Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.

Immer wieder habe ich voller Begeisterung ganze Städte in Schutt und Asche gelegt, ihre Bewohner dahingemeuchelt, um dann das rauchende Schlachtfeld triumphierend vom Feldherrenhügel zu betrachten. Nichts durfte dem Feind in die Hände fallen. Und so wurden ganze Landstriche verwüstet. Kontinente in Mondlandschaften verwandelt. Manchmal mit empathischem Bedauern und tiefer Traurigkeit über das Leid und die Furcht, die der Krieg mit sich brachte. Aber immer fest entschlossen, getragen von kalter, logischer Überlegung, daß das Notwendige eben getan werden muß, um am Ende die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Meine Welt.

Wieder bei anderen Gelegenheiten wurde die Vernichtung mit großer Freude vorangetrieben. Unter haßerfülltem Kampfgeschrei wurde alles mit Stumpf und Stiel ausgerottet, alles vernichtet, das es wagte, seine Hand oder sein Wort gegen die heilige Aufgabe des Sieges zu erheben. Keine moralische Bedenken, keine ethischen Fesseln, denn all das sind Symptome von Schwäche. Keine kühle Logik. Dafür das Flammenschwert der völlig in sich ruhenden Selbstüberzeugtheit.

Immer war der Kampf geprägt von manischer Gründlichkeit auf beiden Seiten. Nichts Feindliches durfte zurückbleiben. Nicht einmal das Potential von Feindseligkeit. Verbrannte Erde genügte oft nicht in diesem Krieg, denn verbrannte Erde birgt Fruchtbarkeit. Salz und Gift mußten untergepflügt werden, alle Hinweise auf ganze Orte, ganze Länder vernichtet. Immer wieder die Nichtexistenz ganzer Universen beschlossen in grimmigen Kriegsrat.

Ich träume immer wieder dieselben Dinge. Diese brennende Stadt im Hintergrund der Szene. Oder die ausgebrannte Stadt. Sie kommt mir vage bekannt vor. Sie ist modern. Sie war es einmal, bevor nur noch langsam zerfallende Ruinen von ihr blieben.
Meine Waffen sind nicht modern. Bogen. Armbrust. Schwert. Manchmal eine Axt. Hinter mir tote Gegner. Frauen. Kinder. Alte Menschen. Am Rande der Erschöpfung hebe ich meine Waffe, um den Mann vor mir auf dem Boden zu töten. Ich keuche vor Anstrengung. Schweiß blendet meine Sicht. Blut klebt am Axtgriff. Auf den Gläsern meiner Brille.
Die Kleidung der Menschen um mich herum ist seltsam. Fellbesetze Mäntel, offensichtlich Handarbeit. Manchmal recht stümperhaft zusammengeflickt. Manchmal sehr professionell gemacht. Darunter Hemden. Pullover, die aber nicht aus Wolle sind, sondern Kunstfaser. Jeanshosen. Nur die Schuhe sind bei allen gleich, Opfern und Tätern, Siegern und Besiegten. Ein Sammelsurium handgemachter Fußbekleidungen.

Mein Handgelenk dreht die Axt leicht, eine unwillkürliche Bewegung. Denn der Mann am Boden wird ausweichen wollen. Mein Kampfbewußtsein weiß das. Ich lache. Zumindest glaube ich das.

Die schwere Klinge kommt auf mich zu. Ich kann mich nicht bewegen, kann nur emporstarren. In diese hagere Gesicht mit den strähnigen langen Haaren, die einmal blond gewesen sein müssen. Jetzt wären sie silbern, wären sie sauber. Die Axt teilt zischend die Luft. Der ausgemergelte Riesenkerl gibt sich keine Mühe. Er läßt die Schwerkraft den Job erledigen, gibt nur das bißchen Druck hinter den Schlag, das notwendig ist.
Ein effizienter Kämpfer. Ich weiß das genau. Ich habe selbst hunderte von Malen solche Schläge geführt. Diesmal nicht. Diesmla kann ich nicht weg. Irgendwas in meinem Rücken hindert mich daran. Der Schmerz nagelt mich auf diesem Fleck fest. An diesem Ort meines Todes. Denn das ist er. Nur noch Sekundenbruchteile von mir entfernt. Der Typ stößt eine Art keuchendes Lachen aus. Die Klinge. Oh Gott, diese blutverschmierte Klinge. Als sie mein Brustbein trifft, klingt es wie brechendes Holz. Der letzte Moment ist glühendheißer Schmerz in einem Mantel aus Weltraumkälte.

Ich ziehe das Blatt aus der Brust des Mannes. Er hat doch nicht versucht, auszuweichen. Eigentlich sollte der Schlag zwischen seine Rippen gehen. Wie er mich angestarrt hat!
Unheimlich. Dieser hagere Kerl. Breite Schultern. Muß mal kräftig gewesen sein. War mal blond früher. So wie ich. Für einen Moment dachte ich sogar, er sähe mir ähnlich.

All diese Feinde. All diese Jahre. Die Bombengeschwader über blühenden Städten. Die Reiterhorden über blühenden Feldern. Das Rasseln von Maschinengewehren. Das Dröhnen von Artillerie, dieses bodenerschütternde Gebrüll der großen Kaliber. Das Klirren von Stahl.

Ich hebe meinen Kopf, hole tief Atem. Im Moment ist niemand um mich herum.
Diese Stadtruinen am Horizont. Eine große Stadt mit hohen Häusern. Aber Glas und Stahl und Kupfer sind längst geplündert. Sie kommt mir vage bekannt vor. Wie dieser Mann auf dem Boden. Dieser tote Mann, der eine Brille trägt wie ich. Die Tropfen des einsetzenden Regens beginnen sich auf ihr zu sammeln. Sie verwaschen das Blut auf seinen Gläsern.

Krieg zieht herauf am Horizont. Ich kann ihn hören, mit Marschtritt und Donner. Ich kann ihn fühlen, diese unerbittlichen Hammerschläge, welche die Erde erschüttern. Ich kann ihn schmecken.
All diese Jahre durfte nichts dem Feind in die Hände fallen. Und der Feind war immer ich.

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