Unquiet Earth

Nacht.
Ich liebe die Nacht. Es ist fast das gleiche Gefühl, das ich für dich empfinde. Die Stadt bei Nacht. Diese wunderbare, leere, in sanfte Stille gehüllte Dunkelheit. Kaum menschliche Geräusche. Windrauschen in den Bäumen des Friedhofs. Kein Rauschen des schwachsinnigen Autoverkehrs auf der Straße.
Das Quietschen der Aufhängung der Natriumdampflampe über der großen Kreuzung. Sie saugt den blinkenden Lichtern der Ampelanlage die Farben aus. Silbern glitzernder Nieselregen vor stummen Maschinen, die weiter ihren Dienst verrichten. Ignorant gegenüber ihren angeblichen menschlichen Meistern.
Selbst diese allgegenwärtigen Maschinen scheinen einen Moment Pause zu machen. Durchzuatmen. Wenn sie denn atmen würden.

Leises Zischen meiner Reifen auf dem Asphalt. Wie so oft wünsche ich mir, daß die Stadt nach Sonnenaufgang so still und so für mich verfügbar bliebe, wie sie das unter dem Mantel aus Nacht und Dunkelheit zu sein scheint.
Manchmal stelle ich mir vor, morgens von der Stille geweckt zu werden. Keine Geräusche der Autos. Keine Busse. Kein dröhnender Pulsschlag unserer Maschinenzivilisation, der gerade Menschen zu ihren Arbeitsplätzern spült. In Schulen, Büros, Kaufhäuser, Supermärkte. Kein brummelnder, murmelnder Hintergundlärm, den wir Menschen von uns geben in diesen Ansammlungen, die offiziell „Stadt“ genannt werden.

Wie oft habe ich schon daran gedacht, auf dem Balkon zu stehen, etwas verwirrt und stirnrunzelnd, um dann die Abwesenheit dieses künstlichen Gemurmels zu realisieren. Dieses ständigen Selbstgespächs unserer Zivilisation, in dem sie sich versichert, so einzigartig zu sein, so großartig, so unüberwindbar.
Wie ich plötzlich registriere, daß ich allein bin. Alle anderen sind fort. Die Szene aus „Quiet Earth“ fällt mir ein. Der letzte noch auf dem Planeten verbliebene Mensch steht auf seinem Balkon und hält eine Rede an seine Hofgesellschaft aus Schaufensterpuppen im Garten.

Ich konnte schon immer gut mit Einsamkeit umgehen. Sehr oft habe ich das Gefühl, daß der Rest der Welt, dieses geschäftige Geschiebe, dieses hektische und oft sinnlose Gewimmel unserer Rasse, all diese angeblichen Individuen, die sich wie Blutkörperchen durch die Adern der Straßen unserer Metropolen schieben, etwas ist, zu dem ich nicht gehöre.
Etwas Abstraktes. Etwas Surreales. Eine neblige Vorstellung in meinem Kopf. Eine Art Projektion. Jeden Tag, ohne Unterlaß, rund um die Uhr. Wie Bakterien in einer Petrischale wimmelt Mensch über den Planeten.

Außer jetzt im Moment. Unsere Maschinen summen weiter. Sie produzieren Dinge für den unablässigen Konsum, der die Müllhalden der Welt füttert.
In den Häfen und diversen Fabriken wird jetzt immer noch gearbeitet.
Keine Ruhe, keine Rast in unserer Zeit. Denn die Maschinen müssen ausgelastet sein, um sich zu rechnen. Längst dienen wir den angeblichen Dienern, unter der Vorgabe eines höheren Ziels, daß die Götter der Ökonomie in krakeligen Linien auf Dashboards an Börsen malen.
Der Zwang der angeblichen Ökonomie zu Gewinnen in den Nachkommastellen, das computerisierte Abschöpfen halluzinierten Wohlstands darf niemals stoppen. Stillstand ist der Tod. Keine Zeit für Zweifel. Zweifel ist ebenfalls tödlich. So rauben die Errungenschaften der Technologie, die den Menschen befreien sollten, ihm heute Schlaf und Verstand. Fritz Lang würde sein Metropolis heute in jeder großen Stadt wiederfinden können. Der Nachthimmel über Berlin.

Friedhofsschicht. Drei Uhr morgens.
Wäre ich tatsächlich der letzte von uns, ich würde mich trotzdem auf die Reise machen. Nur ein paar Tage, nachdem ich aufwachte, würde ich mich auf die Suche machen nach den anderen. Ich denke, jeder würde das tun. Mensch ist ein von Neugier getriebenes Wesen.

Bei dir ist das anders. Du kannst Menschen ebensowenig leiden wie ich. Und doch zieht es dich in große Städte. Denn die Metropolis ist anonym. Alles ist zu jeder Zeit verfügbar. Von der Pizza an der Haustür über das Sushi bis hin zum Fick im Club, aufgehängt an Seilen wie ein Stück Vieh im Schlachthaus. Auch du bist unablässig verfügbar.

Und da alles immer verfügbar ist, ist irgendwann nichts mehr etwas Besonderes. Die Bewohner der Metropole verlieren den Blick für das Detail, die Kleinigkeiten.
Dich zieht es an verfallende Orte. Du magst diese Atmosphäre von vergangener Größe. Von stummer Zwecklosigkeit im Angesicht verstreichender Zeit. So, als wäre alles untergegangen und du allein auf dem Planeten.

Herunterbrechende Decken, alte Gleise, abblätternde Farben, bröselndes Gestein. Der Hauch einstiger Bedeutung. All das zieht dich magisch an, obwohl du dich ständig in das Leben der Stadt stürzt. Dich ablenkst. Auf Golfkursen oder beim Shopping. Großzügig gesponsert von deinem Puppenspieler. Du magst Menschen nicht besonders, aber du brauchst sie, um diese Stille in dir abzutöten, die dich langsam auffrißt. Silence like a cancer grows.

Stille und Einsamkeit sind dir ein Greuel. Denn wenn niemand da ist außer dir, mußt du mit dir selbst zurechtkommen. Trotzdem liebst du einsame Orte.
Ich habe dir einmal gesagt, daß du schreien müßtest. Brüllen, Toben, um diese Drachen in deinem Kopf aufzustacheln, sie aus ihren Höhlen zu treiben, bevor ihre Flammen dich wieder einmal verbrennen. Aber das tust du nicht. Stattdessen mißbrauchst du andere Menschen als Blitzableiter. Immer ist da dieses Berechnende, Kalkulierende. Niemals gibst du etwas von dir aus dir selbst heraus.

Du bist kein öffentlicher Mensch. Doch es macht dich geil, selbst das Stück Fleisch zu sein im Club. So lange du dabei die Augen geschlossen hast, macht es dich an. Und jedesmal, wenn du mir erzählt hast, wie dein Sklavenherr dir beibringt, ihn anzusehen, wußtest du genau, wie sehr du mir damit das Messer in meine Gefühle rammst. Es war amüsant für dich, mich bluten zu lassen.
Du wolltest mich niemals verletzen. Aber foltern wolltet du mich trotzdem.

Wie oft habe ich davon geträumt, du würdest mir in die Augen sehen. Wenn wir uns unterhalten. Über dich. Über uns. Oder beim Sex. Aber davor fürchtest du dich wie vor einem Auftritt auf einer Rednerbühne. Niemals hast du dich wirklich auf mich eingelassen, um so weit zu gehen.
Noch immer beißt du dir auf die Lippen, wenn du stöhnen solltest. Oder schreien, weil du das Brennen in deinem Innern nicht mehr aushältst.
Noch immer läßt du dich auf ein Ding reduzieren. Ein Objekt, dem Willen anderer unterworfen. Eine Maschine. Immer noch sagst du dir, daß du es gut findest. Daß es mich nichts angeht. Was sogar richtig ist.
Doch niemals fragst du dich, ob es dir gut tut.

Wie andere Menschen dich behandeln, so hast du auch mich behandelt. Als beiläufiges Objekt. Verfügbar und abrufbar. Immer wieder hast du das bestritten, hast du betont, wie viel ich dir bedeute.
Ich habe dir immer wieder geglaubt. Ich glaube selbst jetzt noch, daß dieses Verhalten nicht von Bösartigkeit getrieben war. Aber du hast es auch niemals geändert. Dir niemals Mühe gegeben, zu werden. Allen Schmerzen zum Trotz.
Ich hatte dir allen Schmerz versprochen, den du nur ertragen kannst. Jetzt, ohne mich, wird es schlimmer sein. Die Drachen aufzustören, genügt nicht. Du mußt auch lernen, sie zu reiten.

Die Reifen zischen leise weiter über den feuchten Asphalt. Um mich herum Menschen in ihren Träumen. Maschinen, die niemals träumen. In meinem Kopf immer noch du. Vielleicht warst du nur ein Traum. Das leise Zischen trägt mich meinem Ziel entgegen. Ich mag die Stadt bei Nacht.

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