Nevermind

Wie zäh und träge die Zeit an mir vorüberstreicht, sich geradezu Mühe zu geben scheint, nicht zu fließen.
Im grauen Zwielicht unter dem Regen, der das halbe Land ertränkt, bewegt sich die Zeit nicht mehr weiter. Sie vergeht einfach nur noch. Ein irgendwie inhaltsloses Rauschen aus Mikrosekunden.

Nichts zieht mich mehr wirklich nach Hause, wenn die geisttötende Pseudoarbeit vorübergezogen ist. Beschäftigungstherapie. Aber beschäftigen kann ich mich auch zu Hause. Wesentlich besser sogar, denn da stört mich niemand mit Belanglosigkeiten. In all den Wolken, die vorüberziehen, gibt es derzeit keine Lücken für mich, kein Blick auf blauen Himmel.
Kein Lächeln oder Grinsen, wenn ich an etwas denke, das du gesagt hast. Nur immer wieder die Frage, wie viele Demütigungen und Schläge du in der Zwischenzeit wieder kassiert hast.
Nichts zieht mich mehr nach Hause, keine Aussicht auf ein Gespräch mit dir. Kein virtuelles „Wie war den Tag?“ Kein virtueller Kuß am Morgen. Pseudoliebe. Alles Blödsinn, der aber trotzdem Lücken hinterläßt.

Nichts davon sollte eine Bedeutung haben. Es war alles Fassade. Falsches Spiel. Gezinkte Karten. Was Du tust, oder besser, die Anweisungen, die du befolgst, sollten unwichtig sein. Haben nichts mit mir zu tun. Sagtest du ja immer. Vielleicht aber war das gelogen, wie so vieles andere.
Vielleicht hast du sehr wohl gespürt, daß mich all diese Dinge persönlich treffen. Vielleicht hat dir mein Schmerz gefallen.

In der unverstreichenden Zeit versuche ich mir zu sagen, daß ich nichts weiter war als ein Spielzeug. Ein Blitzableiter. Ein Dingsbums. Das Du mich nicht vermißt, mit keinem Wort, keiner Geste, keinen Antworten auf nur irgendeine Frage, bestätigt meine Bedeutungslosigkeit für dich.Dein Gesicht treibt immer weider in meinen Gedanken vorbei. Herbstblätter auf einem Fluß.
Deine Stimme in meinem Kopf. Leise flüsternd und immer vorhanden, manchmal laut anschwellend. Wie Musik aus einer Kneipe, gemütlich und warm und mit viel zu vielen Menschen darin, wenn sich zwischendurch die Tür öffnet.

Viel zu oft denke ich deinen Namen. Beim Einkaufen. Beim Einschlafen. Wenn ich Dinge in der Hand halte wie diesen weißen Sommerrock. Dieses Kleid aus einer Art schwarzem Gazégewebe würde dir phantastisch stehen. Natürlich wärst du da anderer Meinung. Seltsamerweise hattest du mir gegenüber oft so etwas wie eine Meinung oder Eigenständigkeit.
Ich bin noch immer freundlich. Ich lächle. Aber mein Inneres lächelt nicht mehr mit. Als hätte meine Seele beim Zahnarzt eine Spritze bekommen. Ich funktioniere weiter, weitgehend fehlerfrei. Aber es macht mich rasend.
Ich denke nicht daran, wie dein Praktikum verläuft oder wieso du dich ewig mit anderen Menschen über Dinge unterhältst, nur mit mir nicht. Ich frage mich auch nicht, ob du diesen Menschen gegenüber genauso wenig Tiefgang zeigst wie mir. Dich versteckst, anstatt dich zu zeigen. Es ist egal.

Karriereplanung durch Vitamin B. Danach als Belohnung ein Wochenende im Klub. Sei es auf dem Golfplatz oder beim Gangbang. Alles ist möglich und nichts davon geht mich etwas an. Nichts davon berührt mich. Nichts davon soll mich jemals wieder berühren.

Wohin mein Blick auch geht, er entdeckt nur Rauchsäulen über glühendem Land. Asche bildet trauervolle, ölige Schlieren im strömenden Regen. Wie Blut. Der Fallout radioaktiven Staubs über Hiroshima. Die Feuer sind gelöscht. Doch das Land bleibt verwüstet.

 


Einmal mehr ist das Beitragsbild dem Dark Beauty Magazine geschuldet. Die Fotografin ist Josephine Cardin (hier der FB-Link).

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