Die Einhorndialoge: Depressiver Realismus

‚Sie ist schon süß, oder?‘, sagt das Fabeltier zu mir und knufft mich in meiner Depression mit diesem wissendem Blick in die Seite, den ich so sehr hasse, während es genüßlich die letzten Glitzerluftschlangen von Silvester auffrißt. Einhörner sind nämlich Glitzer-Wiederkäuer, das wissen die wenigsten.

‚Das beschreibt es nicht annähernd. Sie war mein Wunder‘, sage ich, ohne mich dabei von der ensetzlichen Fröhlichkeit des Fabeltiers auch nur im geringsten in meiner Embryonalhaltung auf dem Sofa stören zu lassen.

‚Sie ist es also nicht mehr?‘

‚Nein. Nein, ich denke, nicht.‘

‚Sie hat uns aus ihrem Kopf vertrieben, nicht wahr?‘

‚Ich weiß nicht, ob sie das war. Oder er. Aber ja. Wir wohnen da nicht mehr.‘

Wie Blei liegt mir all das wieder auf meiner Seele. Es ist genau so gekommen, wie ich es gesagt hatte. Du tauschst den einen Mann gerade gegen einen anderen ein. Erzählst mir davon, wie sehr dein schlechtes Gewissen dich plagt. Um dich dann so von ihm vögeln zu lassen, wie ich es immer haben wollte mit dir. Anschließend bin ich wieder Luft für dich. Du machst Fortschritte. Diesmal wird es keinen Sklavenvertrag geben. Insofern ist meine Persönlichkeitsmassage bei dir erfolgreich gewesen. Nur ich – ich selber habe auf ganzer Linie verloren.

‚Ich glaube‘, sagt das Einhorn kauend, ‚wir haben da ohnehin nur im Flur gestanden. Sie hat uns damals quasi rausgeschmissen, du erinnerst dich?‘

‚Ich erinnere mich immer, Hörnchen‘, sage ich seufzend.
‚Das ist ja das Problem. Im Gegensatz zu ihr. Wenn das, was sie mir in den letzten Wochen erzählt hat, die Wahrheit ist, muß sie vorher gelogen haben. Dann habe ich mich monatelang um Dinge gekümmert, die gar nicht existiert haben. Oder es ist wahr, dann hat sie es verdrängt. Was dann aber auch nicht zu dem paßt, was sie gesagt hat. Sie hat mit diesem neuen Kerl endgültig alles gemacht, was ich tun wollte.
Wenn ich mit dem Erinnern aufhören könnte…‘

‚Kannst du nicht. Konntest du noch nie. Rück mal zur Seite.‘

Das nervige Glitzertier springt aufs Sofa und flauscht sich an mich ran. Ich muß mich in halbes Liegen aufrichten, was unglaublich anstrengend ist.

‚Wann war dein erster echter Kuß?‘

‚1985. Am Strand. In Spanien. Nachts. Warmer Sand. Dieser Duft von blühendem Oleander…‘

‚…und das Rauschen der Brandung. Ja, ich weiß.‘

‚Du warst nicht dabei.‘

‚Doch. In gewisser Weise war ich das.‘

‚Ich erinnere mich noch daran, wie ihre Lippen geschmeckt haben…‘

‚Barbara. Ihr Name war Barbara.‘

‚Einhorn?‘

‚Ja?‘

‚Wird sie sich an mich erinnern? Nicht als Freund oder so einen Scheiß. Wird sie sich an Liebe erinnern? Daran, daß ich der erste war, der ihr sagte, daß er sie liebt und wie er das meint? Nicht diesen emotionslosen Dreck von den anderen Männern? An…Sex mit Gefühl und Empathie? Oder zumindest dem Versuch davon?‘

‚Ich weiß es nicht. Eventuell weiß sie es selbst nicht. Sie hat so unglaublich viele Kellerräume in ihrem Kopf. Und in den Räumen stehen verschlossene Kisten. Aber sie ist noch immer dein Wunder, oder? Unser Wunder?‘

‚Du kennst die Antwort.‘

‚Ja. Küßt du sie hinterunters Ohr?‘

‚Nein. Sie schläft schon. Weit weg von uns. In der Wohnung ihres neuen Beglückers, der noch reicher ist als der vorherige und mit dem wir niemals irgendwie konkurrieren können. Sei endlich mal realistisch.‘

‚Bin ich hier das Einhorn oder du?‘

‚Einhörner!‘, denke ich noch vor dem Wegschlafen an diesem grauen, kühlen und schweren Wintertag.
‚Müssen immer das letzte Wort haben. Typisch!‘

 


Das Beitragsbild ist von Giulia Grillo, der Name des hier düster abgelichteten Models ist Luna Rizzo. Es hat keinen Titel, ich habe es daher „Dark Gift“ getauft. Weil das einfach gut paßt, zu allem. Zu finden ist das Werk einmal mehr beim Dark Beauty Magazine.

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