Unbedacht

Wie ich niemals an dich denke. Bei diesem schönen steinernen Deko-Herz. Beim Blick auf den Kalender, der mir sagt, daß du schon wieder Geburtstag hast. Eingehüllt in Schweigen, wie im letzten Jahr. Oder die Arme deine Sklavenherrn. Wie auch immer. Ich denke nicht daran. Sage kein Wort. Denke nicht daran, dir was zu sagen. Zu schreiben. Welchem Zweck sollte das dienen?

Ich lächle auch nicht bei dieser Ausgabe von Anna Karenina, die mir in der Bibliothek in die Hände fällt. 1959. Die Ausgabe ist älter als ich. Älter als mein Bruder sogar. Sie würde dir gefallen, denkt sich ein Teil von mir. Ganz kurz nur denkt er das, und ich läche. Kurz.

Ich dachte nie an dich, als ich Cobains Tagebücher kaufte. Als ich das Känguruh wegräumte, von dem ich vorher noch zu dir sagte: „Es steht immer hinter mir.“
Du wolltest mir damit etwas sagen. Aber wie immer hast du es nicht getan.
Jetzt steht es da nicht mehr. Und als du es bemerkt hast, hast du nicht etwa danach gefragt. Du hast gesagt, wie süß doch das Schaf sei. Denn das stand auch immer hinter mir in meinem Wohnzimmer. Und das tut es immer noch.

Ich dachte nicht an dich, neulich im Supermarkt,  als ich vor diesen Schnapspralinen stand. Dachte nicht daran, ob du es gut nach Hause geschafft hast bei diesem Sturm neulich. Obwohl du diesen Ort ja gar nicht als Zuhause empfinden willst. Denn dort ist deine Leine so lang und deine Ketten zu leicht.

Wie ich nie wieder dieses Lied werde hören können, ohne an dich zu denken. Drum höre ich es nicht mehr. Außer in meinem Kopf. Wie ich dich nicht küssen möchte, in deinen Nacken, auf deinen Hals, und deine Wärme neben mir haben. An diesem besonderen Tag. An jedem Tag, der mir noch vergönnt ist. Wie mir dein Geruch nicht fehlt, an den ich mich noch immer nicht mehr erinnern kann. Diese Momente, in denen dein Atmen immer tiefer wurde und ruhiger und deine Antworten wirrer, bis sie schließlich in Schweigen verschwanden.

Und ich erinnere mich nicht daran, gelächelt zu haben, nachdem ich dich in den Schlaf gequatscht hatte. Mir immer wieder wünschte, du wärst in dem Moment bei mir, unter einer Decke, an mich gekuschelt. Ich erinnere mich nicht daran, dir zugeflüstert zu haben „Ich liebe dich“ und mir dabei vorzustellen, wie du es hörst und dann lächelst im Einschlafen.
Ich denke niemals dran, wie du niemals an mich denkst. Und selbst wenn, was machte es für einen Unterschied?

Ich denke niemals an dich. Es wäre nur verschwendete Zeit. Verschwendetes Gefühl, das in meinem Innern verblutet und sich ausbreitet und Flecken auf der Seele läßt wie Tinte auf Löschpapier. Ich denke niemals daran, daß ich dich vielleicht immer noch liebe und nicht anders kann, weil ich auch nicht anders will.
Ich denke nicht daran, daß du nie begriffen hast, daß jemand zu lieben nicht bedeutet, für immer zu bleiben. Zuviel Schmerz und zuviel Schatten und Gleichgültigkeit von dir.

Ich denke nicht daran, daß du in deiner Dunkelheit allein zurückbleibst, ganz egal, wie sehr du das verleugnest. Denn ich habe dein Gesicht nie gesehen. Du hast dich nie getraut, es mir zu zeigen. Hattest nie Vertrauen darauf, daß ich es in meine Hände nehmen würde, um dich an mich zu ziehen. Nicht zu schlagen und nicht wegzustoßen.
Ich wüßte nicht, wen ich retten soll, solltet ihr alle aus den Schatten vor mir auftauchen. Und ganz besonders denke ich mir, daß ich auch nicht mehr wüßte, warum ich das tun soll.

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