Gekreuzte Wege

Eine Freundin ist tot. Hätte T. nicht damals, als ich sie kennenlernte, einen festen Freund gehabt und ich nicht ebenfalls eine überaus wunderbare Partnerin, ich hätte mich in sie verlieben können. Wäre T. nicht außerdem noch nicht einmal volljährig gewesen und ich bereits in meinen Dreißigern, ich hätte mich trotzdem in sie verlieben können.
Damals schon, um die Jahrhundertwende, so muß man es wohl sagen, war sie eine großartige Künstlerin. Unablässig zeichnete sie ihre Ideen auf Papier, befreite ihren stets umtriebigen Kopf von den Bildern, die er so produzierte. Als einer, der selber schreibt, kann ich verstehen, was oft in ihr vorging, wenn sie wieder irgendwo im Alltag auf eine Anregung getroffen war, eine Inspiration sie stillstehen ließ, um Stift und Karton hervorzukramen.

T. war schon damals jemand, der unablässige, unbändige Fröhlichkeit ausstrahlte. Sie war eine dieser Personen, in deren Nähe es selbst einem Misanthropen wie mir unmöglich ist, irgendwie schlecht drauf zu sein. In dieser Eigenschaft als aktiver Kritiker unserer Spezies kann ich sagen, daß auf diesem Planeten sehr viele Menschen herumlaufen, die scheinbar keine Seele besitzen. Sie haben sie eingetauscht. Wo ein Herz sein sollte, sitzt eine Registrierkasse. Wo Gefühl sein sollte, sitzt eine Kreditkarte. Wo Seele sein sollte, scheint bei diesen Menschen irgendein Plastikdingsbums neuester Generation zu ticken, das sie gerade erworben haben. In wenigen Monaten wird es Müll sein, vergessen und freudlos und sinnlos.

Dann gibt es da die Menschen, die sehr wohl so etwas wie Seele besitzen. Aber sie kümmern sich nicht darum. Geben es nicht zu. Streiten es ab. Solche Dinge sind einer Karriere, der Planung des Alltags in heutigen Zeiten oft hinderlich. Unsere moderne Welt ist nicht gerade mit empathischer Offenheit überfrachtet.

Und dann gibt es da diese dritte Sorte Menschen. Die Wahnsinnigen. Die Anstrengenden. Die Kreativlinge. Die ohne Raster. Diejenigen, die manchmal ohne eigentliches Ziel zu sein scheinen. So wie ich. Und diejenigen, die eine ganz klare Vorstellung von ihrem Traum haben und ihn auch verfolgen, in welcher Form auch immer.
T. gehörte zur dritten Sorte. Schon als ich sie das erste Mal traf und sie siebzehn war, wußte sie schon recht genau, wohin ihre Reise gehen würde. Das dabei noch ein Grafikdesign-Studium in London dazwischen kommen würde oder der Mann, den sie dann schließlich heiratete, war vermutlich nicht zwingend geplant. Es war einfach die Art, in der sich ihr Traum um sie herum realisierte.

Vor zwei Jahren sind wir uns wieder über den Weg gelaufen. In dem Tattoostudio, das sie mit begündet hat. Seit gut zwanzig Jahren hatte ich immer wieder darüber nachgedacht, mir auch mal so ein Ding stechen zu lassen. Aber bei allen Suchen war nie das Entscheidende, das wirklich Richtige dabei. Bis in den Sommer 2016, als ich über das Einhorn stolperte.
Wir adoptierten uns sofort gegenseitig. Das Fabelwesen, das mit Schokoladenkeksen seine Depressionen bekämpft und zu dick ist, war mein Bruder im Geiste.
Ich verließ also meine Bambushütte am Rande der Gesellschaft, um hinauszugehen und den Menschen aufzutreiben, dem ich zutrauen würde, meinen Körper als seine Leinwand zu benutzen. Im ersten Laden stand diese etwas dürre Frau hinter dem Tresen, ich äußerte meine Vorstellung und nach zwei Minuten unterbrach sie mich mit den Worten: „Wir kennen uns doch?!“

Meine Gedanken lauteten: „Kann nicht sein. Ich kenne niemanden in dieser verdammten Stadt. Ich gehe ja nie raus.“
Was wiederum mit meiner oft überschäumenden Menschenfreundlichkeit zusammenhängt. Aber dann guckte ich sie an, sie guckte mich an – und dann sagte ich: „Scheiße – T….?!“

Sie hatte recht. Wir kannten uns tatsächlich. Sie war damals die Babysitterin für die beiden Kinder meiner Freundin. Die hatte ich mit ihr quasi übernommen und T. wohnte im selben Haus, ein Stockwerk tiefer. Wir hatten schon damals stundenlang miteinander geredet. Über Kunst, natürlich. Ihre Grafik. Oft diskutierten wir ausführlich das Für und Wider ihrer Entwürfe. Ich durfte sie kritisieren, wenn man so will. Wir sprachen über Literatur und Bücher, denn das ist mein kreatives Ding. Wo sie Bilder schmiedete, schmiede ich Worte und Sätze. Wir sprachen über Schönheit, Schrägheit, das Universum und den ganzen Rest.

Sie war die Frau, der ich ohne zu zögern darin vertraute, sich mit Nadel und Farbe auf meinem Körper zu verewigen.
Nach einer weiteren Stunde gegenseitiger Lebensgeschichte aus dem letzten Dutzend Jahren hatte sie also einen Kunden und ich vier Wochen später einen Termin für die Geburt eines Einhorns. Natürlich verfeinert und in der ihr eigenen Art ausgeführt, versteht sich. T. arbeitete schnell, engagiert und sehr professionell. „Hingebungsvoll“ ist bei jemandem wie ihr das richtige Wort.

Dann wurde sie krank. Schwer krank. Und alle, die sie kannten, drückten ihr die Daumen. Letztes Jahr im Sommer stand sie dann plötzlich vor mir, dort wo ich arbeitete, und sah wieder aus wie früher. Seit sehr vielen Jahren war ich nie so froh, jemanden wiederzusehen, wie in diesem Moment. Sie hatte die Therapien, die kaum besser sind als die Krankheit, endlich überstanden. Ich hatte lange nicht mehr so gute Laune wie an diesem Sommertag. Das war vor etwa fünf Monaten.

Jetzt ist T. tot. Einem Rückfall folgte eine rapide Verschlechterung ihres Zustandes in den letzten Wochen. Am Ende gab es nichts, was moderne Medizin noch für sie hätte tun können.
Ihr jüngster Sohn ist etwa so alt wie ich es war, als mein Vater starb. Noch keine drei. Und obwohl ich weiß, daß ihre Atome ebenso unzerstörbar sind wie meine, hinterläßt der Tod der Einhornmutter ein tiefes Verlustgefühl, eine Art zorniges Beleidigtsein über die Unfairness des Universums. Ich wünsche ihrem Mann und dem Rest der Familie alle Stärke und Kraft, die sie benötigen.

Ihr Weg endete zu früh. So viele Dinge, so viele Ideen werden nun unvollendet bleiben.
Ihre Asche ließ sie, diese großartige, friedliche Seele, die sie ist, in einer modernen Urne bestatten. Biologisch abbaubar. Eine Naturbestattung in einem Waldfriedhof. Man kann ihren Lebensstil, ihr Lebensgefühl und die Frau, die sie war, kaum besser symbolisieren als durch diesen Abschied. Ich werde mich genau so an sie erinnern. In aller Traurigkeit freue ich mich nachträglich noch viel mehr darüber, daß sich unsere Wege noch einmal gekreuzt haben, bevor ihre Reise um so viele Jahre zu früh endete.

Ich trage sie weiterhin mit mir. Ein kleines Stück von ihr zumindest. Wie andere Menschen auch. So lange ihre Werke noch da sind, wird auch sie uns begleiten. Jeden von uns. Wo immer unsere eigenen Reisen uns noch hinführen werden.

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