe auf die Wand. Bahn für Bahn neues Weiß. Neue Landschaften über Mülldeponien. Schicht um Schicht streiche ich dich weiter.

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