Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“

„Du meinst dann, wenn sie aus unerfindlichen Gründen keine panische Angst davor hatte, uns mal zu vertrauen? Obwohl wir ihr nie was getan haben?“

„Ja.“

„Und was sie hinterher immer als sentimalen Mist wieder verworfen hat?“

„Ja.“

„So wie die gefühlt dreihundertausend Mal, wenn sie uns unfaßbar scharf gemacht hat mit irgendwelchen Bildern, und uns dann hat im Regen stehen lassen?“

„Ja-haaa“, tönt es aus der Mähne der Fabeltiers leicht genervt zurück.

„Aber wie viele Minuten Offenheit waren das in der ganzen Zeit? Warum war es unser Problem, daß sie mit ihrer Art ein Magnet für Männer ist, die sich als echte Arschlöcher herausstellen?“

„Vielleicht hat sie dich…“

„Uns…“

„…uns so oft mit Händen und Füßen abgewehrt, weil sie befürchtet hat, wir würden uns auch in Arschlöcher verwandeln?“

„Super Argument. Wo sie doch oft alles dransetzt, genau das zu provozieren“, sage ich grummelnd und strecke dem elenden Vieh die Zunge raus.

„Nicht, daß wir ihr das nicht dutzendfach gesagt hätten. Hätte sie bloß einer rechtzeitig gewarnt!
Und wie viele recht eindeutige Hinweise, daß Mutation zum Arschloch eben nicht der Plan ist, kann man einer Person geben? Außerdem waren die Typen, die sie immer anzieht, damit die sie ausziehen, auch vorher schon Arschlöcher, die das aber zwischendurch mal überspielen können. Ich war immer einer, der manchmal kurz ein Arschloch sein kann, aber…“

„…der sich dann dafür hinterher nicht mag. Im Gegensatz zu den anderen Typen“, sagt das Fabeltier und glitzert fröhlich und gemein an diesem Montagmorgen. Einhörner sind echt manchmal voll die Psychopathen.

„Es ist manchmal echt anstrengend mit dir, weißt du das?“

„Klar weiß ich das. Ich bin du. Und du bist manchmal auch anstrengend.“

Ich hasse es zutiefst, wenn das verdammte Glitzervieh recht hat. Aber das verdammte Glitzervieh hat recht. Es kennt mich halt gut. Was nicht verwunderlich ist.

„Gib mir mal die Bürste rüber endlich. Und putz dir die Glitzerstreifen. Draußen ist es neblig.“

„Sag mal…“, sagt Einhorn und schweigt einen Moment nachdenklich, während es Erinnerungsglitzer verstreut.

„Was?“

„Glaubst du, sie würde lächeln, wenn wir sie küssen, bevor wir gehen?“

„So habe es mir immer vorgestellt, Einhorn. Aber unser Bett ist leer.“

„Aber du würdest es tun, oder? Auch nach all dem Scheiß?“

„Immer“, gebe ich mit einem Seitenblick zurück. „Immer wieder. Ich könnte gar nicht anders.“

 


Das Beitragsbild ist von Federico Baronti, der auch unter dem Einhorn zu finden ist. Das Werk ist betitelt „La zona de crepusculo“, was so viel bedeutet wie „Zwielichtzone“, wenn ich das korrekt übersetzt habe. Es entstammt einmal mehr der Quelle des Dark Beauty Magazine.

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