Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.

Ich habe keine Lust mehr darauf, nur zu funktionieren. Meine primäre Funktion ist  nämlich in erster Linie, ich zu sein. Mein größter Wunsch ist es, die Person aufzutreiben, die mit mir geistig so weit kompatibel ist wie nur möglich. Wobei ich dachte, das wäre schon passiert. Aber so ist das eben: Man irrt sich, läuft über Holzwege, tritt in die verdammte Bärenfalle, vor der einen alle gewarnt haben.

Diese ganze Welt will uns immer glauben machen, es sei ein Zeichen von Schwäche, eine Niederlage zuzugeben. Ich selbst habe das lange geglaubt. Ich weiß allerdings nicht mehr, warum. Denn diese Ansicht ist scheiße. Welchen Sinn soll es haben, in eine Höhle zu klettern, ihrem Lauf zu folgen und irgendwann vor einer Felswand zu stehen ohne Löcher, Türen, Kamine oder weitere Wege – und dann so zu tun, als wäre das nicht das Ende des Weges?
Es ist eine Sackgasse, da geht es nicht weiter. Nirgendwohin. Es ergibt keinerlei Sinn, sich vor den Felsen aufzubauen und zu behaupten, man käme bald zurück, um dem Weg weiter zu folgen, der gar nicht da ist. Und warum auch? Die Höhle ist ja trotzdem erforscht.

Nichts ist falsch daran, eine Niederlage zuzugeben. Falsch ist es, so zu tun, als gäbe es keinen Schmerz und es blutete nicht, wenn man sich gerade in die Finger geschnitten hat oder jemand anders einem ins Herz oder die Seele.
Es ist eine der Lügen für Kinder, wenn wir uns selbst und anderen versichern, daß alles wieder gut wird. Manche Dinge werden nie wieder gut. Dafür schneiden sie zu tief ein in unser Inneres, unser Leben. Und wenn etwas – oder jemand – so tief schneidet, bluten wir dann nicht?

In der Erwachsenenwelt nimmt das Lügen die Form von Berufen an. Motivational Speaker. Sie alle finden prima Rezepte, mit denen es der Einzelne weiter aushalten soll in der Gesellschaft, in der wir leben. Aber in den Augen dieser Vollidioten liegt der Fehler immer beim Individuum. Das System versagt niemals. Aus den Lügen für Kinder werden Psychohirnwäschen für Erwachsene, durchgeführt von bekloppten Marionetten. „Shakka – du schaffst das!“
Ob es irgendeinen Sinn ergibt, das jeweilige Dingsbums zu schaffen, ob man das überhaupt will – wen interessiert das? Das System versagt nie. Die Sinnfrage darf nicht gestellt werden. Es st die gefürchtete Kinderfrage. Sie lautet: Warum?

Deswegen bluten wir niemals in der Öffentlichkeit. Sterben langsam im Verborgenen. Alle heucheln weiterhin Interesse für den Affen auf der Bühne und denken an das nächste Gehalt. Das Wochenende. Den Urlaub. Das Messer in der Schublade. Die Axt in der Garage.

Blutet. Blutet! Nicht um Gottes Willen, sondern um euer selbst Willen. Und versucht nicht, das zu verbergen. Darüber hinwegzulächeln. Offene Verwundbarkeit bedeutet Stärke. Sie bedeutet Stolz. Es bedeutet Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und erst daraus erwächst man zu sich selbst. Es gibt keine andere Möglichkeit. Geburten sind mit Schmerz verbunden. Unsere Knochen schmerzen, wenn wir wachsen. Wenn Bäume die Erdoberfläche durchbrechen, empfinden sie Schmerz. Zumindest bin ich davon überzeugt.

In Wirklichkeit sind es die Dinge, die mich getötet haben, sind es Blut und Tränen, die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin. Jede Wiedergeburt ließ mich der Person entgegenreifen, die mir heute aus dem Spiegel entgegenschaut. Sie ist nicht stärker als die Personen von früher. Sie ist klüger. Sie weiß mehr über sich selbst. Sie hat aufgehört, sich zu belügen. Jedenfalls meistens. Erosion formt unnachgiebiges Gestein immer nach ihrem Willen. Das Gras neigt sich immer im Wind.


Das Titelbild entstammt dem Musikvideo zum Song „How“. Die dazugehörige Band heißt „Daughter“ und die wunderbar melancholische Stimme der Leadsängerin gehört Elena Tonra.

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4 Gedanken zu “Im Freien bluten

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