Das leere Du

Alles nur Selfies und digital präparierte Szene. Niemals du selbst. Denn mit eben diesem „Du“ hast du ein ganz zentrales Problem.
Bist immer nur das gewesen, was andere dich sein lassen wollten. Seit diesem ersten Kerl, der dich auf das geprägt hat, was du jetzt unbedingt zu brauchen glaubst. Seit ewigen Zeiten keine echten Freunde um dich herum. Nirgends.

Du sagst nie wirklich Nein. Bist immer unverbindlich. Stellst niemals zur Rede. Gibst niemals zu, zutiefst verletzt zu sein oder zu bluten. Traust dich niemals wirklich zu weinen, wenn jemand es sehen oder hören könnte. Läßt dich in jede Richtung formen, selbst wenn deine Knochen dabei brechen. Es ist nicht so, daß du nicht existierst. Du bist überhaupt nicht. Ein seltsamer Zustand. Wie Nebel zwischen den Bäumen.

Keine deiner Baustellen wird bearbeitet. Du gibst alles ab, was direkt mir dir zu tun hat. An goldenen Drähten hängend, glaubt die willenlose Sexmarionette, alles sei unter Kontrolle. Verkauft zu werden und nach Zeit gehandelt wie Fleisch nach Kilogramm ist Zuneigung statt tiefster Verachtung. So bleiben alle Schäden liegen und fressen sich weiter in deinen Geist. Es kann gar keine Verachtung sein, denn du bist ja keine Person. Geschweige denn hast du Persönlichkeit. Gegenseitiger Mißbrauch muß Liebe sein.

Echtes Gefühl jagt dir tödlichen Schrecken ein. Du verstehst mein System nicht. Was daran liegen könnte, daß es gar keins gibt. Es gibt nur mich. Wenn ich dich unerwartet dazu bringe, über Dinge zu lachen, ist dir das zu spontan. Du wägst alles ab nach Kosten und Nutzen. Auch mich. Jeden und alles. Ich bin bedrohlich, denn ich weise beharrlich darauf hin, daß du ein Mensch sein könntest. Was ich von dir freiwillig haben wollte, bekommen andere jederzeit. Als Sklavendienstleistung. Du gehorchst nur Befehlen und Anweisungen, die nicht aus dir heraus entstehen.

Wäre es nicht so grauenvoll, es wäre lächerlich. Würde es dir etwas bedeuten, wäre ich darüber zutiefst traurig. Wäre diese Gestalt es wert, die so wunderschön ist, wäre ich wütend und beleidigt. Doch hinter der Fassade ist nichts. Kein echtes Selbst. Kein eigener Wille. Kein wahres Ich. Du mußt da selbst raus, aber da ist gar kein Du.

Ich hatte von Beginn klar gesagt, was ich haben will. Dein Herz. Deine Seele. Deinen Körper. Ich habe dir das nie verschwiegen.
Ich war nie der Samariter. Ich wollte etwas haben. Jemanden. Dich. Am Ende bin ich aus hundert Personen in achtzehn Monaten der einzige Mensch, denn du getroffen hast. Und der einzige, der nichts von dir hatte. Nur Schmerz und Demütigung. Damit du dich daran erfreuen kannst. Denn es ist das einzige, was du kennst. Du ziehst deine Energie daraus, andere glauben zu lassen, sie wären schuld an deiner Erbärmlichkeit, die du Freiheit nennst.

Die Vorstellung, du wärst je hergekommen, ist längst vollkommen absurd. Was hättest du getan? Zitternd vor mir gestanden? Gehofft, daß ich dich schlage, damit du dich willkommen fühlst? Ohne Genehmigung deines Puppenspielers tust du nichts. Willst du nichts. Bist du nichts. Du hast nie auf etwas geantwortet, auf keine der wichtigen Fragen. Dazu müßtest du dich selbst betrachten und das ist dir unmöglich. Du kannst dich nicht einmal öffentlich küssen lassen. Augenkontakt ist für dich furchtbar. Wie sehr ich diese Augen vermisse.

Wie sehr du es haßt, wenn deine Narben verblassen. Wie sehr ich dich dafür hasse.
Wie ich manchmal noch immer höre, wie du nach Nähe schreist durch dein verbocktes, kaltes, gestörtes Schweigen. Nur zulassen kannst du sie nie. Wenn man dich in den Arm nimmt, zerkratzt du einem voll Dankbarkeit das Gesicht. Das Allerschlimmste, was man dir antun kann, ist, dich aufrichtig zu lieben. Wie verzweifelt ich versuche, damit endlich aufzuhören.
Doch du bist auf gutem Weg. Vermutlich wird jemand wie ich nie wieder vorkommen in deiner Existenz. Das angstzitternde kleine Etwas im mit Trümmern gefüllten Keller, irgendwo in dir, wird dort für immer sicher sein. Außer vor dir. Deinem Geist kannst du nicht entwischen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s